Die als „Pottendorfer-Linie“ bezeichnete Nebenstrecke verbindet Wien-Meidling über Pottendorf mit Wiener Neustadt. Sie wird zurzeit modernisiert und durchgängig auf Doppelspur ausgebaut. Nach der Fertigstellung wird die Pottendorfer-Linie die Magistrale Wien-Wiener Neustadt über Baden entlasten. Weiter wird der Anschluss des grossen Güterterminals Wien Süd Richtung Semmering verbessert.
Zwei der drei Abschnitte der modernisierten Strecke sind bereits in Betrieb. Die Arbeiten am dritten Teilstück werden 2020 aufgenommen, und ab 2023 soll die gesamte Strecke in Betrieb genommen werden.
Im Rahmen der Studienreise im November 2019 haben wir die Pottendorfer-Linie besichtigt. Neben dem hochwertigen Ausbau der Strecke haben uns vor allem die neuen Bahnhöfe beeindruckt.
Überblick
Der Auszug aus dem Eisenbahnatlas EU von Schweers+Wall zeigt die strategische Bedeutung der Pottendorfer-Linie. Neben den einleitend erwähnten Funktionen ist die Pottendorfer-Linie Bestandteil des Baltisch-Adriatischen Güterverkehrskorridors und nimmt auf ihrem südlichen Teil ab Wampersdorf auch die Güterzüge aus dem neuen Wiener Zentralverschiebebahnhof auf.
Eisenbahnlinien zwischen Wien und Wiener-Neustadt, rechts die Pottendorfer-LinieSchema der Pottendorfer-Linie
Zudem hat die Pottendorfer-Linie das Potential, mit kurzen Spangen in Ebenfurth und Wulkaprodersdorf die Reisezeit zwischen Wien und der Hauptstadt des Burgenlandes, Eisenstadt, substantiell zu verkürzen.
Wiener Neustadt – Wampersdorf
Die rund 17
km lange und für 140 km/h zugelassene Strecke zwischen Wiener Neustadt und
Wampersdorf wurde bereits vor einigen Jahren auf Doppelspur ausgebaut.
Gegenwärtig werden ein paar Bahnhöfe an diesem Teilstück modernisiert und
Lärmschutzwände errichtet. Im Zuge des Doppelspurausbaus wurde der Bahnhof von
Ebenfurth an den nördlichen Dorfrand verlegt.
südlicher und seit längerem auf Doppelspur ausgebauter Abschnitt der Pottendorfer-Linie
Wampersdorf – Münchendorf
Im mittleren
rund 10 Kilometer langen Abschnitt zwischen Wampersdorf und Münchendorf wird
die Bestandesstrecke im Ortszentrum von Ebreichsdorf aufgegeben und durch eine
grosszügige und für 160 km/h trassierte doppelspurige Umfahrungsstrecke
ersetzt. Die Linienführung war lange umstritten. Unseres Erachtens hätte man die
bestehende Einspurstrecke durch Ebreichsdorf durchaus mit einem zweiten Gleis
ergänzen können. Die Bauarbeiten für die neu für 160 km/h zugelassene Strecke
beginnen anfangs 2020 und umfassen auch einen neuen Bahnhof. Mit dem Abschluss
der Bauarbeiten 2023 kann die gesamte Pottendorfer-Linie in Betrieb genommen
werden.
mittlerer Abschnitt der Pottendorfer-Linie (Realisierung zwischen 2020 und 2023)
Münchendorf – Hennersdorf (- Wien Meidling)
Der
nördliche Abschnitt zwischen Münchendorf und Hennersdorf ist 13,4 Kilometer
lang und wurde im November 2019 eingeweiht. Die Streckengeschwindigkeit beträgt
200 km/h. Die Strecke erschliesst auch das Güterterminal Wien-Süd.
nördlicher und im November 2019 in Betrieb genommener Abschnitt der Pottendorfer-Linie
Im Zuge des
Doppelspurausbaus wurde die Strecke begradigt. Grössere Abschnitte wurden
teilweise in Hochlage neu trassiert. Die drei in diesem Abschnitt gelegenen
Bahnhöfe Münchendorf, Achau und Hennersdorf wurden neu gebaut und mit
grosszügigen Park and Ride-Anlagen und mit Abstellplätzen für Fahrräder
ausgestattet.
Die
folgenden Bilder belegen den hochwertigen Ausbaustandard der neuen Bahnhöfe.
Zudem wurden alle Bahnübergänge durch Über- oder Unterführungen ersetzt.
Blick nach Norden von einem der beiden Bahnsteige im Bahnhof MünchendorfBlick vom Bahnsteig in Münchendorf in südlicher RichtungUnterführung im Bahnhof MünchendorfAussenansicht des Bahnhofs MünchendorfEindruck vom Bahnhof AchauOstseite des Bahnhof Achau mit Busstation und StrassenunterführungZugang aus Westen zu den beiden Unterführungen in AchauFussgängerunterführung im Bahnhof AchauTreppenaufgang zu einem der beiden Bahnsteige im Bahnhof AchauTreppe zum Bahnsteig vom Bahnhof Achaumit Natursteinplatten verkleiderter Liftschacht im Bahnhof von AchauEindruck vom Bahnsteig im Bahnhof von HennersdorfAussenansicht des Bahnhofs von HennersdorfAutoabstellplätze unter dem Bahnhof von HennersdorfFahrradabstellplätze unter dem Bahnhof von HennersdorfAussenansicht des Aufgangs zum Bahnhof von HennersdorfTreppe zumBahnsteig im Bahnhof HennersdorfBick von oben auf eine der beiden Treppen im Bahnhof HennersdorfEindruck von einem der beiden Bahnsteige des Bahnhofs HennersdorfBlick auf das Terminal Wien Süd (ganz rechts die Geleise der Pottendorfer-Linie
Noch
ausstehend ist der Ausbau eines kurzen Einspurabschnitts im Bereich des
Bahnhofs Wien Meidling auf Doppelspur.
Kommentar
Nachdem wir im November 2018 die Pottendorfer-Linie erstmals befahren und die Bauarbeiten im nördlichen Abschnitt besichtigt hatten, konnten wir die Eindrücke bei der Studienreise 2019 vertiefen. Die Eindrücke waren überwältigend.
Bahnhöfe sind eine wichtige Visitenkarte der Eisenbahn. Sie üben eine wichtige Brückenfunktion zwischen Fahrgast und Zug aus. In den Bahnhöfen spiegeln sich die Wertschätzung und der Respekt des Transportunternehmens für seine Fahrgäste. Die Aussage gilt auch in Gegenrichtung. Wer durch hochwertige und benutzerfreundliche Bahnhöfe einsteigt, wird sich als Fahrgast im Zug korrekter verhalten, als derjenige, der dies durch lieblose und heruntergekommene Bahnhöfe tut. Auch dürften hochwertige und hell beleuchtete Bahnhöfe das Risiko von Vandalenakten stark reduzieren.
Eindrücklich sind auch die Schallschutzmassnahmen bei der Pottendorfer-Linie, die Abstellplätze für Autos und Fahrräder sowie die Führung der Strassen im Bereich der Bahnhöfe.
Hinweis
Ein Teil der hier verwendeten Fotos wurden Prospekten von ÖBB Infra oder Wikipedia entnommen oder wurden uns freundlicherweise von Jan-Christian Benk zur Verfügung gestellt. Dafür bedanken wir uns bestens. ÖBB Infra wünschen wir eine reibungslose und termingerechte Fertigstellung des Abschnitts von Wampersdorf nach Münchendorf.
Am 27. November 2019 wurden die Bahnjournalisten Schweiz von Jacques Boschung, seit Anfang 2019 Leiter der Division Infrastruktur, zu einem «Kamingespräch» an den Hauptsitz der SBB in Bern-Wankdorf eingeladen. 15 Mitglieder der Bahnjournalisten nahmen an diesem hoch interessanten und aufschlussreichen Anlass im legendären als Fahrplanwerkstatt bezeichneten Saal teil. An Stelle eines realen Kamins projizierte ein Beamer einen Film von einem brennenden Kaminfeuer, was dem Saal eine freundliche Atmosphäre gab.
In diesem
Beitrag fassen wir den Verlauf des Kamingesprächs zusammen und fügen am Schluss
ein paar persönliche Anmerkungen bei.
„Kamingespräch“ mit Jacques Boschung
Kurz nach
17.15 Uhr leitete Sylvain Meillasson von den Bahnjournalisten den Abend ein,
begrüsste Jacques Boschung, Bereichsleiter Infrastruktur, und Jürg Grob von der
Medienstelle der SBB und bedankte sich für die Einladung.
Nachdem
Jacques Boschung und Jürg Grob die Anwesenden seitens der SBB begrüsst hatten,
begann das Kamingespräch. Im ersten Teil stellte Jürg Grob Jacques Boschung im
Rahmen eines Interviews eine Reihe von Fragen zur Person des Gastgebers sowie
zu seinen Erfahrungen und Absichten.
Jacques
Boschung hat an der ETH Physik studiert und hatte vor seinem Eintritt in die
SBB bei Dell eine leitende Stellung inne. Obschon aus einer Eisenbahnerfamilie
im Kanton Freiburg stammend – sein Vater war Werkstattchef der in der heutigen
TPF aufgegangenen freiburgischen Privatbahn GFM und seine Mutter arbeitete
mehrere Jahre im gleichen Bahnunternehmen – hatte Jacques Boschung nie an eine
Aufgabe bei der SBB gedacht. Die Anfrage des Personalberaters war denn auch
ziemlich überraschend. Er nahm die Herausforderung aber an und war schon kurz
nach seinem Eintritt von der Bedeutung der SBB für die schweizerische
Volkswirtschaft enorm tief beeindruckt. Die Begeisterung ist seit seinem
Eintritt vor knapp einem Jahr weiter gewachsen – er fühlt sich wohl und hat
seine Zusage nie bereut.
Die Frage,
ob Jacques Boschung bei den SBB angekommen sei, müsse man nach ihm an seine
Mitarbeitenden adressieren. Er jedenfalls hat bei seinen rund 10‘000
Mitarbeitenden viel Begeisterung und Leidenschaft für das Unternehmen
festgestellt.
Jacques
Boschung freut sich auf die demnächst erfolgende Inbetriebnahme von CEVA, der
grenzüberschreitenden Eisenbahn im Raum Genf. Man rechne mit 50‘000 Fahrgästen
pro Tag, was dem Grossraum Genf einen grossen Schub an Lebensqualität
verschaffe. Dadurch soll der Autoverkehr um 12 Prozent abnehmen, was die
lästigen und umweltbelastenden Staus auf den Genfer Strassen zum Verschwinden
bringen werde.
Auf die
Frage angesprochen, ob die SBB am Anschlag seien, antwortet Jacques Boschung,
dass die zahlreichen Baustellen und die fehlenden Züge zurzeit tatsächlich
einen Engpass zur Folge haben. Allerdings beeinträchtige dieser trotz dem
tragischen Unfall eines Zugschefs vor wenigen Monaten die Sicherheit
keinesfalls – diese geniesse auch weiterhin absolute Priorität.
Jacques
Boschung bezeichnet 2020 als kritisches Jahr für die SBB. Die stattliche
Erhöhung des Angebots, der Mangel an Lokomotivführern und zahlreiche Baustellen
führen zu einer angespannten Situation. Jacques Boschung sieht Potential bei
der Koordination der Massnahmen zwischen den Bereichen. So lassen sich die
Herausforderungen meistern.
Die SBB und
das BAV befänden sich im gleichen Haus, unter dessen Dach gelegentlich
ungleiche Meinungen bestehen. Auch die Einflussnahme der Politik sei oft
erstaunlich – so habe der wegen Baustellen vorübergehend ausgesetzte Halt der
IR15 Genève-Aéroport–Luzern in Romont zu mehreren Demarchen von namhaften
Politikern geführt.
Jacques
Boschung ist überzeugt, dass die SBB die Mehrleistungen durch den Ausbauschritt
AS 2035 bewältigen können. Die Leistungsvereinbarung mit dem Bund sieht für 2020
CHF 372 Mio. für die ungedeckten Kosten der Instandhaltung und des Betriebs der
Infrastruktur und CHF 1‘540 Mio. für Erneuerungsinvestitionen vor. Dazu kommen
CHF 850 Mio. für Erweiterungsinvestitionen (ZEB, HGV, FinöV, AS 25 u.a.).
Gegenwärtig
wird die Leistungsvereinbarung LV 2021-2024 mit dem BAV ausgehandelt. Man geht
von einem Betrag von CHF 6,2 Mia. für Erneuerungen und CHF 1,3 Mia. für den
Unterhalt aus.
Mittelfristig
sollen die Investitionen bis 2028 zusammen mit dem AS 2035 auf jährlich CHF 3,8
Mia. steigen. Engpässe sind denkbar im Zuge des Ausbauschritts 2045, der über
CHF 9 Mia. kosten soll. Eine bessere Synchronisierung der Baumassnahmen kann
die Effizienz steigern.
Gemäss Jacques
Boschung wurden im ersten Halbjahr 2019 insgesamt 28 Prozent der Verspätungen
durch die Division Infrastruktur verursacht, davon zehn Prozentpunkte durch
Anlagen und vier Prozentpunkte durch Baustellen.
Der Netzzustand 2018 wird mit 2,7 beurteilt, also knapp «gut». Immerhin werden jährlich 230 Kilometer Gleis erneuert, bei total rund 6’200 Hauptgleis-Kilometern. Der in Franken bewertete Rückstand beträgt rund CHF 5 Mia. Schwachstellen mit dem Zustand 4 und 5 werden umgehend eliminiert. Der als Rückstand bezeichnete Betrag umfasst den Wiederbeschaffungswert von Anlagen, die entweder als ungenügend (4) oder schlecht (5) bewertet wurden. Sicherheitsmängel werden kompromisslos beseitigt.
Die
Umsetzung von Smart Rail 4.0 sollen die Kapazität und die Effizienz des
Eisenbahnbetriebs substantiell erhöhen. Unter anderem sind neue
Stellwerkkonzepte angedacht. Gegenwärtig sind über 20‘000 Eurobalisen
installiert. Diese müssen bei Umstellungen jeweils einzeln vor Ort neu
programmiert werden. Mutationen sollen inskünftig aus der Ferne erfolgen. Die
Umstellung von festen Blöcken auf „Moving Blocks“ (ETCS Level 3) soll die
Kapazität der Strecken steigern, benötigt aber eine dauernde
Zugvollständigkeitskontrolle.
Die Vielfalt
der heute eingesetzten Planungs- und Steuerungssysteme soll durch
Zusammenlegungen von Systemen und eine erhöhte Datendurchlässigkeit reduziert
werden. Die entsprechenden Kosten werden über die Leistungsvereinbarung
finanziert. Die Signalisierung und Zugbeeinflussung verlagern sich teilweise
von der Infrastruktur auf die Fahrzeuge.
Der Bahnfunk
GSM-R (2G) muss in den nächsten Jahren abgelöst werden. Die europäischen Bahnen
sind an der Entwicklung des Future Railway Mobile Communication System (FRMCS)
auf der Basis von 5G.
Auf die
Frage nach selbstfahrenden Zügen weist Jacques Boschung auf die rasante Entwicklung
der Informationstechnologie hin. Alle achtzehn Monate verdoppeln sich weltweit
Rechner- und Speicherkapazität. Gegenwärtig lässt sich die Frage nach den
Aussichten für das autonomen Fahren nicht beantworten, man geht bei den SBB
mittelfristig von einem weiteren Bedarf an Lokomotivführern aus.
Die Division
Infrastruktur wurde entlang der Geschäftsprozesse tiefgreifend reorganisiert.
Mit dem Ziel einer erhöhten Kundenorientierung werden 200 zusätzliche
Mitarbeiter eingestellt. Die Vertretungen der Mitarbeitenden haben sich gegen
einen Teil der Reorganisation gestellt und eine Denkpause bewirkt.
Verhandlungen sind im Gang.
In der
Leitungsorganisation der Division Infrastruktur besteht Stabilität. Seit dem
Eintritt von Jacques Boschung hat nur der Finanzchef gewechselt. Jacques
Boschung bezeichnet das gute Team als wichtige Voraussetzung für die Life
Balance und lässt die Frage offen, ob er sich als neuen CEO denken könnte.
Plenumsdiskussion
Nach dem
Interview entwickelt sich eine intensive Diskussion, bei der Jacques Boschung
zahlreiche Fragen beantworten kann. Die angeregten Gespräche werden beim
abschliessenden Apéro bis kurz vor 19.30 Uhr weitergeführt.
Das
Netznutzungskonzept für den Gotthard- und den Ceneri Basis-Tunnel wird besprochen.
Beim Betriebsbeginn der CBT stehen im GBT aufgrund von Auflagen des BAV stündlich
4 ½ Trassen für Güter-, 1 ½ Trassen für Fernverkehrs- und 2 Trassen für
S-Bahnzüge zur Verfügung. Ein „Superveloce“ Zürich–Mailand mit Halt nur in
Lugano ist vorderhand kein Thema. Hingegen soll die Höchstgeschwindigkeit der
Reisezüge zur Sicherstellung der Fahrplanstabilität auf 230 km/h erhöht werden.
ETCS Level 2 wurde primär für den Hochgeschwindigkeitsverkehr geschaffen. Die Einführung verlief holprig, und der finanzielle Rahmen wurde gesprengt. Offene Fragen bestehen bezüglich den Knoten und dem Mischverkehr. Einen grossen Schritt vorwärts soll ETCS Level 3 bringen. Hier kann ein Zug genau auf dem Netz lokalisiert werden und nicht mehr nur, in welchem Streckenabschnitt er sich befindet. Dadurch können die Zugfolgezeit verkürzt und der Fahrplan verdichtet werden. ETCS Level 3 und FRMCS-Bahnfunktechnologie ermöglichen die angestrebte Erhöhung der Kapazität. Die Technologie verbessert auch die Interoperabilität.
Die Einführung von ETCS Level 3 sollte in enger Zusammenarbeit mit den
europäischen Bahnen und Gremien erfolgen. Das Branchenprogramm smartrail 4.0,
mit den Schweizer Partnern SBB, BLS, SOB, Rhb, tpf und VöV, erarbeitet deshalb
die Grundlagen für einen industrialisierten ETCS-Rollout in enger Abstimmung
mit den europäischen Initiativen und Bahnen. Die Schweiz wäre gemäss Jacques
Boschung für das Vorantreiben dieses komplexen Programms prädestiniert.
Ein Votant
ist unsicher, ob die personellen Kapazitäten im Bereich Infrastruktur für die
laufenden Arbeiten und die Projekte des Ausbauschritts 2035 tatsächlich
ausreichen. Eine Beschleunigung bei der Erneuerung der Gleise auf mehr als 108
Meter pro Schicht ist nicht in Sicht. Ein Votant spricht sich für «einfachere
Lösungen» als der Brüttener- und der Zimmerbergtunnel aus. Auch hier, so
Jacques Boschung, liegt der Entscheid bei der Politik.
Kommentar fokus-oev-ch
Vorab ein grosses Dankeschön an Jacques Boschung und seine Kollegen für den freundlichen Empfang und die interessanten und offenen Informationen. Wir waren sehr beeindruckt – erfolgversprechende Konzepte werden entwickelt, und viel wird angepackt. Eine gewisse Skepsis aber bleibt, und wir möchten kurz darauf eintreten.
Die Unterschiede der persönlichen Profile innerhalb des Bereichs Infrastruktur und die sich daraus ergebenden kulturellen Konsequenzen erscheinen uns enorm. Wir haben uns gefragt, wie die top ausgebildeten Kaderleute mit den handwerklich tätigen Mitarbeitenden harmonieren, die beispielsweise draussen bei Sturm und Regen Reparaturen an Geleisen ausführen müssen.
Für uns stellt sich weiter die Frage, ob und wie erfolgversprechend die verstärkte Ausrichtung des Fokus auf die Elektronik zur Effizienzsteigerung des Bahnsystems funktionieren kann. Mehrere grosse IT-Projekte wie die Einführung von ETCS, das Personaleinsatzsystem Sopre oder jüngst das neue Funksystem Lisa boten enorme Schwierigkeiten. Entweder war die durch eigene Mitarbeiter produzierte Software ungenügend, oder das Projektmanagement und die Überwachung von Drittfirmen haben versagt. Kein gutes Omen für die ehrgeizigen Projekte.
Pressemeldung über Probleme bei der Einführung von Lisa
Twindexx, der neue Neigezug, steht mahnend im Raum. Die Erwartung, mit einer revolutionären Technologie auf die traditionelle Neigetechnik einerseits und Netzausbauten andererseits verzichten zu können, hat sich bis dato kaum erfüllt. Wir hoffen nicht, dass smartrail 4.0 einen ähnlichen Verlauf nimmt. Eierlegende Wollmilchschweine gibt es nur auf dem Papier. Die Zeitfenster für die Einführung von ETCS Level 3 werden immer enger – namhafte Experten befürchten, dass die Technologie bei der Einführung von smartrail 4.0 überholt sein wird.
Und ein Letztes – neben dem repräsentativen neuen Hauptsitz in Wankdorf sind wir mit den Verwaltungsgebäuden in Zürich-Altstetten oder Zollikofen vertraut. Die Unterschiede zwischen diesen Gebäuden und dem Zustand von bestehenden oder kürzlich erneuerten Bahnhöfen sind riesig. Wir denken etwa an Vorortsbahnhöfe von Winterthur oder Zürich. Auffallend sind auch konstruktive und ausführungsmässige Mängel. Da tauchen unwillkürlich Bilder aus Deutschland auf – ein mondäner Hauptsitz am Potsdamerplatz in Berlin und unzählige heruntergewirtschaftete Bahnhöfe in der Fläche.
Dazu ein paar zufällig ausgewählte Bilder. Es bleibt zu hoffen, dass die architektonisch lieblos gestaltete und handwerklich unzureichende Ausführung nicht auf die Funktionstüchtigkeit durchschlagen.
stark frequentierter Seiteneingang zum Bahnhof ZugMonitore in der repräsentativen Halle des Bahnhofs Zug – ersetzen die trotz zahlreichen Verbesserungen untaugliche grosse Anzeigetafel (im Bild nicht sichtbar)Detail vom Fundament einer Anzeigetafel – billigste und handwerklich höchst unzureichende AusführungAufhängung der Stromschiene vor dem denkmalgeschützten Bahnhof Zürich-Enge – unverständlich, dass die Denkmalpflege der Stadt Zürich eine solche Lösung überhaupt zugelassen haben.erneuerte Unterführung im stark frequentierten Bahnhof Zürich-Wollishofen
Am 30. November 2019 bot sich endlich wieder einmal Gelegenheit zu einer Bahnreise nach Varese. Im Bahnhof der RFI in Varese – daneben hat es einen zweiten Bahnhof der „alten“ Ferrovia Nord Milano – musste ich umsteigen und gelangte durch die renovierte Unterführung zum Aufnahmegebäude. Dabei fertigte ich die folgenden für sich selbst sprechenden Bilder an – wirklich keine Fotomontagen.
Blick zurück in die UnterführungBlick vorwärts in die Unterführung mit dem PersonenliftAufgang aus der Unterführung Blick hinunter in die UnterführungBlick auf den PerronSchalterhalle des Bahnhofs
Reiseerfahrungen
Am morgen früh standen im Zürcher Hauptbahnhof zwei Triebwagenzüge des Typs ETR 610 zur Abfahrt bereit. Man war froh, nicht allzu eng sitzen zu müssen. Doch weit gefehlt – die Kupplungen schlossen nicht, und der vordere Zugteil wurde weggestellt. Die zahlreichen Fahrgäste drängten sich in den verbliebenen Zug, und bereits bei der Abfahrt um 07.10 Uhr herrschte ein arges Gedränge. Die Sache hatte für ein paar Bekannte von mir aber auch eine gute Seite – sie konnten die Fahrt nach Lugano in der ersten Klasse mit einem Billett der zweiten Klasse geniessen.
Der Eindruck täuscht – die Verbindung funktionierte nicht.
In Mendrisio wechselte ich von der S-Bahn nach Chiasso in die S40 25415 nach Varese. Bis zur Grenze konnte ich die Mitreisenden im vierteiligen Flirt an einer Hand abzählen – ein bitteres Bild. Zu meiner Erleichterung stiegen in allen Bahnhöfen ab Cantello/Gaggiolo jeweils zahlreiche Fahrgäste ein, so dass der Zug Varese zu guter Letzt mit rund achtzig Personen erreichte.
Weshalb die Schweizer Behörden und die SBB es bis dato in Zusammenarbeit mit ihren italienischen Partnern nicht geschafft haben, schnelle Reisezüge von Lugano zum Flughafen von Malpensa mit einer attraktiven Fahrzeit von etwa mehr als einer Stunde zu betreiben, weiss ich nicht. Hier liegt ein grosses Potential brach, und niemand setzt sich für Verbesserungen ein.
Der Kanton Tessin könnte doch Trenord bitten, einige der für den viermal pro Stunde von Mailand zum Flughafen verkehrenden „Malpensa-Express“ eingesetzten Triebwagenzüge ETR 425 an die schweizerischen Verhältnisse anzupassen und stündlich von Bellinzona über Lugano und Varese nach Malpensa zu fahren.
Die grosse Ernüchterung nach der Ankunft in Zürich-Wollishofen
Auf der Rückkehr aus dem Süden stieg ich um 14.30 Uhr in Zürich-Wollishofen aus der S-Bahn aus und begab mich durch die kürzlich erneuerte Unterführung zur Bushaltestelle. Dabei wurde ich – noch voll positiver Eindrücke aus Varese – in mit folgenden Bildern konfrontiert. Kein Kommentar.
Abgang vom BahnsteigBlick zurück in die Unterführung
Die Schweiz verfügt zweifellos über ein hoch entwickeltes öffentliches Verkehrssystem, das vielen Ländern als Vorbild gilt. Zahlreiche Verbesserungen sind angedacht oder im Gang. Aber auch im Ausland gibt es grosse Fortschritte und wegweisende Innovationen. Das gilt im Besonderen für Österreich.
Deshalb führen wir auch in diesem Jahr wieder eine spannende und intensive Studienreise nach Österreich durch. Neben der Besichtigung von neuen Bahnhöfen besichtigen wir (a) das Multimodale Mobilitätskonzept der Stadt Linz, (b) besuchen wir die Eisenbahntechnische Abteilung der Technischen Universität Graz und (c) nehmen vor Ort einen Augenschein vom Ausbau und der Modernisierung der „Pottendorfer Linie“, der zweiten Verbindung zwischen Wiener Neustadt und Wien.
Höhepunkte
Nachstehend ein Überblick über die Höhepunkte der vom 20. bis zum 22. November 2019 stattfindenden Studienreise:
Besichtigung des Hauptbahnhofs von Salzburg
Präsentation des Multimodalen Mobilitätskonzepts der Stadt Linz durch Herrn Albert Waldhör, CEO von Linz Linien
Besuch des historischen Bahnhofgebäudes von Selzthal, einem früher noch bedeutenderen Bahnknoten
Besichtigen und teilweises Befahren des westlichen Teilstücks der Koralmbahn, der neuen Direktverbindung zwischen Klagenfurt und Graz
Führung durch die europaweit führende Eisenbahntechnische Abteilung der Technischen Universität Graz
Fahrt über die bereits 1853 eröffnete Gebirgsbahn über den Semmering
Befahren der sich im Umbau befindenden „Pottendorfer Linie“, Besichtigung des Bahnhofs von Achau und des dortigen Informationszentrums
Besichtigung des Bahnhofs von Wien Aspern
Fahrt mit der U-Bahn nach Wien und Rundgang im neuen Hauptbahnhof von Wien und dessen Umgebung
Universität Graz (Quelle: Website der TU Graz)
Reisedetails
Für weitere Angaben der Reise verweisen wir auf das unter dem folgenden Link verfügbare Detailprogramm:
„20-Minuten“ berichtet in ihrer Ausgabe vom 22. August 2019, dass der Anteil der Eisenbahn am Personenverkehr in der Schweiz von 2010 bis 2017 von 22,3 Prozent auf 19,2 Prozent gefallen ist. Ein Rückgang von 3,1 Prozentpunkten oder 14 Prozent innert sieben Jahren – eine bittere Botschaft für die Umwelt und für die Freunde des öffentlichen Verkehrs.
Andreas Keller, Sprecher des Verbandes öffentlicher Verkehr, hofft, dass mit dem beschlossenen Ausbau der Infrastruktur für CHF 13 Milliarden und dem Einsatz von neuen Technologien eine Trendwende möglich ist. Rolf Steinegger, Verkehrsexperte, führt im Interview aus, dass ohne Road Pricing das Auto als Verkehrsmittel attraktiv bleiben wird.
Würdigung
Mit dem mit CHF 13 Milliarden dotierten Ausbauschritt 2030/2035 werden vor allem seit langem bekannte Schwachstellen beseitigt. Die wesentlichen Massnahmen konzentrieren sich schwergewichtig auf den Grossraum Zürich. Die übrige Schweiz profitiert wenig. Wichtige Vorhaben wie der Ausbau des Knotens Luzern, umweltgerechte Zufahrten zu den Tunnels der NEAT, der dritte Juradurchstich oder Neubaustrecken von Lausanne nach Genf, von Roggwil nach Zürich-Altstetten oder von St. Gallen nach Winterthur bleiben auf der Strecke.
Dazu kommt, dass gemäss den Ausführungen von Peter Füglistaler, Chef des Bundesamts für Verkehr, stark limitierende Engpässe für Mehrverkehr nicht nur auf den Strecken, sondern auch bei grossen Bahnhöfen bestehen.
Verbesserungen bei der Infrastruktur werden es allein nicht richten – es braucht viel mehr. Natürlich ist die Eisenbahn ein Massenverkehrsmittel. man muss dies den Kunden aber nicht bei jeder Gelegenheit vor Augen führen. Die Autos werden immer geräumiger, und die Platzverhältnisse in den Eisenbahnwagen im beengender. Die Belegung der Züge konzentriert sich in der Schweiz immer mehr auf die Spitzenzeiten. Das ist ein Indiz dafür, dass man die Bahn zunehmend nur noch mangels Alternativen benutzt – und damit für die abnehmende Attraktivität der Eisenbahn in der Schweiz.
Zudem sind die Eisenbahn und die Bahnhöfe ein Kulturgut, das zu erhalten und zu pflegen. Das ist dem Ansehen der Eisenbahn zuträglich. Anzunehmen ist, dass die Umkehrung dieser Aussage gilt. Dieses Bewusstsein ist bei den SBB im Gegensatz zu den sogenannten Privatbahnen in der Schweiz sowie in Österreich und in Italien unzureichend ausgebildet.
Bild von einem Abgang der Bahnhofunterführung in Sargans, einem bedeutenden Bahnknotenpunkt in der Schweiz. Bei den Objekten vor der Treppe handelt es sich um Kot.für sich selbst sprechendes Bild einer weiteren Unterführung in Sargans.Bushaltstelle im kürzlich erneuerten Bahnhof Zürich-Wollishofen – links die Haltekante zum stark frequentierten Bus nach Zürich-Leimbach (Ich bitte um Nachsicht für die schlechte Aufnahme).Bild bei Tag – man beachte den schmalen Durchgang zur oben gezeigten Haltestelle der Buslinie 70.Detail von der kürzlich erstellen Unterführung in Wallisellen – die Ecke ist wohl Ersatz für die nicht vorhandene WC-Anlage. Auch eine Warteraum ist nicht vorhanden.weiteres Bild aus der neu erstellten Unterführung in Zürich-Wollishofen.Detail aus der Unterführung des mit dem Flux-Preis ausgezeichneten Bahnhofs Wallisellen.ein weiteres Bild aus der Unterführung von Wallisellen.Bild aus dem Bahnhof Zürich-Enge. Die notfallmässig gestützte Strassenbrücke weist schon seit vielen Jahren erhebliche Mängel auf. Nun musste die Brücke mit zusätzlichen Massnahmen gestützt und für den Bus- und Lastwagenverkehr gesperrt werden. Die Busse werden über eine schmale Quartierstrasse umgeleitet. Die Fahrzeuge der drei darüber führenden Tramlinien können, da sie ihre Last angeblich über eine längere Strecke verteilen können, weiter verkehren. Wer hat hier versagt?Aufhängung der kürzlich auf Stromschiene umgerüsteten Fahrleitung. Das Bahnhofsgebäude von Zürich-Enge gehört zu den bemerkenswerten neueren Bauten der Stadt Zürich. Das Gebäude wurde weitgehend mit Naturbausteinen errichtet. Die gewählte Konstruktion für die Fahrleitung ist barbarisch. Was ist wohl die Meinung der Zürcher Denkmalpflege?Dazu ein Bild, wie man in Österreich Stromschienen aufhängt.gemäss diesem Bild wäre auch in Zürich-Enge eine bessere Lösung möglich gewesen.
Als Aussenstehender gewinnt man den Eindruck, dass das betriebswirtschaftliche und bonusorientierte Handeln bei den SBB überhand genommen hat. Das ist eine fatale Entwicklung. Nicht, dass man Staatsunternehmen nicht wirtschaftlich und effizient führen soll. Aber die SBB haben eine eminente gesamtwirtschaftliche Bedeutung, und da muss sich das Unternehmen nach volkswirtschaftlichen Kriterien messen und beurteilen lassen – eben beispielsweise dem Marktanteil.
Die Bahnjournalisten Schweiz führten vom 3. bis zum 5. Juni 2019 unter dem Arbeitstitel „Im Osten der Schweiz viel Neues“ eine Studienreise nach Bayern und ins Tirol durch. An dieser intensiven und hoch interessanten Studienreise nahmen ein Dutzend Bahnjournalistinnen und Bahnjournalisten teil. Die Reise wurde von Kurt Metz organisiert und geführt.
Die Reisegruppe wurde von den besuchten Firmen generell mit offenen Armen empfangen und kam in den Genuss von interessanten und ausführlichen Präsentationen. Meist wurden wir auch mit informativen Dokumentationen bedient.
In diesem Beitrag fassen wir den Verlauf der Studienreise und den Inhalt der Referate kurz zusammen. Auf einzelne Referate treten wir in den nächsten Wochen in separaten und etwas ausführlicheren Berichten ein.
Montag, 3. Juni 2019 – 1. Tag
Bahnfahrt von St. Margrethen nach Wolfurt
In St. Margrethen begrüsste uns Gerhard Mayer von der ÖBB Personenverkehr AG und informierte uns auf der Fahrt nach Wolfurt über den Personenverkehr im Bundesland Vorarlberg. Aus rechtlichen und gesamtwirtschaftlichen Gründen wurde der Auftrag für den Personenverkehr auf der Schiene durch das Land Vorarlberg direkt an die ÖBB vergeben, obschon auch die WESTbahn ihr Interesse angemeldet hatte.
Der öffentliche Verkehr in Vorarlberg ist erfolgreich, von den rund 400‘000 Einwohner besitzen 80‘000 ein Jahresabonnement des gut ausgebauten Verkehrsverbundes Vorarlberg. Die übertragbare Jahreskarte für Erwachsene kostet EUR 529.-, die Jahreskarten für Schüler und Jugendliche sind bedeutend günstiger. Die direkten Erlöse decken etwa 20 Prozent der gesamten Kosten des Verkehrsverbundes.
Logo Verkehrsverbund Vorarlberg
Der Beginn der Detailplanung für den neuen Hauptbahnhof von Bregenz wurde durch Einsprachen verzögert. Man ist zuversichtlich, mit den umfangreichen Bauarbeiten 2021 beginnen zu können. Gemäss früherer Planung war die Inbetriebnahme des neuen Bahnhofs bereits 2013 vorgesehen. Zurzeit im Bau hingegen sind in Feldkirch das neue Bahnhofsgebäude mit Parkhaus und der Vorplatz mit den Zufahrten.
Combi Cargo Terminal Wolfurt
Im Bahnhof Wolfurt wurden wir von Robert Steger, Terminalleiter CCT Wolfurt, begrüsst. Auf der Fahrt zum Terminal erfuhr ich, dass die in Vorarlberg ansässige traditionsreiche Speditionsfirma Gebrüder Weiss vor rund 200 Jahren gegründet wurde und noch heute im Familienbesitz ist.
Der Empfang im modernen Verwaltungsgebäude war freundlich und zuvorkommend. Mit einem kurzen Film wurden wir über den Bau des von der ÖBB Infra AG betriebenen Terminals orientiert. Besondere Herausforderungen bot der Bau der in einem Bogen fahrenden Verladekräne.
Das hoch moderne Terminal wurde bei laufendem Betrieb der älteren Anlage im Oktober 2018 fertig gestellt. Auf vier Durchfahrgeleisen können bis zu 750 Meter lange Züge be- und entladen werden. Mit knapp 620 Metern ist die kranbare Strecke etwas kürzer. Die maximale Kapazität liegt bei 190‘000 Transporteinheiten pro Jahr und kann mit weiteren Ausbauten weiter gesteigert werden. 2018 wurden 114‘000 Transporteinheiten umgeschlagen.
Täglich erfolgen zwischen 200 und 240 Zu- und Wegfahrten von LKW. Das Terminal verfügt über 1‘700 Containerstellplätze im Kranbereich und 3‘500 Leercontainerstellplätze ausserhalb. Diese werden von vier Staplern versorgt.
Im Terminal werden 43 Mitarbeiter beschäftigt, darunter 17 Kranführer. Dazu kommt eine grössere Anzahl von Auszubildenden. Ergänzend zum Umladen werden verschiedene Dienstleistungen wie Verzollungen oder Reparaturen von Containern angeboten.
Das Terminal bedient auch Kunden in der Schweiz und in Liechtenstein. Weitaus die meisten Züge erreichen Wolfurt über den Arlberg von Häfen an der Nordsee und am Mittelmeer. Vereinzelt gab es früher auch Züge aus dem schweizerischen Frenkendorf. Die EU hat durchgesetzt, dass das Terminal allen Güterbahnen zur Verfügung steht. Deshalb wurde die Zuständigkeit 2013 von der ÖBB Cargo an die ÖBB Infra übertragen. ÖBB Infra betreibt In Österreich neben Wolfurt sieben weitere Terminals mit teilweise unterschiedlichen Angeboten.
Verbindungen Cargo Terminal Wolfurt
Nach der Einführung erfolgte ein Rundgang durch das Areal des eindrücklichen Terminals. Beim Bau wurden dem Umweltschutz und der Sicherheit besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Eindruck vom Cargo Terminal Wolfurt
Beeindruckt vom Gesehenen verabschiedeten wir uns von Robert Steger und
seinem Team.
Fahrt von Bregenz nach München
Von Wolfurt aus setzten wir unsere Reise mit Umsteigen in Bregenz nach München fort, wo wir kurz nach 18.00 Uhr eintrafen. Leider war in dem aus Zürich kommenden Euro City-Zug die Klimaanlage sowohl in einem 1. Klasse Wagen als auch im Speisewagen defekt (SBB-Wagen). Dabei war es sehr heiss. Unterwegs mussten bei einem Halt rund 50 Kilogramm Lebensmittel entsorgt werden, und die Getränke waren lauwarm. Wegen einem Lokdefekt verzögerte sich die Abfahrt in Hergatz um 20 Minuten – nicht gerade eine Traumreise.
Dienstag, 4. Juni 2019 – 2. Tag
Freier Besuch der Ausstellung Transport Logistik in der Messe München
Nach der Fahrt mit der U-Bahn zum Messegelände hatten die Teilnehmenden
am Vormittag die Möglichkeit, die imposante Ausstellung zu besichtigen. Die
Eindrücke waren überwältigend – zahlreiche Eisenbahnverkehrsunternehmen aus
Europa und Asien, Speditionsfirmen, Rollmaterialhersteller und
Dienstleistungsfirmen aller Art waren präsent. Ein Schwergewicht bildete die
neue Seidenstrasse „One Belt, One Road“. Auffallend war die starke Präsenz von
Ausstellern aus China.
Titelseite des Führers durch die Ausstellung
Eher zufällig bot sich die Gelegenheit, dem letzten Teil eines Interviews mit dem deutschen Verkehrsminister Andreas Scheuer beizuwohnen. Andreas Scheuer schloss seine Ausführungen mit dem Hinweis auf die bedeutenden ökologischen Verbesserungen in der Logistik und plädierte gegen Lenkungssteuern. Andreas Scheuer verwies auf die gesteigerte Energieeffizienz der Transportmittel und den stark reduzierten Schadstoffausstoss von LKW und von Flugzeugen.
Um 13.00 Uhr trafen sich die Teilnehmenden zu den vereinbarten Besuchen
bei Ausstellern, über die wir nachstehend kurz berichten.
RAlpin
Raphael Wild und Dominic Felice, CEO a.i., begrüssten uns am Stand von
RAlpin und erläuterten die Perspektiven der Rollenden Autobahn. RAlpin will bis
2020 die Kapazität der Rollenden Autobahn auf 200‘000 Einheiten pro Jahr
verdoppeln. Dazu werden neu 100 Meter lange Gliederzugwagen eingesetzt, mit
denen bis zu 720 Meter lange Züge formiert werden können. Zurzeit beträgt die
maximale Länge der Züge 470 Meter. Infolge der Länge der Züge werden die Wagen
mit elektropneumatischen Bremsen ausgestattet. Neu können pro Zug bis zu 36 LKW
befördert werden. Auch verfügen die neuen Wagen über eine Stromversorgung, beispielsweise
für Kühlaggregate von Aufliegern.
RAlpin prüft laufend neue Routen und Terminals. Die Drehgestelle der
Wagen müssen nach 80‘000 Kilometern gewartet werden. Auch Rail Cargo Austria
will eine grössere Anzahl der neuen und CHF 9,5 Millionen teuren Gliederzüge
erwerben. Die ersten der neuen Züge sollen ab 2021 eingesetzt werden. Die
Höchstgeschwindigkeit beträgt 120 km/h, die Reisegeschwindigkeit liegt mit 100
km/h etwas tiefer.
Die Auslastung der Züge der Rollenden Landstrasse ist abhängig von der Tageszeit.
Die nachts verkehrenden Züge sind in der Regel ausgelastet, während die
Tageszüge weniger stark nachgefragt werden. Die Preise sind deshalb stark
differenziert. Meine Frage, weshalb die Chauffeure der LKW auf der Rollenden
Landstrasse stets mitfahren müssen, wurde ausweichend beantwortet.
Contargo
Heinrich Kerstgens, Leiter IT, führte aus, dass Contargo in Nordrhein
Westfalen sechs mit Strom betriebene LKW mit je 44 Tonnen Gesamtgewicht in
Betrieb nimmt. Die Reichweite der Batterien reichen für Fahrleistungen bis 220
Kilometern. Da im Nahverkehr Tagesleistungen bis 260 Kilometer erbracht werden,
müssen die Batterien tagsüber aufgeladen werden. Die Leistungsfähigkeit der
Batterien nimmt mit dem Alter ab, ältere Batterien können beispielsweise in Kraftwerken
weiter genutzt werden.
Heinrich Kerstgens schätzte, dass Batterien bei gleicher Leistung wie
heute in zehn Jahren 75 Prozent leichter sind. Heute sind die Betriebskosten
der elektrisch betriebenen LKW drei bis vier Mal so hoch wie diejenigen von konventionellen
Lastwagen.
Contargo bietet neu einen TriRegio Express Güterzug zwischen Basel und
Antwerpen an. Der Zug stellt für den Grossraum Basel eine ideale Ergänzung des
bestehenden Angebots für schnelle Güter dar. Die Kosten für den Transport eines
Container liegen zwischen EUR 300.- bis
EUR 750.-.
Hupac
Imtraut Tonndorf und Michael Stahlhut informierten uns über
Entwicklungen bei der Hupac. Gütertransporte auf der Ost/West-Achse gewinnen
gegenüber den Nord/Südverbindungen an Bedeutung. Im Fokus ist auch die
Schienenverbindung von und nach China. Als Drehpunkt wird auf den Hafen von
Duisburg gesetzt.
Hupac prüft laufend den Eintritt in neue Geschäftsfelder sowie neue
Produkte und den maritimen Verkehr. Intensiver genutzt werden soll auch die IT.
So soll der Standort einer Lieferung jederzeit mit GPS bestimmt werden können.
Optimierungen sind auch beim Rollmaterial und bei den Prozessen für
Effizienzsteigerungen im Gang.
Alstom
Cora Hentrich-Henne, CEO Alstom Schweiz, und Tanja Kempe, Leiterin Kommunikation, begrüssten uns am Stand von Alstom und stellten die Hybrid Loks Prima H3 und Prima H4 vor. Die Prima Loks produzieren viel weniger CO2 und sind ab dem Werk mit ETCS ausgerüstet. Die Loks eignen sich sowohl für den Rangier-, für den Zustell- als auch für den Streckendienst. SBB Cargo hat 12 Prima H3 bestellt. Drei dieser Lokomotiven sind bereits seit 2017 im Einsatz im Rangierdienst. Alstom wird die Prima H3-Lokomotiven während zehn Jahren auch warten. Weltweit wurden bereits 2’800 Lokomotiven der Prima-Typenfamilie verkauft.
Ausserdem hat SBB Infra 47 Prima H4 bestellt. Diese Hybridfahrzeuge leisten bei externer Stromversorgung ab der Fahrleitung bis zu 2 Megawatt. Nach der vollständigen Auslieferung der bestellten Lokomotiven kann die SBB sechs ältere Typen von Lokomotiven ausmustern. Die SBB wird die ersten Lokomotiven nach intensiven Testfahrten 2019 in Betrieb nehmen. Die Prima H4-Lokomotiven erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h.
Prima H4 noch ohne Logo der SBB
Auf Anfrage führte Tanja Kempe aus, dass die von der EU-Kommission
unterbundene Fusion von Alstom und Siemens von beiden Firmen bedauert wird. Im
Übrigen verwies Tanja Kempe auf des offizielle Communiqué der beiden Firmen.
Alstom hat keine Berührungsängste gegenüber der Meterspur. Die
Entwicklung des Spurwechsel Drehgestells für die Montreux-Oberland-Bahnen ist für
Alstom eine grosse Herausforderung, der sich die Mitwirkenden unter der Führung
der Bestellerin aber gerne stellen.
Wascosa
Unter der Führung einer Mitarbeiterin wurden ein paar neue Wagentypen
von Wascosa besichtigt. Teilweise verfügen die neuen Wagen immer noch über
Drehgestelle mit Klotzbremsen mit Kunststoffbremssohlen.
Stadler Rail
Ewald Falke, Leiter Produktentwicklung Lokomotiven, empfing uns am Stand von Stadler Rail und stellt uns die EURODUAL Lokomotiven vor.
Die sechsachsige Lokfamilie besteht aus der EURODUAL, die mit Leistungen bis zu 7’000 Kilowatt bei elektrischem Betrieb und 2’800 Kilowatt bei Dieselbetrieb aufwarten kann, sowie der Viersystem-Lokomotive EURO9000, die unter einer Wechselstromfahrleitung maximal 9’000 Kilowatt und mit Dieselantrieb bis zu 1’900 Kilowatt leistet.
Darüber hinaus enthält die Lokfamilie auch reine Diesellokomotiven, die an Bahnen in Europa, Afrika und Südamerika verkauft wurden und sich dort bewährt haben. Aus der Familie der vierachsigen Lokomotiven wurden zwei Serien als reine Diesel- bzw. als Duallokomotiven nach Grossbritannien geliefert.
Der CEO von Stadler Valencia, Inigo Parra, beschrieb die EURODUAL-Lokomotiven an der Inno Trans wie folgt: „Vielseitigkeit, Wirtschaftlichkeit und Umwelt – EURODUAL ist die technologische Antwort von Stadler Rail auf die Herausforderungen des Schienengüterverkehrs. Mit ihrer vorausschauenden Technologie deckt sie jeden Bedarf effizient und zuverlässig ab und bietet den Bahnbetreibern zahlreiche wirtschaftliche und ökologische Vorteile“
Bild einer Eurodual Lokomotive
European Loc Pool
Willem Goosen, CEO, begrüsste uns am Stand der Firma European Loc Pool AG und stellte sein Unternehmen vor. Die Aktien von ELP gehören zu 50 Prozent plus eine Stimme Peter Spuhler und zu 50 Prozent minus eine Stimme der Privatbank Reichmuth & Co. in Luzern.
ELP finanziert Eisenbahnunternehmen den Kauf von Eurodual Lokomotiven
und weiteren Triebfahrzeugen der Firma Stadler Rail durch Leasing. Die
Leasingverträge sind mit einem umfassenden Versicherungsschutz ausgestattet.
Selbst das Betriebsunterbrechungsrisiko – der finanzielle Ausfall, den ein
Unternehmen erleidet, wenn eine Lokomotive nicht einsatzfähig ist – ist versichert.
Dadurch sind auch kleinere und weniger kapitalkräftige
Eisenbahnverkehrsunternehmen in der Lage, sich von Stadler Rail produzierte
Triebfahrzeuge zu leisten. Ein weiterer genialer Marketing Schachzug von Peter
Spuhler.
BRECO Train – ein innovative Zug für den
Brenner Korridor
Karl Fischer, CEO, empfing uns zusammen mit Dr. Frank Albers, CEO der
Firma Bernard Krone, und Mirko Pahl, CEO von TX Logistics zu einer knapp
einstündigen Präsentation.
Karl Fischer erläuterte einleitend die Entwicklung des Modal Split am Brenner. Nach längeren Schwankungen in den letzten Jahren werden zurzeit 71 Prozent der Güter auf der Strasse und 29 Prozent auf der Schiene transportiert. Der Anteil des Wagenladungsverkehrs auf am Schienengüterverkehr liegt noch bei 16 Prozent. Im letzten Jahr wurden 164‘000 LKW auf der Schiene über den Brenner transportiert. Auf der Strasse fuhren 2,45 Mio. LKW. Karl Fischer wies auf den sich abzeichnenden Mangel an Lokführern und das gesteigerte Umweltbewusstsein als Treiber der zukünftigen Entwicklung hin.
Der Modal Split im bayerischen Hinterland beträgt 78 Prozent auf der
Strasse zu 22 Prozent auf der Schiene und soll nachhaltig zu Gunsten der
Schiene verändert werden. So wurde eine Fördergesellschaft für Anschlussgeleise
gegründet. Allerdings sind zurzeit auf den Zulaufstrecken zum Brenner nur noch
20 freie Trassen pro Tag verfügbar, die mutmasslich ab 2022 voll beansprucht
werden.
Das Potential des Schienengüterverkehrs soll durch technische,
organisatorische und infrastrukturelle Massnahmen besser ausgeschöpft werden. Auch
die Politik ist durch die Schaffung von günstigeren Rahmenbedingungen
gefordert. Als weniger wichtig erachtete Karl Fischer die Förderung der
Digitalisierung.
BRECO Trains strebt gemäss Dr. Frank Albers an, ihre Züge zu hundert
Prozent auszulasten. Mirko Pahl wies darauf hin, dass die Lokomotiven in
Italien im Gegensatz zu Deutschland und Österreich immer noch mit zwei
Lokomotivführern besetzt sein müssen.
Fahrt von München nach Kufstein
Im Hauptbahnhof München erreichten wir nach einem Eilmarsch den von der U-Bahn Station weit entfernten Flügelbahnhof München Ost, von wo aus wir nach einer angenehmen Fahrt mit einem FLIRT-Triebwagenzug von Meridian kurz vor 20.00 Uhr in Kufstein eintrafen.
Mittwoch, 5. Juni 2019 – 3. Tag
DB/ÖBB-Ausbauprojekt Nordzulauf zum Brenner Basistunnel
Torsten Gruber, Projektleiter DB Netze, und Dr. Arnold Fink, Projektteamleiter ÖBB Infra, präsentierten uns den Stand der Ausbauprojekte für die Nordzulaufstrecken in Bayern und Tirol zum Brenner Basis-Tunnel. Mit der Brennerachse als wichtigster europäischer Gütertransitachse soll der Modal Split nachhaltig zu Gunsten der Eisenbahn verändert werden. Die Kapazität des leistungsfähigen Brenner Basis-Tunnels kann bei der Eröffnung wegen den fehlenden Zulaufstrecken noch nicht ausgeschöpft werden. Sowohl im Norden als auch im Süden werden Ausbauprojekte zielstrebig vorangetrieben.
Überblick über die Ausbauetappen der Zulaufstrecken zum Brenner Basis-Tunnel
In Bayern erfolgt der Ausbau ab München Priem in vier Losen. Für einige
Teilstücke erfolgen bereits Ausschreibungen. Bei anderen Abschnitten laufen in
enger Absprache mit den Bürgern Abklärungen. Der enge Einbezug der Bevölkerung
ist zwar zeitaufwendig, führt aber zu guten Lösungen und verhindert spätere
Einsprachen. Die Zufahrtsstrecken sollen durchgängig vierspurig ausgebaut
werden. An mehreren Orten sind kreuzungsfreie Verbindungen vorgesehen.
In Österreich steht die Detailplanung für die Weiterführung der tiefgelegten Inntalbahn ab Radfeld bis Schaftenau vor dem Abschluss. Die Neubaustrecke wird weitgehend tiefgelegt, und Kufstein soll östlich in einem Tunnel umfahren werden. Die ausgebauten Zulaufstrecken stehen wahrscheinlich erst ab 2040 bereit. Mit zahlreichen Massnahmen, wie etwa die Verkürzung der Blockabschnitte, soll die Kapazität der Bestandesstrecken bis zur Fertigstellung der Zulaufstrecken erhöht werden.
Details zur Etappe 5
Die Tunnels werden als Doppelspurtunnels gebaut. Dies ist bis zu einer
Länge von 15 Kilometern zulässig, bei Tunnellängen zwischen 15 und 25
Kilometern besteht ein gewisser Spielraum bezüglich der Ausführung mit einer
oder mit zwei Röhren.
Die Lokomotivführer fahren von München bis zum Brenner durch.
Gegenwärtig werden die Betriebskonzepte erarbeitet. Dabei sind zahlreiche
Rechtsfragen zu lösen.
Auf Anfrage führte Torsten Gruber aus, dass die Planfeststellung für
den TEN Korridor TEN 17 von München über Mühlheim nach Freilassing demnächst
erfolgen soll. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 200 km/h, und die Strecke
soll nach 2030 in Betrieb genommen werden.
LKW Walter Internationale Transportorganisation
Nach einer Busfahrt durch Kufstein wurden wir im modernen und repräsentativen Bürogebäude der Firma LKW Walter von Thomas Telfner und Michael Rheintaler empfangen.
Sattelaufleger der Firma LKW Walter vor dem Verwaltungsgebäude
LKW Walter wurde 1924 gegründet und beschäftigt heute rund 1‘800 Mitarbeitende. Das Unternehmen ist im Familienbesitz und setzte 2018 über EUR 2 Mia. um. 2018 wurden 1,45 Mio. Ladungen auf einheitlichen und kranbaren Trailern befördert. LKW Walter setzt über 10‘000 eigene Auflieger ein. Diese von der Firma Bernard Krone produzierten Aufleger sind seit 2008 mit GPS Sendern ausgerüstet. Kunde und Spediteur können den Standort ihrer Sendungen jederzeit feststellen. Die Aufleger werden zum grössten Teil in Deutschland gewartet. LKW Walter besitzt keine eigenen Zugfahrzeuge. Hingegen werden Transporteuren teilweise Kredite für den Kauf von Zugfahrzeugen gewährt.
Kennzahlen der Firma LKW Walter
Deutschland ist für LKW Walter der wichtigste Markt. Etwa ein Viertel
der Aufleger wird mit der Eisenbahn befördert, teilweise sogar in Blockzügen.
Neben Europa ist LKW Walter auch in Nordafrika aktiv. Weitere Destinationen und
Märkte sind in Evaluation.
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Nach diesen Ausführungen erfolgte ein Rundgang durch das Gebäude. Die modern
eingerichteten Arbeitsplätze befinden sich in Grossraumbüros. LKW Walter stellt
zahlreiche Studienabgänger ein und fördert diese durch interne Schulungen. Im
Unternehmen werden 35 Sprachen gesprochen. Jeder Kunde wird in der Regel in
seiner Muttersprache bedient.
Die Qualität der Transporte ist sehr hoch. Diebstähle sind sehr selten.
Aufleger werden nur in gesicherten Parkplätzen zwischengelagert. Mit RAlpin
werden jährlich a. 15‘000 Aufleger transportiert. Die Zusammenarbeit gestaltet
sich teilweise schwierig.
Durch den Transport der Aufleger können – im Vergleich mit dem Transport
mit LKW – mit dem Schiff 75 Prozent und mit der Bahn 53 Prozent Energie
eingespart werden. Der Modal Split ist seit Längerem verhältnismässig stabil.
Fahrt nach Innsbruck
Nach kurzem Fussmarsch erreichten wir den Bahnhof Kufstein, von wo aus wir
mit dem Railjet über die tiefgelegte Inntalbahn nach einer guten halben Stunde
Innsbruck erreichten. Unterwegs konnten wir einen Blick auf die eindrückliche Zufahrt
zum Tunnel der Güterzugsumfahrung von Innsbruck werfen.
Verkehrslenkungs- und Verlagerungsmassnahmen des Landes Tirol
Mag. Ekkehard Allinger-Csollich, Leiter der Verkehrsplanung Tirol,
erläuterte uns in einem interessanten und ausführlichen Referat die
Verlagerungsmassnahmen. Die grossen Probleme des intensiven LKW-Verkehrs
bestehen mit 2,52 Mio. Fahrten nicht auf der Brenner Autobahn, sondern mit 3,14
Mio. Fahrten auf der Inntalautobahn zwischen Kufstein und Innsbruck. In den
Hauptverkehrszeiten ergeben sich auf dieser auch für den Regionalverkehr
wichtigen Inntalautobahn regelmässig Staus. Die Grenzen für die
Schadstoffbelastung werden regelmässig überschritten.
Verkehrsentwicklung in TirolEntwicklung des Modalsplit über den Brenner
Verlagerungsmassnahmen und die Reduktion der Umweltbelastung sind in Tirol seit dreissig Jahren ein Thema. Mit folgenden Massnahmen werden die Probleme teilweise in enger Abstimmung mit der EU bekämpft:
Dank dem österreichischen Immissionsschutzgesetz kann für LKW mit grösserem Schadstoffausstoss ein Nachtfahrverbot verhängt werden. Es gibt kein generelles Nachtfahrverbot, hingegen wird nachts eine höhere Maut erhoben.
Transportalternativen mit geringerem Schadstoffimmissionen werden finanziell gefördert, indem zurzeit 50 Prozent der Mehrkosten des teureren Transports vergütet werden.
Die Kapazität der Strassen und der Verkehrsfluss werden durch die situative Steuerung der Geschwindigkeit optimiert.
Die Verlagerung des Personenverkehrs auf die Schiene wird durch günstige Abonnemente gefördert. Die Jahreskarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel im ganzen Bundesland Tirol kostet weniger als EUR 500.-. Der Anteil der mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisenden Touristen wird aktiv gefördert.
LKW mit einer hohen Schadstoffbelastung werden mit einem Fahrverbot belegt. Infolge der Auswirkungen für das heimische Transportgewerbe erfolgt die Einführung gestaffelt.
Die nur auf den Autobahnen anfallende Maut kann kaum mehr erhöht werden. Die noch nicht eingeführte Wegekostenrichtlinie der EU wird auch in Tirol intensiv diskutiert.
In Kufstein werden LKW blockweise abgefertigt. In Spitzenzeiten werden nur 650 LKW pro Stunde abgefertigt.
Der Anteil der rollenden Landstrasse schrumpft seit einigen Jahren. Zurzeit werden noch 145‘000 LKW pro Jahr auf der Schiene befördert. Bis 2021 soll die Anzahl der LKW auf der Rollenden Landstrasse auf 450‘000 LKW jährlich verdreifacht werden.
Ein vollständiges oder ein sektorales Nachfahrverbot ab 2021 ist in Diskussion. Eine Alpentransitbörse würde begrüsst.
Ehrgeizige Verlagerungsziele
Italien dosiert den Verkehr auf der Brennerautobahn über die
Mautstellen, welche den Fluss der LKW verstetigen.
Brenner Basis-Tunnel BBT und Besichtigung der Baustelle Ahrental
Vor der Besichtigung der Baustelle in Ahrental statteten wir dem im
Aufbau begriffenen Besucherzentrum in der Nähe von Innsbruck Hauptbahnhof einen
Besuch ab. Hier erhielten wir einen ersten Überblick über das von der EU als
Leuchtturmprojekt bezeichnete und etwa zur Hälfte von ihr finanzierte
Grossprojekt.
Der BBT wird von einer Gesellschaft Europäischen Rechts mit den Partnern Italien und Österreich gebaut. In diesen Tagen feiert man das 15-jährige Jubiläum des der Gesellschaft zugrunde liegenden Staatsvertrages. Zurzeit sind bereits 100 Kilometer der insgesamt 230 Kilometer Tunnel im Rohbau fertig gestellt. Der BBT soll Ende 2028 dem Betrieb übergeben werden. Etwa sechzig Prozent der Tunnels werden mit Tunnelbohrmaschinen, und der Rest wird bergmännischen ausgebrochen.
Nach dieser Einführung wurden wir mit Kleinbussen nach Ahrental gefahren. Nach der Ausrüstung mit Schutzkleidung, Lampe und Notfallset und nach der Erläuterung der Sicherheitsvorschriften fuhren wir über die vier Kilometer lange und zehn Prozent steile Rampe des Zwischenangriffs zur eigentlichen Tunnelbaustelle.
Präsentation tief unter der Erde
Zuerst fuhren wir in den Sicherheitsstollen, der mit Rettungsfahrzeugen befahrbar ist und der die Abwasserleitungen und die technischen Geräte für den Betrieb des Tunnels aufnehmen wird. Der Bau des Sicherheitsstollens ist weit fortgeschritten, der Durchschlag soll 2021 erfolgen. Geführt wurden wir von Charlie List, der seit vielen Jahren im Tunnelbau arbeitet und die Besichtigung mit seinem profunden Wissen bereicherte. Wie Charlie List ausführte, soll im Gotthardtunnel die Versinterung der unter den Geleisen liegenden Entwässerungsröhren Probleme verursachen.
Charlie List ist in seinem Element
Anschliessend fuhren wir eine längere Strecke an den Westkopf des unterirdischen Anschlusswerks des BBT an die Güterzugumfahrung von Innsbruck. Dieser Anschluss erfolgt mit zwei einzelnen Röhren – in der Fachsprache Überwerfungen – kreuzungsfrei.
Übergang in die beiden Einzelröhren zur Güterzugsumfahrung von Innsbruck
Von hier aus gelangten wir in eine der beiden Hauptröhren des BBT, wo
wir verschiedene Arbeitsschritte wie Betonieren des Gewölbes oder der
Bodenplatte mit verfolgen konnten.
Schalung der Seitenwand unmittelbar vor dem Einbringen des BetonsBetonieren der Bodenplatte – erfordert höchste Präzision
Tief beeindruckt vom Gesehenen gelangten wir nach etwa zwei Stunden
wieder ins Freie und wurden pünktlich zum Bahnhof Innsbruck zurück befördert.
Abschluss und Dank
Pünktlich traten wir in Innsbruck die Heimreise an. Wir danken Kurt
Metz bestens für die informative und perfekt organisierte Studienreise.
Und eine kritische Schlussbemerkung: Erstaunlich ist, dass der BBT
trotz dem komplizierten Anschlusswerk vor Innsbruck, der aufwendigen
Unterquerung des Eisackflusses bei Franzensfeste und einer mit Motorfahrzeugen
befahrbaren dritten Röhre weniger kostet als der Gotthard Basis-Tunnel. Und
noch weniger nachvollziehbar ist, weshalb für den Einbau der Bahntechnik im BBT
drei Jahre veranschlagt werden, während die Unternehmen in der Schweiz für den
Einbau und den Test der Bahntechnik im Ceneri Basis-Tunnel vierzig Monate benötigen.
Auf einer Reise nach Selzthal hielt der Zug kurz in Liezen. Liezen ist eine Stadt mit rund 8’200 Einwohnern im Steirischen Ennstal und Hauptstadt des Bezirks Liezen, des flächenmässig grössten Bezirks von Österreich. Nachstehend ein Auszug aus der Österreichischen Karte 1:500’000.
Beeindruckt vom Blick aus dem Fenster des Zuges machte ich auf der Rückreise einen kurzen Unterbruch in Liezen und fertigte in wenigen Minuten die folgenden Bilder an.
Profil Bahnhof Liezen
Der neue Bahnhof Liezen wurde 2017 eröffnet. Er wird heute von sieben Fernzügen – einer davon der Transalpin -, einem Night Jet nach Zürich, neun Regionalzügen und vier Regionalexpresszügen bedient. In der Regel fährt jede Stunde ein Zug. Von Liezen aus fahren mehrere Busse in die Umgebung. Trotz der relativ dünnen Zugfolge beeindruckt der Bahnhof durch die architektonische Gestaltung und die hochwertige Ausführung, Dazu die folgenden Bilder – sie sind selbsterklärend und verdienen einen Vergleich mit erneuerten Bahnhöfen in der Schweiz:
Bushaltestelle und Sicht auf das BahnhofgebäudeBlick auf das BahnhofgebäudeTreppe und Wartsaal von AussenBillettautomat, Informationstafeln und LiftTreppe in die UnterführungBlick auf die soeben gereinigte UnterführungBlick auf den Zwischenperron, auch er verfügt über eine WartehalleBlick auf den Treppenaufgang mit dem Lift im HintergrundEindrücke vom Mittelperron mit den beleuchteten InformationstafelnWartehalle auf dem ZwischenperronTalent-Triebzug im Bahnhof von Liezen in der neuen Farbgebung der ÖBB
Ergänzend noch je ein Bild aus Selzthal und Salzburg, mit Kommentar
Bild aus dem Innern der aufwendig renovierten musealen Wartehalle des Bahnhofs von Selzthal. Dieser früher viel bedeutendere Bahnhof wird heute zusätzlich zu den Zügen aus Liezen von einem Dutzend Zügen aus Linz bedient, die teilweise bis nach Graz weiterfahren.Hier noch aus ein Bild aus dem Bahnhof von Salzburg. Man beachte die stilvolle Aufhängung der Stromschiene. Ob die für die barbarische Aufhängung der Stromschiene in Zürich Enge und Zürich Wollishofen zuständigen Fachleute der SBB sich davon ein Bild gemacht haben?
Abklärungen im Zusammenhang mit einer Wanderung führten mich im März mehrere Male nach Montricher an der Eisenbahnlinie von Apples nach L’Isle. Das bot Gelegenheit, die Erschliessung der Region mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erkunden. Meiner Meinung nach besteht in mehrfacher Hinsicht ein beträchtlicher Optimierungsbedarf. Mehr dazu in diesem Bericht.
Ueberblick über die Region Bière-Apples-L’Isle
Auszug aus der Landeskarte der Schweiz
Grundzüge der Verkehrserschliessung
Die Region Bière-Apples-L’Isle wird durch die Morges-Bière-Cossonay MBC Transportunternehmung erschlossen. Neben der Eisenbahnlinie von Morges über Apples nach Bière besteht ab Apples eine Zweiglinie nach L’Isle. Zusätzlich betreibt MBC mehrere Buslinien mit unterschiedlicher Verkehrsdichte und Funktionalität.
Netzplan der MBC mit Bahn- und Buslinien / mehrere Busse verkehren nur an Werktagen und sporadisch hauptsächlich für die Beförderung von Schülerinnen und Schülern
Die Linie von Morges nach Bière dient neben dem Personenverkehr unter anderem auch dem Transport von Gütern und schweren Militärfahrzeugen zum Waffenplatz von Bière. Die Güterwagen der SBB werden in Morges auf Rollböcke der meterspurigen MBC verladen. Auf meinen Reisen beobachtete ich auch auf Rollböcke verladene SBB-Güterwagen mit Holz. Wie wohl die Vollkostenrechnung dieses Zwischentransports über eine vergleichsweise kurze Distanz aussieht?
Eindrücke vom Bahnhof Montricher
Das Bahnhofgebäude präsentiert sich ordentlich. Es verfügt über einen beheizten Warteraum.
Blick von der Gleisseite auf das Bahnhofgebäude von MontricherTriebwagenzug der MBC / ob der Bahnsteig behindertengerecht ist?
Umso deprimierender ist der Eindruck von den sanitären Einrichtungen im separaten WC-Häuschen.
Aussenansicht des WC-HäuschensBlick in die Damentoilette / die Türe lässt sich von Innen kaum öffnenZugang zur Herrentoilette entlang dem PissoirBlick in die Herrentoilette
An Werktagen verkehren die Züge meist stündlich, zu den Hauptverkehrszeiten sogar alle dreissig Minuten. Am Wochenende besteht Stundentakt.
Der Bahnhof ist über 1,5 Kilometer vom Dorfzentrum von Montricher
entfernt. Fussgänger erreichen den Bahnhof ungeschützt am Rand einer
Landstrasse. Während den Hauptverkehrszeiten bestehen ausschliesslich an
Werktagen acht Busverbindungen vom Bahnhof ins Dorfzentrum.
BusfahrplanBlick Richtung BahnhofgeländeBlick zum Dorfzentrum von Montricher
Erschliessung von Montricher Village
Zusätzlich zur erwähnten Anschlussverbindung zum Bahnhof wird
Montricher an Werktagen sechs Mal von einer Buslinie zwischen Bière und L’Isle erschlossen.
Diese Busse stellen eine rasche Querverbindung von einigen am Fuss des Mont
Tendre liegenden Ortschaften her. Die Fahrzeit der Busse zwischen Bière und
L’Isle beträgt 23 Minuten, die Bahnfahrt mit Umsteigen in Apples dauert mit 57
Minuten mehr als doppelt so lang.
Erschliessung von L’Isle nach Osten
Die schnellste Bahnfahrt von L’Isle nach Yverdon beansprucht mit
mehrmaligem Umsteigen 83 Minuten. An Werktagen verkürzt sich die Reise dank
einem von L’Isle nach Cossonay-Penthalaz verkehrenden Bus und der Weiterfahrt
ab hier mit der S-Bahn auf noch 46 Minuten. Der Bus verkehrt achtmal täglich.
Kommentar
Die Verkehrserschliessung der Region Bière-Apples-L’Isle erscheint unsystematisch.
Die Aufrechterhaltung der Bahnlinie zwischen Apples und L’Isle ist nicht gerechtfertigt. Die Dörfer wären durch einen Busbetrieb bis in die Dorfzentren und mit mehreren Haltestellen bedeutend besser erschlossen.
Der nur periodisch und an Werktagen verkehrende Bus von Bière über Montricher nach L’Isle wäre täglich und mindestens tagsüber im Stundentakt zu führen.
Die gleiche Feststellung gilt für den Bus von L’Isle nach Cossonay-Penthalaz. Zu diesem Zweck würde der Bus von Bière nach L’Isle idealerweise nach Cossonay-Penthalaz weiter geführt. Das würde bei tieferen Kosten den Komfort für die Fahrgäste erhöhen und die Verkehrserschliessung der Region Bière-Apples-L’Isle substantiell verbessern.
Auch nach dem ersten Quartal liegen die Fahrgastzahlen zwischen Pruntrut, Delle und Belfort weit unter den Erwartungen. Offensichtlich waren die Erwartungen unrealistisch, oder das Betriebskonzept ist falsch. Wir haben die Gegebenheiten vor Ort unter anderem im Rahmen einer Studienreise besichtigt und dabei Überraschendes festgestellt.
Bahnhof Delle mit einem Zug von Flirt-Zug der SBB und einem Autorail Grande Capacité AGC der SNCF
Diese Beobachtungen und Erfahrungen aus früheren Erkundungen im
Pruntruter Zipfel sowie im benachbarten Frankreich waren Anlass für die
Erarbeitung eines grenzüberschreitenden Erschliessungskonzepts für den
öffentlichen Verkehr.
Fakten
Frankreich
Im Grossraum Belfort besteht gemäss dieser Karte ein gut ausgebautes öffentliches Busnetz.
Regionalnetz Optymo
Das regionale Busnetz wird ergänzt durch mehrere und häufig befahrene städtische Buslinien in Belfort.
Stadtnetz Optymo
Das unter der Marke „Optymo“ bestehende Netz beeindruckt in mehrfacher Hinsicht, beispielsweise in Bezug auf Fahrzeuge, Erscheinungsbild, Haltestellen, Billett- und Tarifsystem, Kundeninformationen und Internetauftritt. Erstaunlich ist, dass die zwischen Belfort und Meroux TGV bestehende Eisenbahn nicht in den Verbund integriert ist, und die Bahnbillette doppelt so teuer sind als die Busbillette.
Das Billett für eine einfache Fahrt kostet in der Schweiz CHF 5.80 und in Delle EUR 5.-Die 24-Stundenkarte für das gesamte Optymo-Netz kostet EUR 3.80Die Mehrfahrtenkarte für zehn Fahrten kostet EUR 12.- / Wahrscheinlich braucht es für eine Fahrt von Delle nach Belfort zwei Fahrten, da in Meroux umgestiegen werden muss.
Zwischen Meroux TGV und Belfort verkehren an Werktagen pro Stunde mindestens fünf Busse, welche zahlreiche Haltepunkte bedienen. Zwischen Delle und Meroux TGV verkehrt an Werktagen jede Stunde ein Bus. Zu den Hauptverkehrszeiten stellen mehrere Buslinien die Erschliessung von kleineren Dörfern in der Region sicher.
Auswahl von drei anschaulich und leicht verständlich gestalteten Fahrplänen. An Werktagen fahren die Busse der Linie Nr. 3 mindestens viermal pro Stunde, diejenigen der Linien 24 und 25 in der Regel stündlich.
Schweiz
Zwischen Pruntrut und Delle verkehrt in der Regel jede Stunde ein Zug. Tagsüber verkehren die Züge meistens praktisch leer. Die Entfernungen zwischen den Bahnhöfen und den Siedlungsgebieten sind teilweise beträchtlich – in Courtemaîche zirkuliert deshalb jede Stunde ein Bus zwischen dem Bahnhof und dem Dorfzentrum. An Grandgourt als kleiner Haltestelle halten nur vereinzelte Züge.
Auszug aus der Landeskarte der Schweiz
Daneben besteht mit der von den Chemin Fer du Jura CJ betriebenen und rund 11 Kilometer langen Bahnstrecke zwischen Pruntrut und Bonfol eine weitere Bahnverbindung. Bis zum zweiten Weltkrieg führte von Bonfol eine rund 23 Kilometer lange Eisenbahnlinie weiter nach Dannemaire an der Strecke von Belfort nach Mulhouse. CJ betreibt auf ihrer Strecke einen stündlich verkehrenden Zug.
Auszug aus der Landeskarte der Schweiz / Leider ist die wieder in Betrieb genommene Bahnlinie zwischen Delle und Belfort nur schwach erkennbar.
Als Besonderheit besteht zwischen Courtemaîche und dem Truppenübungsgelände bei Bure eine knapp 5 Kilometer lange und bis zu 45 Promille steile Stichstrecke für die Erschliessung des Waffenplatzes und den selten gewordenen Transport von Panzern und anderen schweren Militärfahrzeugen.
Neben diesen beiden Eisenbahnlinien wird der Pruntruter Zipfel von mehreren Buslinien der Postauto AG erschlossen.
Kurze Lagebeurteilung
Die Verkehrserschliessung durch Optymo beeindruckt. Der Grundtakt wird durch Zusatzverbindungen ökologisch und ökonomisch vorteilhaft ergänzt.
Die Busse von Optymo sind der Eisenbahn in Bezug auf die lokale Erschliessung zwischen Delle und Belfort weit überlegen. Die Gehdistanzen von den langgezogenen Strassendörfern wie Grandvillars oder Bourogne zu den Bahnhöfen sind oft sehr gross.
Eine analoge Feststellung gilt auch auf der schweizerischen Seite in Bezug auf den lokalen Eisenbahnverkehr zwischen Porrentruy und Delle. Die Gemeinden zwischen Porrentruy und der Grenze haben noch etwa 2’800 Einwohner. Die Einwohnerzahl von Porrentruy beträgt rund 6’700 Personen, und im gesamten und dünn besiedelten gleichnamigen Bezirk wohnen 24’600 Personen. Angaben über die Anzahl Arbeitsplätze und Grenzgänger liegen mir nicht vor.
Pruntrut ist ausserdem mit der Autobahn A16 mit Boncourt und ab der Grenze – mit der französischen Schnellstrasse N1019 – mit der Region Delle-Grandvillars verbunden.
Die Erschliessung der Region zwischen Pruntrut und Bonfol mit der Eisenbahn als Relikt aus der Vergangenheit ist wegen der dünnen Besiedlung und dem fehlenden Anschluss nach Frankreich hoch ineffizient.
Für die Eisenbahnlinie zwischen Pruntrut, Delle und Belfort bedarf es dringend eines geeigneten Nutzungskonzepts.
Empfehlungen für den Bus
Der heute durch die Eisenbahn sichergestellte
lokale Verkehrserschliessung im Pruntruter Zipfel ist auf Busse umzustellen.
Der Busverkehr im Pruntruter Zipfel ist optisch
und kommerziell nach dem Vorbild von Optymo zu konzipieren. Der Auftrag für den
Betrieb des Netzes ist bei geeigneten Anbietern auszuschreiben.
Es ist ein grenzüberschreitender Tarifverbund
mit möglichst weitgehender Angleichung der Tarife zu bilden.
Soweit möglich sind grenzüberschreitende
Busverbindungen anzubieten. Das gilt im Besonderen für die Relation von
Pruntrut über Bonfol nach Dannemaire mit möglicher Verlängerung nach Altkirch.
Empfehlungen für die Eisenbahn
Die SBB beschränken sich auf den Eisenbahnverkehr zwischen Delémont und Porrentruy. Sie bieten dort tagsüber einen Halbstundentakt mit Regionalzügen an. Denkbar wäre, diesen Auftrag aus lokalpolitischen Überlegungen an die Chemin Fer du Jura CJ zu übertragen.
Das Zugsangebot auf der Relation zwischen Pruntrut, Delle und Belfort ist auf den Berufsverkehr, den überregionalen Eisenbahnverkehr und auf gute Anschlüsse an den Fernverkehr in Meroux TGV auszurichten.
Luftaufnahme des grossartigen TGV-Bahnhofs von Meroux mit der noch nicht fertiggestellten Bahnlinie von Delle nach Belfort mit dem Regionalbahnhof, von wo aus der Lift direkt auf das Perron des TGV-Bahnhofs führt
In der Schweiz sind die beschleunigten Regionalexpresszüge bis nach Delémont zu führen. Sie halten nur in St. Ursanne, Pruntrut, Boncourt, Delle und Meroux TGV. Idealerweise stellen die Züge nach Delle in Delsberg den Anschluss an die IC von Biel nach Basel her.
Der Betrieb dieser Züge erfolgt durch die SNCF oder – im Zuge der Liberalisierung des französischen Regionalverkehrs – durch Kéolis. Diese Firmen setzen an schweizerische Normen angepasstes französisches Rollmaterial ein und beschäftigen eigenes Personal – TGV Lyria als Vorbild.
komfortabler und ruhig laufender Autorail à Grande Capacité der SNCF im Bahnhof Delle
Begründung: Der Arbeitskräftemangel in der Schweiz wird durch französische Grenzgänger gemildert. Im Gegenzug reduziert der Einsatz von schweizerischem Rollmaterial und Personal das Arbeitsvolumen in Frankreich – wohl ein Widerspruch aus der Sicht einer Nation mit einem hohen Selbstbewusstsein. Meines Erachtens liegt darin einer der Gründe für die zwischen den SBB und der SNCF miserabel abgestimmten Fahrpläne zwischen Delle und Belfort.
Nutzen
Die Menschen im Pruntruter Zipfel verfügen über
ein hochstehendes sowie ökologisch und ökonomisch überzeugendes öffentliches
Verkehrssystem.
Ein bedarfsgerecht verdichtetes Angebot steigert
die Attraktivität und fördert dadurch die Benutzung des öffentlichen Verkehrs.
Die Möglichkeit, auf dem Arbeitsweg „eigene“
Züge zu benutzen, senkt die Hemmschwelle für französische Grenzgänger, auf den
öffentlichen Verkehr umzusteigen.
Die grenzüberschreitende Kooperation wird
gefördert.
Die Standortgunst der Ajoie wird durch eine
Verkürzung der Reisezeit nach Paris erhöht.
Der Kanton Jura könnte sich als Pionier mit
einem visionären, grenzüberschreitenden Konzept mit Frankreich profilieren, und
ein Modell für analoge Kooperationen mit dem Elsass und im Metropolitanraum
Genf vorlegen.
Im Rahmen einer Skitour oberhalb von Unterbäch mussten wir vom Bahnhof Raron etwa 600 Meter zur Talstation der Seilbahn bei Turtig marschieren. Unmittelbar nach dem Bahnhof quert die Strasse eine langgezogene Baustelle. Einer grossen Tafel entnahmen wir, dass es sich um bauliche Vorbereitungen für den gedeckten Einschnitt der Nationalstrasse A9 handelt. Diese sich teilweise noch im Bau befindliche Autobahn dient hauptsächlich dem innerkantonalen Autoverkehr im Kanton Wallis und weist vergleichsweise wenig Transit- oder nationalen Verkehr auf. Meine Beobachtung machte mich stutzig, und so ging ich der Sache nach.
Baustelle Turtig
Informationstafel beim Bahnhof Raron
Die Autobahn wird auf dem Gebiet der Gemeinde Turtig auf einer Länge von etwa 1,5 Kilometer Länge unterirdisch geführt. Dazu kommen zwei ein paar hundert Meter lange Einschnitte vor den Tunnelportalen. Der in der Gegend hoch liegende Grundwasserspiegel stellt hohe Anforderungen an den Bau und die Sicherung des Tunnels gegen den Auftrieb. Zudem ist der Betrieb des Tunnels durch Beleuchtung, Lüftung und Abpumpen des Oberflächenwassers energieintensiv.
Aus meiner Sicht besteht keine besondere Schutzwürdigkeit, welche die Untertaglegung der Autobahn rechtfertigt. Die Strasse befindet sich abseits des Dorfzentrums, und es sind keine schützenswerten Ortsbilder erkennbar.
Eindruck von der Baustelle bei Turtig mit BohrpfählenNahansicht der Baustelle bei Turtig gegen WestenAnsicht der Baustelle bei Turtig gegen Westen
Ueberblick
Vorerst ein Überblick über die Führung der Autobahn in der Region. Im Gebiet von Turtmann ist die A9 bereits in Betrieb und wurde auch hier wie bei Raron unter den Boden verlegt. Auch bei Steg wird die A9 in einem Tunnel in der Bergflanke geführt.
Die folgenden Bilder lassen meines Erachtens auch für die unterirdische Führung der Autobahn im Raum Turtmann keine besondere Schutzwürdigkeit erkennen.
Blick oberhalb des Portals bei Turtmann gegen OstenBlick in das Ostportal bei TurtmannBlick oberhalb des Ostportals bei Turtmann gegen WestenBlick von der Überführung beim Bahnhof Turtmann gegen WestenWestportal des Tunnels bei Turtig (Aufnahme aus dem fahrenden Zug)
Stadtumfahrungen von Sierre und Visp
Nachstehend zwei Kartenausschnitte mit dem Verlauf der Autobahn in Sierre und Visp. In beiden Städten beeindruckt die umweltschonende Führung der A9. Besonders in Visp, wo die Strasse nach Grächen und Zermatt weit hinten im Tal der Vispa in die Autobahn eingeführt wird, wäre meines Erachtens eine bedeutend günstigere und nur weniger umweltbelastende Lösung möglich gewesen.
Verlauf der Autobahn im Raum Sierre Führung der Autobahn bei Visp – die Strasse unten führt nach Grächen und Zermatt
Konklusion aus der Sicht eines Staatsbürgers
Es ist erstaunlich, wie es der in sehr hohem Mass von Mitteln des Bundes abhängige Kanton Wallis immer wieder versteht, für sich maximale und extrem teure Lösungen durchzusetzen – Lösungen, an die unter massiven Verkehrsproblemen leidendende Gegenden im Mittelland nicht zu denken wagen.
Konklusion aus Sicht der Eisenbahn
Und man vergleiche die umweltfreundliche Führung der Autobahn im Wallis beispielsweise mit den Gegebenheiten bei der Eisenbahnlinie zwischen Olten, Aarau und Rupperswil oder mit dem beschlossenen Ausbau des Bahnhofs Liestal auf vier Geleise – wir haben darüber berichtet. Dazu kommt, dass dabei nicht nur der Umweltschutz in hohem Mass vernachlässigt wurde, sondern auch die Sicherheit für die auf den Perron wartenden Menschen völlig ausser Betracht fiel. Mit hoher Geschwindigkeit durch die Bahnhöfe von Olten oder Aarau fahrende Fernverkehrs- und Güterzüge sind aus Lärm- und Sicherheitsgründen hoch problematisch.
Das Vorgehen der Planer bei den SBB gleicht immer mehr der Planung einer sowjetischen Panzerarmee – Durchbruch um jeden Preis. Dieses rücksichtslose und verantwortungslose Vorgehen beeinträchtigt das Ansehen der Eisenbahn als umweltfreundliches Verkehrsmittel, gefährdet auf längere Sicht den Weiterausbau der Infrastruktur und führt oft zu völlig verknorzten Lösungen. Die Zürcher DML steht als Mahnmal im Raum.
Erstaunlich ist ferner, wie wenig engagierte Bahnfreunde und dem Umweltschutz verpflichtete Organisationen sich dieser Problematik bewusst sind – kein gutes Omen für eine nachhaltige Modernisierung der Eisenbahninfrastruktur in der Schweiz.