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Endlich ist neuer Schwung in das lange vor sich hin dümpelnde Projekt Baskisches Y (Y-Vasco) gekommen. Erste Aufträge für die eisenbahntechnische Ausrüstung der über 170 Kilometer langen normalspurigen Neubaustrecke wurden erteilt. Die letzten Lücken der seit Jahren im Rohbau weitgehend fertigen Infrastruktur werden zurzeit geschlossen. In San Sebastián und Irún werden die bestehenden Bahnhöfe aufwendig ausgebaut. In der Metropolitanregion San Sebastián sind Massnahmen zur Attraktivitätssteigerung der von Renfe betriebenen und lange vernachlässigten S-Bahn im Gang.
Aber auch das Streckennetz der von der Autonomen Region Baskenland betriebenen Regionalbahn Euskotren wird in San Sebastián substantiell erweitert. Der heute etwa ein Kilometer vom Stadtzentrum entfernte Kopfbahnhof Amara wird zu Gunsten einer über vier Kilometer langen Unterquerung des Stadtzentrums aufgegeben. Zudem wird die auf einer Brücke durch ein dichtes Gebiet von Pasaia führende einspurige Bestandesstrecke durch eine knapp zwei Kilometer lange unterirdische doppelspurige Neubaustrecke ersetzt.
Mehr über diese erfreuliche Entwicklung, ein paar Bilder von den Bahnhofbaustellen von Renfe in San Sebastián und Irún sowie ergänzende Erläuterungen in diesem Bericht.
Ausgangslage
Eisenbahnen in der Autonomen Gemeinschaft Baskenland

Überblick über San Sebastián und Irún
San Sebastian hat zurzeit rund 190’000 Einwohner. Die Metropolitanregion Donostialdea mit San Sebastián als Zentrum umfasst knapp 447’000 Einwohner. In der mit Donostialdea zusammengewachsenen Region Bidasoaldea mit Irún als Zentrum wohnen weitere 80’000 Menschen.
Stadt- und Regionalverkehr
Der öffentliche Verkehr in beiden Regionen ist sehr gut ausgebaut. Neben der von Euskotren betriebenen Meterspurbahn besteht ein dichtes Busnetz. Die von Renfe betriebene S-Bahn fährt auf Breitspur und führt zurzeit eher ein Schattendasein. Euskotren hat vor allem in den Stosszeiten seine Kapazitätsgrenzen erreicht. Leider bestehen zwischen den drei Verkehrssysteme kaum Verknüpfungen. Zwischen den Bussen und Renfe bzw. Euskotren hingegen bestehen einige Verknüpfungen.
Euskotren wird von der über eine grosse Autonomie verfügenden Autonomen Gemeinschaft Baskenland geführt. Euskotren betreibt auch die U-Bahn von Bilbao und die Tramlinien von Bilbao und Vitoria/Gasteiz sowie städtische und regionale Busnetze.
Fernverkehr
Das Fernverkehrsangebot von Renfe ist bescheiden. Von San Sebastián fahren täglich acht Fernverkehrszüge über Miranda de Ebro ins Landesinnere – sechs davon bereits ab Irún. Der Personenverkehr auf der Schiene zwischen Frankreich und Spanien über Irún – abgesehen von den halbstündlichen Zügen von Euskotren nach Hendaye – ist eingestellt.
Der überwältigende Teil des nationalen und internationalen öffentlichen Personenverkehrs erfolgt mit Fernbussen. Die grösseren Busbahnhöfe im Baskenland sind stark frequentiert und meist sehr gut ausgebaut.
Bahnprojekte von Adif (Infrastrukturgesellschaft der spanischen Staatsbahn)
Baskisches Y
Mit dem normalspurigen Baskischen Y werden die baskischen Grossstädte Bilbao, Vitoria/Gasteiz und San Sebastián an das spanische Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen. Über Irún ist der Anschluss an das französische TGV-Netz bei Hendaye vorgesehen, wobei der Planungsstand der Ligne Grande Vitesse (LGV) zwischen Bordeaux und Hendaye tief ist und der Bau auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Frankreich favorisiert die LGV Bordeaux – Toulouse und nicht Bordeaux – Dax mit einem Anschluss nach Spanien.

Bilbao und San Sebastián werden über eine Spange miteinander verbunden. Das Baskische Y ermöglicht enorme Reisezeitverkürzungen, und zwar sowohl ins Landesinnere als auch zwischen diesen beiden baskischen Grossstädten und nach Vitoria/Gasteiz.
Das Baskische Y als beeindruckendes Bauwerk ist für Geschwindigkeiten bis zu 250 km/h ausgelegt. 60 Prozent der 176 Kilometer langen Neubaustrecke liegen in Tunnels und 13 Prozent auf Brücken. Nur etwas mehr als ein Viertel liegt in normalem Gelände.

Die Projekte von Adif werden grundsätzlich vom spanischen Zentralstaat finanziert. Die Autonome Gemeinschaft Baskenland hat jedoch verschiedene Projekte von Adif bevorschusst, so etwa die Bahnhöfe von San Sebastián und Irún sowie Teile des baskischen Y.
Grosse Bahnhöfe
Alle Bahnhöfe der baskischen Grossstädte werden aus- oder neu gebaut. Der Ausbau der bestehenden Bahnhöfe von San Sebastián und Irún ist im Gang. Die Planung der neuen Bahnhöfe von Bilbao und Vitoria/Gasteiz ist fortgeschritten. Ende Oktober 2025 habe ich die Baustellen der Bahnhöfe Irún und San Sebastián besichtigt und werde kurz darauf eintreten. Dabei erinnere ich an die wenigen aktuell verkehrenden Fern- und Nahverkehrszüge.
Irún
Auf dem Gelände des bestehenden Bahnhofs wird ein repräsentativer und mit der Stadt gut vernetzter Bahnhof mit zehn Geleisen gebaut. Gemäss meinen Beobachtungen werden vier Bahnsteige mit acht Perronkanten errichtet, zwei Geleise sind für die Durchfahrt von Güterzügen vorgesehen. Wie die Bilder zeigen, wird intensiv gebaut. Das bestehende Bahnhofgebäude ist dem Abbruch geweiht. Der Bahnhof Irun Colon von Euskotren und der neue Bahnhof von Adif sind nur etwa 300 Meter voneinander entfernt. Denkbar ist die Schaffung einer direkten Fussgängerverbindung. Mit knapp hundert Metern ist die Luftlinie zwischen den beiden Bahnhöfen noch kürzer.



Dieses Youtube-Video von Adif zeigt, wie der neue Bahnhof nach der Fertigstellung aussehen soll: Nueva estación de Irún
San Sebastián / Bahnhof Atotxa
Auch dieser Bahnhof wird grundlegend erneuert und wird nach der Fertigstellung sieben Geleise aufweisen. Jeweils die beiden äusseren Geleise werden für den Mischbetrieb (Normalspur und Breitspur) hergerichtet – die innenliegenden Geleise aber nur für Normalspur und somit exklusiv für Hochgeschwindigkeitszüge. Ein Teil der Fassade des früheren und bereits abgebrochenen Bahnhofgebäudes wird in das weitgehend fertiggestellte neue Bahnhofgebäude integriert.

Der neue Bahnhof verfügt über einen breiten Durchgang zwischen dem Stadtzentrum und dem östlichen Stadtteil. Die Verbindungswege zu der neben dem Bahnhof liegenden unterirdischen Busstation werden erweitert. Ein Teil des neuen Gleisfelds wird für einen schätzungsweise 10’000 m2 grossen Parks überdeckt. Das hinter dem Bahnhof liegende Begegnungs- und Kulturzentrum Tabakalera wird mit der neuen Unterführung ideal angebunden.





S-Bahn / weitere Vorhaben
Die von Renfe von Irún bis Brinkola betriebene S-Bahn und die doppelspurige und gut trassierte Breitspurstrecke zwischen Hendaye und San Sebastián wurden lange vernachlässigt. Auf längeren Abschnitten zwischen Irún und San Sebastián wird zurzeit nur eines der beiden Geleise befahren, und zahlreiche Stationen sind verwahrlost. Aber auch hier herrscht als Folge des Baus der Fortsetzung des Baskischen Y Aufbruchstimmung. Einige Stationen wurden mit erheblichem Aufwand neu gebaut und entsprechen durchaus dem Standard von Euskotren. Dies gilt in besonderem Mass für die Station Intxaurrondo.



Die Weiterführung des Baskischen Y nach Frankreich setzt eine Generalsanierung der Strecke zwischen San Sebastián und Hendaye mit dem Einbau einer dritten Schiene in den Breitspurgeleisen für die HG-Züge von und nach Frankreich voraus.
Projekte von Euskotren
Neuführung der Bahn im Stadtzentrum von San Sebastián / Bahnhof Amara
Die Züge von Euskotren wenden im 1’000 Meter vom Stadtzentrum entfernten Kopfbahnhof Amara. Dieser in die Jahre gekommene aber gut funktionierende Bahnhof verfügt über sechs Geleise. Vier davon können die im Regionalverkehr verkehrenden vierteiligen Triebwagenzüge aufnehmen, aber nur zwei die sechsteiligen Triebwagenzüge für den Fernverkehr nach Bilbao. Der Marsch zum Bahnhof Atotxa von Renfe auf dem anderen Flussufer dauert etwa eine Vierteilstunde. Eine Busverbindung fehlt.
Das Stadtzentrum und die westlich vom Bahnhof liegenden Stadtteile sind von Amara aus von Euskotren schlecht erschlossen. Die kurz vor der Fertigstellung stehende unterirdische Neubaustrecke beseitigt diesen Mangel. Sie zweigt im Tunnel vor dem Bahnhof Lugaritz von der alten Strecke ab und umfährt Amara in einem weiten Bogen. Dabei erschliesst die Neubaustrecke auch den Stadtteil mit der Universität und die weltberühmte Bucht mit dem Strand von La Concha mit neuen Bahnhöfen. Der Kopfbahnhof von Amara wird durch einen unterirdischen Bahnhof mit vier Durchfahrgeleisen ersetzt.
Die neue Streckenführung ermöglicht einen Metro-ähnlichen Betrieb der Züge von Euskotren auf dem Stadtgebiet von San Sebastián mit einer Zugfolge von 7 ½ Minuten. Sie bewirkt dadurch eine substantielle Steigerung der Kapazität und wird neu als Metro Donostaldea bezeichnet. Das bestehende Rollmaterial kann unverändert weiterverwendet werden und wird wohl mit zusätzlichen Zügen ergänzt.

Die 4.2 Kilometer lange Neubaustrecke mit drei von Norman Forster gestalteten Stationen soll dem Vernehmen nach nur EUR 180 Mio. kosten.

Tunnel Altza-Galztaraborda
Im Bereich der Vorstadtgemeinde Pasaia fährt Euskotren einspurig auf einem bis zu acht Meter hohen Viadukt. In der Mitte dieses Abschnitts befindet sich der hoch liegende zweispurige Bahnhof von Pasaia. Die Fassaden der benachbarten Wohnhäuser sind teilweise weniger als zwei Meter vom Geländer der Bahnsteige entfernt. Eigentlich ein unhaltbarer Zustand, welcher der Bebauung, der bisherigen Linienführung und der Topographie der Stadt geschuldet ist.
Neu wird Pasaia mit einem zwei Kilometer langen zweispurigen Tunnel unterfahren und erhält einen unterirdischen Bahnhof. Diese Neubaustrecke schliesst in nördlicher Richtung an die seit einigen Jahren bestehende Stichstrecke nach Altza an. Die neue Strecke mit dem unterirdischen Bahnhof von Pasaia soll EUR 66 Mio. kosten und 2026 in Betrieb genommen werden.
Weitere Vorhaben von Euskotren
Dem Vernehmen nach bestehen Ideen, vom südlichen Ende der aufgegebenen Strecke nach Pasaia eine kurze Neubaustrecke zum Hafengelände von Donostaldea zu bauen, um damit auch diesen Stadtteil mit Euskotren zu erschliessen. Diese neue Verbindung wird dem Gütertransit ab Bilbao bis zum hiesigen Hafen dienen, genau so wie der ebenfalls im Bau befindliche Bypass-Tunnel von Amara. So müssen Güter- und Dienstzüge nicht durch das Kernnetz der Metro Donostaldea geführt werden.
Die Projekte von Euskotren werden vollumfänglich von der Autonomen Gemeinschaft Baskenland finanziert.
Kommentar
Angaben zu den Projektkosten
Die Angaben zu den Projektkosten wurden den offiziellen Publikationen entnommen. Sie erscheinen mir sehr tief zu sein. Denkbar, dass sie nur die direkten Baukosten der Tunnels abdecken und die Kosten der eisenbahntechnischen Ausrüstung und den aufwendig gebauten Bahnhöfen darin nicht enthalten sind.
Allgemein
Die Grosszügigkeit der neu entstehenden Bahnhöfe ist in Anbetracht des heutigen bescheidenen Zugverkehrs überwältigend. Selbst wenn die S-Bahn inskünftig halbstündlich und die Fernverkehrszüge stündlich verkehren, erscheinen die Anlagen als weit überdimensioniert. Bemerkenswert ist ferner, dass mit einer Ausnahme bisher zwischen dem Netz von Renfe und Euskotren keine Umsteigemöglichkeiten bestehen.
Analoge Feststellungen gelten auch für Bilbao, wo ein komplett neuer unterirdischer Bahnhof geplant ist. Dabei ist das aktuelle Angebot an Fernverkehrszügen ins Landesinnere höchst bescheiden, wie die Tabelle unten belegt.

Bemerkenswert ist auch, dass weite Teile der Geleise des Bahnhofs von RENFE überdeckt werden und auf einer Fläche von über 10’000 m2 ein Park errichtet wird. Und zwar unmittelbar neben der Tabakalera – einer weitläufigen ehemaligen Zigarrenfabrik, die der Bevölkerung bereits heute als Kultur- und Begegnungszentrum zur freien Verfügung steht.
Man stelle sich vor, die heute nicht überdachten Bahnsteige des Zürcher Hauptbahnhofs vor der Gleishalle würden für einen Park überdeckt. Oder über den Einschnitten in Zürich-Wiedikon oder Zürich-Oerlikon. Und genau das wird in San Sebastián realisiert – notabene in einer Stadt mit vielen Pärken und grosszügigen Promenaden am Meer oder am Ufer der Urumea. Auch der Zentralbahnhof von Kyoto verfügt über einen solchen Park.


Und hier noch ein weiteres Beispiel der grosszügigen Gestaltung. Im Anschluss an die nördliche Ausfahrt aus dem Bahnhof von San Sebastiàn wurde die Eisenbahnlinie auf einer grosszügig dimensionierte Brücke geführt.

Ergänzende Erläuterungen
Kaspar T. Woker hat den Text des Beitrages geprüft und für mit den Gegebenheiten nicht vertraute Leserinnen und Leser die folgenden Erläuterungen verfasst. Dafür danke ich ihm bestens.
San Sebastián, auf baskisch Donostia, ist das Zentrum der Provinz Guipúzcoa, welche zusammen mit den Provinzen Biskaya (Hauptstadt Bilbao) und Ávala (Hauptstadt Vitoria – Gasteiz) die autonome Region Baskenland bildet.
Euskal Trenbide Sarea (ETS) ist die Infrastrukturbetreiberin im Besitze der Region und inzwischen auch Erbauerin von Neubauten auf dem Netz der Staatsbahn in Zusammenarbeit mit deren Infrastrukturbetreiberin ADIF, sowie mitbestimmend beim baskischen Y. ETS ist Betreiberin des Meterspurnetzes zwischen Hendaye (F), Irún, San Sebastián, Bilbao und Umgebung. Die weiter unten beschriebenen Neubaulinien werden als „Metro Donostaldea“ vermarktet.
Euskotren ist die Betreiberin auf dem Meterspurnetz, einer Metrolinie plus den Tramnetzen von Bilbao und Vitoria, sowie Standseilbahnen im Raum Bilbao. Die Buslinien der Städte und Provinzen sind unabhängig voneinander und unterstehen denselben Transport-Behörden. Bisher bestanden keine Tarifgemeinschaften. Die autonome Region ist 2025 – auch im Hinblick auf die erwähnte Metro – daran, einen Tarifverbund über alle Verkehrsträger (Renfe, Staatsbahn) zu schaffen.
Renfe betreibt auf der durchgehenden Breitspurstrecke den Fernverkehr (aktuell acht Zugpaare nach Vitoria und weiter) sowie den Nahverkehr (Cercanías) als Linie C1 zwischen Irún und Brinkola in der Provinz Guipúzcoa in einem unregelmässigen Takt. Seit Corona gibt es keine durchgehenden Züge mehr nach Hendaye, resp. umgekehrt bis Irún.
Y Vasca oder baskisches Ypsilon heisst die im Rohbau praktisch fertiggestellte Infrastruktur zwischen Bilbao, Vitoria und San Sebastián mit Fortsetzung bis Irún. Das baskische Y wird dereinst an die LAV aus Madrid – Burgos im Raum Vitoria angeschlossen. Die beiden Endpunkte Bilbao und Vitoria sind noch im Projektierungsstadium. Der Anschluss San Sebastián ist geregelt und im Bau. Die Normalspur wird bei Astigarraga, sechs Kilometer vor San Sebastián Atotxa (Hauptbahnhof und Namensvetter von Madrid Atocha) an die Breitspur angeschlossen und in der bestehenden Doppelspur mit Dreischienengleisen bis Irún weitergezogen, nachdem die Verbindung zu einer französischen LGV auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Finanzielle Engpässe und Abgrenzungsprobleme zwischen der spanischen Zentralregierung und der Autonomen Region verzögern die Fertigstellung des baskischen Y bis dato immer wieder. Eröffnungsdaten sind deshalb mit einer gewissen Unsicherheit behaftet.