Glanzlichter im Balkan

Vorbemerkungen

Der Balkan ist nicht bekannt für einen gut ausgebauten öffentlichen Verkehr. In der Tat sind weite Gebiete vor allem im südlichen Balkan mit Bahn und Bus nicht erreichbar. Zudem sind die öffentlichen Verkehrsmittel und die Infrastruktur der Eisenbahn gelegentlich in einem desolaten Zustand.

Aber es gibt auch Lichtblicke. Besonders die Hauptstädte von einigen Balkanstaaten verfügen über durchaus mit den hiesigen Verhältnissen vergleichbare Systeme des öffentlichen Verkehrs. Aber auch daneben bewegt sich viel. Leider stellen sich die anhaltenden Spannungen zwischen einigen Ländern einem Ausbau des grenzüberschreitenden Personenverkehr entgegen. Dies gilt im Besonderen für die Verbindungen zwischen Kroatien und Serbien, wo der Personenverkehr auf der Schiene seit vielen Jahren eingestellt ist und nur wenige Fernbusse verkehren.

Mehr in diesem Bericht über einige Glanzlichter, welche die mancherorts vorhandene Aufbruchstimmung dokumentieren sollen.

Budapest

Beobachtungen

Die Hauptstadt Ungarns verfügt über einen exzellenten öffentlichen Verkehr. Neben einigen älteren Strassenbahnen von Tatra verkehren viele neue Trams von CAF. Das Tram- und Busnetz wird ergänzt mit vier U-Bahnlinien und mehreren S-Bahn-Linien. Von den vier grossen Stadtbahnhöfen habe ich Kelenföld, Deli und Nyugati besichtigt. Die genannten Bahnhöfe sind ideal an das städtische Verkehrssystem angeschlossen und präsentieren sich hervorragend.

Metrolinie 1

Besonders beeindruckt hat uns die Metrolinie M1. Diese wurde 1896 als erste U-Bahn auf dem europäischen Festland eröffnet, ist 4.4 Kilometer lang und weist elf Haltestellen auf. Die normalspurige Strecke liegt nur wenig unter der Strassenoberfläche und ist über kurze Treppen bequem erreichbar. Die sorgfältig unterhaltenen Haltestellen befinden sich in ihrem ursprünglichen, historischen Zustand und sind eine Augenweide. Der Fahrplan ist dicht, und die relativ kurzen Züge werden vor allem in den Hauptverkehrszeiten rege benutzt.

Wartehalle der Metrolinie M1.
Bahnsteig der Metrolinie M1.

Szeged

Anreise

Da die modernisierte Strecke zwischen Budapest und Subotica aus technischen Gründen erst von Güterzügen befahren wird, erreichten wir das serbische Subotica von Budapest aus mit einem Schnellzug nach Szeged und von dort mit einem serbischen Dieseltriebwagen.

Der Komfort der Innenräume in den meisten Wagen des IC von Budapest nach Szeged entspricht zwar mitteleuropäischen Standards. Die Höchstgeschwindigkeit des Zuges auf einer meist geraden doppelspurigen Strecke betrug jedoch nur 120 km/h, und die Abflussrohre der Toiletten führten trotz der elektrischen Spülung ins Freie.

Reisewagen des IC von Budapest nach Szeged.
Beide Abflussrohre führen auf die Geleise.

Bahnhofgebäude Szeged

Ein kurzer Rundgang nach der pünktlichen Ankunft des Zuges in Szeged beeindruckte. Der grosszügige Bahnhof verfügt zwar weder über Perrondächer noch über eine Unterführung. Die Fahrgäste werden von Bahnangestellten mit Flaggen über die Geleise geleitet. Die Bausubstanz des sauberen Bahnhofgebäudes hingegen wird aufwendig unterhalten. Dennoch verlieren sich die überschaubaren Besucher in den weitläufigen Hallen.

Bahnhofgebäude von Szeged.
Halle im Bahnhof von Szeged.
Alte Wartehalle im Bahnhof von Szeged.
Deckenleuchte im Bahnhof von Szeged.

Weiterfahrt nach Subotica

Die Kontrolle der rund 50 Fahrgäste beim zweiteiligen Dieseltriebwagen der serbischen Staatsbahn SRB beim Grenzbahnhof Röszke beanspruchte 30 Minuten. Je zwei ungarische und serbische Grenzbeamte kontrollierten die relativ wenigen Personen. Vor dem Zug patrouillierten Militärpersonen.

Unser Triebwagen nach der Ankunft im Bahnhof von Subotica.

Bei der Weiterfahrt passierten wir die Grenzzäune zwischen Ungarn und Serbien. Sie entsprechen weitgehend den Bildern der einstigen Zonengrenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Ernüchternd. Bei der Weiterfahrt nach Subotica bemerkte ich, dass die Strecke in Serbien kürzlich aufwendig renoviert und über eine neue Fahrleitung verfügt.

Subotica – Belgrad

Ankunft

Die Ankunft erfolgte pünktlich im renovierten und grosszügig ausgebauten Bahnhof von Subotica. Auf dem benachbarten Bahnsteig stand ein schnittiger vierteiliger elektrischer Triebwagenzug mit dem Logo „Coko“. (Das kyrillische „C“ entspricht unserem „S“),

Coko-Zug im Bahnhof von Subotica.

Während der Wartezeit unternahm ich einen kurzen Rundgang durch den Bahnhof und die Umgebung. Aufgefallen sind mir die massive Bauweise der Fahrleitung und die auf ihre Inbetriebnahme wartende Schnellfahrstrecke nach Budapest.

Bahnhofgebäude von Subotica.
Unterführung im Bahnhof von Subotica.
Blick auf die fertiggestellte Strecke nach Budapest.

Zugfahrt nach Belgrad

Die Türen des Schnellzuges nach Belgrad öffneten sich erst kurz vor der Abfahrt des Zuges. Beim Rundgang durch den Zug wurde mir gewahr, dass es sich um ein chinesisches Produkt handelte (EMU von CRRC). Die 200 km/h schnellen Züge benötigen für die 180 Kilometer lange Neubaustrecke von Subotica nach Belgrad nur 79 Minuten.

Coko-Zug kurz vor der Abfahrt nach Belgrad.

Die Gestaltung und Qualität der Innenräume waren überwältigend. Auch das geringste Detail war sorgfältig ausgeführt. Die Laufruhe des Zuges auf der Fahrt nach Belgrad über die von China finanzierte und gebaute Hochgeschwindigkeitsstrecke mit ein paar Zwischenhalten liess nichts zu wünschen übrig. Erstaunlicherweise wurde der neue Bahnhof von Novi Sad nicht angefahren. Dem Vernehmen nach ruht der Bahnverkehr zwischen den beiden grössten serbischen Städten seit dem tragischen Einsturz eines Perrondaches in Novi Sad am 1. November 2024 mit sechzehn Todesopfern bis auf Weiteres.

Innenraum des Coko-Zuges.
Gestaltung der Sitzplätze im Coko-Zug.
Detail aus dem Innenraum des Coko-Zuges.
Details aus dem Innenraum des Coko-Zuges.
Wagenübergang im Coko-Zug.
Waschbecken in der Toilette des Coko-Zuges.
Zone für Rollstühle. Man beachte die Gestaltung des Haltegriffs.

Belgrad

Beobachtungen

Bei unserem Aufenthalt in Belgrad waren wir von der Dichte und der Erschliessungsqualität des städtischen öffentlichen Verkehrs überrascht. Allerdings ist es für einen auswärtigen Besucher schwierig, sich einen Überblick zu verschaffen. Auf dem Tramnetz überwiegen die älteren Fahrzeuge von Tatra. Daneben verkehren ausgemusterte Trams aus Basel und mehrere moderne Trams von CAF.

Besonders im Stadtzentrum fahren die Trams auf separaten Trassen und gelegentlich auf desolaten Schienen. Es war immer überraschend zu beobachten, dass die Trams die kritischen Stellen ohne zu entgleisen überwanden. Wesentlich besser präsentiert sich die neue Schieneninfrastruktur in den neuen modernen Aussenquartieren.

Und etwas ganz Besonderes ist uns aufgefallen. Die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel ist abgesehen von vereinzelten Ausnahmen kostenlos. Man gewöhnt sich rasch an diesen Service.

Bahnhof Beograd Centar

Die ersten Eindrücke vom neuen Bahnhof Beograd Centar waren überwältigend. Zwei Tage später besichtigte ich den Bahnhof eingehender. Die positiven Eindrücke bei der Ankunft bestätigten sich vollends. Leider war an diesem Tag der gesamte Eisenbahnverkehr wegen einer Grossdemonstration in Belgrad eingestellt.  Auch über diesen Anlass, den wir hautnah erlebten, könnte man lange berichten.

Bahnsteige im Bahnhof Beograd Centar.
Verbindungsgang im Bahnhof Beograd Centar.
Zugang vom Verbindungsgang in die Halle des Bahnhofs Beograd Centar.
Halle des Bahnhofs Beograd Centar.
Ein weiteres Bild aus der Halle des Bahnhofs Beograd Centar.
Anzeigetafel im Bahnhof von Beograd Centar. Am Besuchstag war der Zugverkehr in Serbien wegen einer Grossdemonstration eingestellt.
Schleuse im Bahnhof von Beograd Centar. Die Halle ist klimatisiert.
Haupteingang des Bahnhofs von Beograd Centar.
Fassade des Bahnhofs von Beograd Centar.

Busstation Novi Beograd

Contre-Coeur mussten wir für die Weiterfahrt von Belgrad nach Zagreb wegen des eingestellten Eisenbahnverkehrs mit einem Flixbus Vorlieb nehmen. Bei der Ankunft in der vor zwei Jahren eröffneten Busstation konnte ich ein paar Eindrücke von der imposanten Anlage erhaschen. Das Hauptgebäude ist erst teilweise fertiggestellt.

Nach der Fertigstellung wird die Busstation über 53 Stellpätze für abfahrende und 12 für ankommende Busse verfügen. Das in diesem Beitrag eingeführte Modellbild zeigt die Dimensionen der ausgedehnten Anlage. Die Anbindungen an den benachbarten Bahnhof Novi Beograd und die Tramhaltestelle sind noch im Bau.

Dem Internet entnommene Visualisierung der Busstation Novi Beograd.
Blick auf die Baustelle des Gebäudes der Busstation von Novi Beograd.
Blick in die bereits fertiggestellte Schalterhalle der Busstation von Novi Beograd.
Blick auf eine bereits betriebene Haltekante der Busstation von Novi Beograd.

Die Dimensionen der zentralen Busstation zeigen aber auch, dass die Eisenbahn in Serbien wegen des vergleichswiese dünnen Schienennetzes wohl nur eine subsidiäre Rolle wahrnehmen kann. Die Musik spielt im Fernverkehr auf der Strasse oder in der Luft.

Zagreb

Anreise

Der Bus verliess Belgrad pünktlich um 11.30 Uhr und erreichte die Grenze nach 75 Minuten. Bereits bei der Ausreise erfolgte eine intensive Personenkontrolle durch serbische Grenzbeamte.

Die Weiterfahrt nach Zagreb verzögerte sich wegen der Personenkontrolle durch die kroatischen Grenzbehörden um vier Stunden. Besonders die Kontrolle von Fahrgästen aus einem Nicht-Schengen Land beanspruchte pro Person zwei bis drei Minuten. Wir verbrachten die drei Stunden bis zum Beginn unserer Kontrolle ausserhalb des Busses im kärglichen Schatten von ein paar Bäumen. Ohne Verpflegung und ohne Zugang zu Toiletten.

Hunderte von Menschen warteten stundenlang und bei grosser Hitze auf die Einreise nach Kroatien.

Als wir mit unseren Mitfahrern gegen 16 Uhr zur Kontrolle geführt wurden, war die Warteschlange hinter unserem Bus auf ein halbes Dutzend Busse aus verschiedenen Balkanstaaten angewachsen.

Zu guter Letzt trafen wir mit dreieinhalb Stunden Verspätung in Zagreb ein.

Beobachtungen

Zagreb erwies sich als sehenswerte und gepflegte Stadt mit einem gut ausgebauten städtischen öffentlichen Verkehr. Neben einigen älteren Tatra-Trams werden grösstenteils neue Strassenbahnen von CAF eingesetzt. Die Gestaltung der Innenräume und die breiten Türen der klimatisierten und ruhig fahrenden CAF-Fahrzeuge ermöglichen einen raschen und sicheren Fahrgastwechsel.

Seilbahn

Eher zufällig wurden wir gewahr, dass von einem gut erschlossenen Aussenquartier eine Luftseilbahn auf den Hausberg von Zagreb fährt. Um der mörderischen Hitze der Stadt zu entfliehen, entschieden wir uns für eine Fahrt mit dieser Luftseilbahn. Schon die Talstation war beeindruckend. Im unteren Teil des Gebäudes befindet sich ein ausgedehntes Parkhaus mit mehreren Ebenen, und die Endstation der Strassenbahn ist nur etwa 120 Meter entfernt.

Auch die Bergstation lässt funktional und architektonisch keine Wünsche offen. Bemerkenswert ist, dass die Seilbahn im unteren Teil auf einer zusätzlichen Station die Richtung um geschätzte 30 Grad ändert und so gemäss unseren Beobachtungen über keine Gebäude führt.

Gebäude der Talstation der Seilbahn auf die Zicara Sljeme.
Schalterhalle der Seilbahn.
Eingangshalle der Bergstation.
Eingangsbereich der Bergstation.
Aufgang zur Terrasse auf der Bergstation. Diese war am Tag unseres Besuchs leider geschlossen.
Blick auf die Talstation kurz vor der Ankunft.
Blick zurück auf die Zwischenstation mit dem Richtungswechsel.

Kennzeichnung von Fahrradwegen

Bei den Wanderungen durch Zagreb sind uns die Kennzeichnung der Fahrradwege aufgefallen. Selbst auf Strassen in wenig befahrenen Quartieren der Stadt sind die für Fahrradfahrende reservierten Flächen in der Regel mit einem roten Belag versehen.

Kennzeichnung von Fahrradrouten in einem Stadtquartier.
Ein weiteres Beispiel für die Kennzeichnung von Fahrradrouten.

Zum Vergleich ein in der Stadt Zürich leider vertrautes Bild. Auf zwei stark frequentierten Kaphaltestellen in Zürich Wollishofen fehlt eine Kennzeichnung des Fahrradweges völlig.

Situation auf der Kaphaltestelle Bahnhof Wollishofen/Staubstrasse.
Situation bei der Kaphaltestelle Zürich-Morgental. Hier verkehren eine Tram- und vier Buslinien.

Kommentar

Zusammenfassend hat unsere Reise überraschende Erkenntnisse ergeben. Wir sind mit zahlreichen Beispielen für das grosse Verbesserungspotential in unserem Land nach Hause zurückgekehrt. So zum Beispiel für die kundenfreundliche Gestaltung von Bahnhöfen oder für zeitgemässe Luftseilbahnen in einer Metropolitanregion.