Weiss die Rechte, was die Linke tut? – Ausbau Achse Bern – Zürich

Das Erfreuliche zuerst – die Diskussion über den Ausbau der Eisenbahninfrastruktur aus dem Raum Olten-Aarau nach Zürich hat an Intensität gewonnen. Es scheint, dass die überfällige Beseitigung dieses Engpasses endlich in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit gelangt ist.

Über das Wie aber bestehen selbst im Hause von Frau Bundesrat Leuthard kontroverse Auffassungen. Gemäss dem Beitrag von Paul Schneeberger in der Neuen Zürcher Zeitung vom 1. März 2016 (NZZ 2016_03_01 Ausbau Aarau-Zürich) soll der von Rupperswil nach Zürich-Altstetten führende dreissig Kilometer lange Tunnel sowohl Personen- als auch Güterzüge aufnehmen. Eine Beschleunigung der Züge ist nicht vorgesehen. Dieser Sachverhalt ist in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Erstens wird auf eine Verkürzung der viel zu langen Reisezeit zwischen Bern und Zürich verzichtet und zweitens sollen die Güterzüge wohl über die Käferberglinie und Zürich Oerlikon geführt werden. Die Einwohner der Stadt Zürich werden sich freuen. Zudem werden die Intercity-Züge zwischen Bern und Zürich auch weiterhin durch die Bahnhöfe von Olten und Aarau fahren. Da stellt sich die Frage nach der Vernunft.

Weitsichtiger sind die Ausführungen von Ulrich Gygi, Präsident des Verwaltungsrates der SBB AG, im Interview in der Ausgabe der NZZ vom 23. April 2016. Er plädiert für eine Beschleunigung des Reiseverkehrs zwischen Genf und Zürich und spricht sich für das auch auf dieser Website kommentierte Konzept Bahn 2000 plus aus.

In seinem Leserbrief in der Ausgabe der NZZ vom 3. Mai 2016 äussert sich Bernhard Studer, Mediensprecher des Komitees von Bahn 2000 plus in dieser Sache. Hier die bedenkenswerten Ausführungen im Original.

NZZ 2016_05_03 Bahn 2000 plus

Es wäre der Sache dienlich, wenn man im Bundesamt für Verkehr auf Höhenflüge ins Nichts verzichten und dafür die Vorschläge des Komitee Bahn 2000 plus übernehmen würde. Vorn allem aber sollte man im UVEK in einer derart wichtigen Sache nur mit einer einheitlichen Meinung an die Öffentlichkeit treten.

 

 

Gotthard Bergstrecke – Nutzungskonzept – S-Bahn Gottardo

1.   Vorbemerkungen

Dieses Exposé beinhaltet einen Vorschlag für die Nutzung der Gotthard Bergstrecke nach der Inbetriebnahme des Gotthard Basistunnels.

Neben der Erhaltung der Gotthard Bergstrecke als bedeutendes Baudenkmal der Schweiz soll die Strecke für den Tourismus und zur Förderung des Lebensraums Gotthard genutzt werden. Vor allem der letzte Aspekt – die Strukturförderung von Dörfern im oberen Reusstal und in der Leventina – wird unseres Erachtens in der laufenden Diskussion unzureichend gewürdigt. Man hat den Eindruck, dass die Politik die legitimen und vitalen Interessen der Bevölkerung in diesen Alpentälern unzureichend berücksichtigt.

Das hier vorgestellte Nutzungskonzept beinhaltet ein Betriebskonzept und einen Vorschlag für massvolle Ausbauten der Infrastruktur in Form von zusätzlichen einfach ausgestalteten Haltepunkten. Im Fokus steht die Strecke zwischen Erstfeld und Biasca. Nach der Realisierung der als vordringlich erachteten umweltschonenden Umfahrung von Bellinzona durch den Güterverkehr soll auch der Regionalverkehr zwischen Arbedo und Biasca reaktiviert werden.

Dieses Exposé erhebt nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Arbeit. Es wurde von engagierten Laien erstellt und soll die Diskussion fördern.

2.    Ausgangslage

2.1  Standortförderung

Auf Wanderungen oder Fahrten abseits der grossen Achsen ist man sowohl im oberen Reusstal als auch in der Leventina mit erschreckenden Bildern konfrontiert, die für die Schweiz ungewohnt sind.

Ganze Dorfteile wurden verlassen. Viele Häuser sind seit Jahren unbewohnt und zerfallen. In zahlreichen Mehrfamilienhäusern und Überbauungen sind nur noch wenige Wohnungen bewohnt.

Haus 1 IntschiHaus 2 Intschi

ehemalige Wartehalle und aufgegebenes Ladenlokal in Intschi

Haus 1 PiottaHaus 2 Faido

Häuser im Dorfzentrum von Piotta (links) und im Dorfzentrum von Faido (rechts)

Haus 3 FaidoHaus 4 Pollegio

Häuser im Dorfzentrum von Faido (links) und Pollegio (rechts)

Bilder sagen mehr als tausend Worte. Ohne Gegenmassnahmen werden sich der Zerfall und die Entvölkerung erbarmungslos fortsetzen. Die Zeit für eine Trendumkehr ist mit der Inbetriebnahme des Gotthardbasistunnels gekommen. Das ist die Schweiz den Menschen im oberen Reusstal und in der Leventina einfach schuldig.

Wir erachten die Förderung des öffentlichen Verkehrs durch die Wiedereinführung des Regionalverkehrs auf der Schiene als unabdingbar für die Revitalisierung der Regionen, und zwar in zweifacher Hinsicht. Erstens durch die Bereitstellung eines effizienten Transport- mittels und zweitens als Symbol der Trendwende als Hoffnungsträger.

2.2  Tourismus

Nicht überbewertet werden darf das touristische Potential der Dörfer unmittelbar entlang der Verkehrsachsen. Dafür sind die Lärmimmissionen vorab der Autobahn einfach zu gross. Hingegen befinden sich auf den Höhen abseits der Dörfer im Tal attraktive Tourismusregionen wie das Urserental oder Hochebenen wie Prato Leventina oder östlich von Giornico. Hier kann die Bahn eine wichtige Zubringerfunktion zu den weiterführenden Verkehrsmitteln wie die Matterhorn Gotthard-Bahn oder die zahlreichen Postautos erfüllen.

Und last but not least bietet die Bahnfahrt über den Gotthard als solche ein enormes touristisches Potential, und zwar sowohl für die Strecke selbst als auch für die Endpunkte wie Luzern oder Locarno. Glacier- und Berninaexpress beweisen es.

3.    Grundzüge des Konzepts

3.1  Einleitung

Nachstehend werden bauliche Massnahmen und ein mögliches Betriebskonzept für die Eisenbahn beschrieben. Nicht eingetreten wird auf die Verkehrserschliessung ab den Knotenpunkten und auf weitere Standortförderungsmassnahmen.

3.2  Bahninfrastruktur

Massvolle Anpassungen der Bahninfrastruktur sind erforderlich, nämlich

  1. die Anpassung der Umsteigebahnhöfe wie Göschenen, Airolo und Faido
  2. die Wiederinbetriebnahme der weitgehend intakten und heute nicht mehr bedienten Bahnhöfen wie Amsteg-Silenen, Wassen, Gurtnellen, Rodi-Fiesso, Lavorgo, Bodio und Giornico
  3. der Bau von vier neuen Haltestellen für den Regionalverkehr in der Leventina und von zwei neuen Haltepunkt im oberen Reusstal

Im Folgenden werden anhand von Bildern (nur Leventina) und Kartenausschnitten die sechs vorgeschlagenen neu zu bauenden Haltestellen vorgestellt. Die Haltestellen müssen den geltenden Normen und mit möglichst geringem Aufwand errichtet werden. Sie sollen dort gebaut werden, wo bereits Unter- oder Überführungen bestehen. Die Lage der einzelnen Haltestellen  ist im Detail zu bestimmen.

a.  Ueberblick über die Strecke und die Haltepunkte

Karte Gotthard

b.  Bahnhöfe und Haltestellen im Einzelnen

Bahnhöfe (Halte RE und S-Bahn) Haltestellen (nur Halte S-Bahn)
Erstfeld  Dägerlohn (Silenen)
Gurtnellen  Amsteg (ehemaliger Bahnhof)
Wassen  Intschi (ehemalige Haltestelle)
Göschenen  Piotta
Airolo  Rodi (ehemaliger Bahnhof)
Ambri  Balcegno
Faido  Chiggiogna
Lavorgo  Pollegio
Giornico
Bodio
Biasca

c.   Die sechs neue zu bauenden Haltepunkte

1. Dägerlohn (Silenen)

1 Dägelohn KarteKartenausschnitt, bestehender Zugang und Lage der Perrons

1 Dägerlohn Zugang1 Dägerlohn Perron

2. Intschi (ehemalige Haltestelle)

2 Intschi Karte

Kartenausschnitt, bestehender Zugang und Lage der Perrons

2 Intschi Zugang2 Intschi Perron

3. Piotta

3 Piotta KarteKartenausschnitt, bestehender Zugang und Lage der Perrons

3 Piotta Zugang3 Piotta Perron

4. Balcengo

4 Balcegno KarteKartenausschnitt, Zugang ab der Brücke unterhalb der Klinik und Lage der Perrons

 

 

 

 

4 Balcegno Zugang4 Balcegno Perron

5.  Chiggiogna

5 Chiggiogna KarteKartenausschnitt, bestehender Zugang und Lage der Perrons

 

5 Chiggiogna Perron
5 Chiggiogna Zugang

6. Polleggio

6 Pollegio KarteKartenausschnitt und bestehender Zugang, kein Bild von der Lage der Perrons

 

6 Pollegio Zugang

3.3  Ideen für das Betriebskonzept

Pro Stunde verkehren je ein Regionalexpress analog Voralpen-Express und eine S-Bahn mit folgenden Spezifikationen:

Regionalexpress
Route Luzern – Altdorf – Biasca – Bellinzona – Locarno
Verknüpfung mit dem Fernverkehr Altdorf und Bellinzona
Ausstattung Zug mit erhöhtem Komfort (analog VAE)
Funktion Tourismus und rasche Talerschliessung
Hinweis Die Verknüpfung mit dem Fernverkehr muss optimiert erfolgen. Die Fahrzeit der RE zwischen den Umsteigebahnhöfen sollte etwa 50 Minuten länger sein, als diejenige der Züge des Fernverkehrs.
S-Bahn
Route Arth-Goldau – Bellinzona
Ausstattung FLIRT
Funktion Feinerschliessung und Ortsverkehr
Hinweis Bedarf auf der Nordrampe abklären, unter Umständen getrennte Züge auf der Nord- und der Südrampe (abhängig von der Einbindung in die jeweiligen Verkehrsverbünde)

 

Neuregelung Fernverkehr Wien / Wien Hauptbahnhof

I Vorbemerkungen

Der neue Hauptbahnhof von Wien ist seit Dezember 2015 im vollen Betrieb. Der neue Zentralbahnhof ist Element der Neuregelung des Eisenbahnfernverkehrs im Grossraum Wien. Es liegt in der Natur der Sache, dass derartige Grossprojekte – vor allem, wenn sie in gewachsenen Städte gebaut werden – in Bezug auf einzelne Aspekte Anlass zu berechtigter Kritik bieten. In seiner Gesamtheit ist jedoch Wien HB ein epochales Projekt. Es zeugt von Weitsicht und Kraft.

Wien 2 Lageplan

Wien 1 Umgebungsplan

II Ausgangslage

Der Eisenbahnfernverkehr von Wien wurde bis dato hauptsächlich über die drei grossen Stadtbahnhöfe Westbahnhof, Südbahnhof/Ostbahnhof sowie den Franz-Josefs-Bahnhof abgewickelt. Vor allem die Anbindung des Westbahnhofs an das leistungsfähige S-Bahnsystem von Wien war höchst unzureichend.

Bis zur Wende von 1989 war Wien als „Grenzstadt“ gegen Norden und Osten weitgehend isoliert. Die Öffnung der Grenzen zu den ehemaligen Ostblockstaaten hatte für Wien grosse Auswirkungen und eröffnete der Donaustadt ein immenses Entwicklungspotential. Unter anderem wuchs die Bedeutung von Wien als Verkehrsknotenpunkt und Zentrum in Osteuropa schlagartig.

Um den neuen Anforderungen zu entsprechen und städtebauliche Chancen zu nutzen, beschloss Österreich, den Eisenbahnfernverkehr von Wien neu zu regeln und den gesamten Fernverkehr über einen zentralen Bahnhof abzuwickeln. Aus verschiedenen Gründen wurde der neue Bahnhof in der Gegend von Süd- und Ostbahnhof errichtet. Durch die Nutzung der unternutzten Eisenbahnbrachen wurden in guter Lage über 55 Hektaren hochwertiges Bauland freigesetzt. Der Erlös aus dem Verkauf dieses Baulands steuerte einen beträchtlichen Teil an die Baukosten von Wien HB bei. Auch die Schweiz leistete ihren Beitrag zum neuen HB Wien, indem Theo Hotz aus Zürich den Architekturwettbewerb gewann.

Zugleich wurde zwischen St. Pölten und Wien eine für hohe Geschwindigkeiten ausgelegte Neubaustrecke durch das Tullnerfeld geführt. Die Stadt Wien wird durch den 13,3 km langen Wienerwaldtunnel und den 12,8 km langen Lainzertunnel unterfahren. Der bisher bedeutende und gut an den städtischen öffentlichen Verkehr angebundene Westbahnhof wird zu einem relativ unbedeutenden Regionalbahnhof mit nur noch acht Geleisen umfunktioniert.

III Beschreibung HB Wien

Wien HB dient hauptsächlich dem Fernverkehr. Zudem wird er von einer S-Bahnlinie und den Nahverkehrsschnellzügen nach Pressburg (Bratislava) bedient. Wien HB verfügt über zehn Perronkanten für den Fernverkehr und zwei unterirdischen Geleisen für den S-Bahn-Verkehr. Dank der Länge der Bahnsteige können – wie in fast allen grossen Bahnhöfen von Österreich üblich – zwei Züge vom gleichen Gleis abfahren. Zwei zusätzliche reine Durchfahrtsgeleise dienen dem lokalen Güterverkehr sowie Rangier- und Leerfahrten. Im Südosten befindet sich eine grosszügig angelegte Verladestelle für vier Autoreisezüge.

Insgesamt verfügt Wien HB über vier Ebenen. Auf der untersten Ebene befindet sich ein grosszügiges Parkhaus mit direkten Zugängen zu den oberen Geschossen und den Perrons. Darüber im ersten Untergeschoss befindet sich das Ladengeschoss mit zahlreichen Detailhandelsgeschäften.

Wien 37 Ladenzone

Wien 10 Aufgang Haupthalle

Die Zirkulationsfläche für die Passagiere ist ebenerdig angeordnet. Von hier aus können die obenliegenden fünf Perrons mit insgesamt zehn Perronkanten über mehrere vertikale Erschliessungen erreicht werden.

Wien 48 Zugang Nord 3Wien 52 Blick in Haupthalle

Wien 39 WartezoneWien 38 Aufgang Perron

Wien 51 Blick in EingangshalleWien 26 Eindrücke Perron 5

Wien 30 Eindrücke Perron 9Wien 25 Eindrücke Perron 4

Unmittelbar neben Wien HB entsteht mit dem Sonnwendviertel ein modernes neues Stadtquartier. Es bietet Wohnraum für 13‘000 Menschen, Bürogebäude mit 20‘000 Arbeitsplätzen sowie Hotels und Versorgungsbetriebe. In nächster Nähe zu Wien HB befindet sich der repräsentative Hauptsitz der ÖBB.

Wien 19 Durchfahrtsgleis 1

Wien 56 Eingang HS ÖBB 1

Die dichte Überbauung des Sonnwendviertels wird den heute zu Recht als unangenehm empfundenen Durchzug von Westen auf den hochliegenden Perrons von Wien HB vermindern.

IV Einbindung in den öffentlichen Verkehr und in den Individualverkehr

Wien HB – und das ist eines der meist genannten Kritikpunkte – wird im Gegensatz zum Westbahnhof nur von einer einzigen U-Bahnlinie erschlossen. Auch ist der unterirdische Zugang von der U-Bahn Station zum Bahnhof etwa 600 m lang. Der hell und freundlich gestaltete Zugang ist etwas eng.

Wien 4 Durchgang von U-Bahn 1Wien 10 Aufgang Haupthalle

Dafür verfügt Wien HB über eine sehr gute Anbindung des Fernverkehrs an das leistungsfähige S-Bahn System von Wien.

Wien 9 Aufgang S-Bahn 2Wien 6 Unterquerung S-Bahn 1

Auch wird Wien HB von mehreren Tramlinien erschlossen. Die Tramlinie D kann auf kurzen Wegen mit grosszügigen Abgängen direkt von den Perrons erreicht werden. Seitlich führt mit der Nummer 18 eine weitere Tramlinie vorbei. Beispielhaft ist auch die Einbindung der Regional- und Fernbusse. Sie lassen sich vom Bahnhof aus trockenen Fusses erreichen.

Wien 18 Tramhaltstelle D IWien 49 Tramhaltestelle Nord

Wien 40 Busbahnhof 1Wien 43 Busbahnhof 4

Die meisten Fernzüge nach Westen, Süden und Osten werden auch in Wien Meidling halten. Hier sind die Wege zur U-Bahn kürzer. Zudem kann in die „Badner-Bahn“ umgestiegen werden.

Das zweite Untergeschoss bietet Autofahrern ein rund um die Uhr zugängliches Parkhaus mit 630 hellen und übersichtlich gestalteten Parkplätze. Zudem befindet sich in HB Wien eine Fahrradgarage mit 480 Abstellplätzen.

Wien 14 GarageWien 13 Aufgang Garaqe

V Neubaustrecke St. Pölten – Wien

Wie erwähnt wurde zwischen St. Pölten und Wien eine grosszügig angelegte, 56 km lange und für 250 km/h dimensionierte Neubaustrecke gebaut. Durch diese neue Strecke halbiert sich die Reisezeit zwischen Wien und St. Pölten auf noch 25 Minuten. Im neuen Haltepunkt Tullnerfeld werden die Neubaustrecke und eine Nebenlinie verknüpft. Diese heute noch wenig benutzte Verbindung verkürzt die Reisezeit zwischen Tulln und Wien HB als Knotenpunkt des Fernverkehrs erheblich.

Tullnerfeld

VI Zur Kritik am neuen Bahnhof Wien HB

Vor allem aus Bahnkreisen werden gegenüber Wien HB folgende Bedenken und Kritik geäussert:

  1. Die zehn Geleise werden in Anbetracht der 30 Geleise des Südbahnhofs und des Westbahnhofs als unzureichend erachtet.
  2. Es fehlen Weichenverbindungen, so dass Streckengeleise nicht von allen Hallengeleisen aus erreicht werden können. Der Ausfall von einzelnen Weichen kann zu weitreichenden Störungen führen.
  3. Wien HB liegt in einem Bogen und kann nur mit 40 km/h oder 50 km/h Stunde befahren werden.
  4. Gegen den in Wien häufigen pannonischen Südostwind und Schlagregen bieten die Perrons zu wenig Schutz.
  5. Der so genannte Steudeltunnel als frühere unterirdische Direktverbindung zwischen der Südbahn und der Ostbahn wurde abgebrochen. Dadurch müssen die lärmintensiven Ortsgüterzüge durch den neuen Bahnhof fahren.
  6. Bemängelt wird auch die hier bereits erwähnte Verschlechterung der Erreichbarkeit der U-Bahn für die bisher im Westbahnhof eintreffenden Fahrgäste.

VII Anbindung von Wien HB an die U-Bahn

Zahlreiche Kritiker des neuen Hauptbahnhofs von Wien bemängeln unter anderem die Verschlechterung der Erreichbarkeit der U-Bahn im Vergleich zum Westbahnhof. Diese Kritik trifft grundsätzlich zu. Wer jedoch aus dem hintersten Wagen eines aus zwei Kompositionen bestehenden Railjet aussteigt, marschiert gut und gerne 700 m bis zur Haltestelle der U3 (zur U6 ist es etwas näher).

Würdigt man diesen Sachverhalt mit der Anzahl der eintreffenden Züge, so gelangt man zum Schluss, dass Wien HB – trotz Mängeln – die Verknüpfung zwischen dem Fernverkehr und der U-Bahn erheblich verbessert bzw. gar erst ermöglicht hat.

Karte Wien HB Frequenzen

Der verbundene Ost-/Südbahnhof verfügte nämlich über keinen in Schrittdistanz zu erreichenden Haltepunkt der U-Bahn.

Karte Wien HB U-Bahn

Und wer weiss – vielleicht ringt sich die Stadt Wien eines Tages doch noch durch, eine unmittelbar unter dem HB Wien liegende Haltestelle der U1 zu bauen. Zudem bestehen Vorschläge für den Anschluss von Wien HB an eine neu zu bauende U-Bahnlinie.

VIII Abschluss und Ausblick

Vorab besten Dank an die Herren Ernst Hallas und Franz-Josef Innthaler für ihre Unterstützung bei der Erstellung dieses Beitrages.

Anfangs November 2016 wiederholen wir auf Wunsch die intensive Studienreise zu Eisenbahn Grossprojekten in Österreich. Dabei streben wir an, auch einige Privat- oder Schmalspurbahnen zu besichtigen. Weitere Informationen folgen im Frühsommer über www.fokus-oev-schweiz.ch.

Sanierung Weissensteintunnel – Nagelprobe für einen rationalen Ressourceneinsatz

Der Verfasser dieses Beitrages spricht sich keinesfalls für einen Abbau beim öffentlichen Verkehr in der Schweiz aus. Hingegen plädiert er für einen sinnvollen und betriebswirtschaftlichen Einsatz der zunehmend knapper werdenden Ressourcen. Eine unbefangene und vorurteilsfreie Diskussion ist angezeigt.

Die direkte Eisenbahnlinie von Moutier und Solothurn verbindet zwei Städte im Kanton Bern und im Kanton Jura sowie zwei Sprachräume. Die Reisezeit mit der direkten und stündlich verkehrenden Regionalbahn dauert 31 Minuten. Zudem kann man diese Reise alternativ jede Stunde und um rund 30 Minuten verschoben mit Umsteigen in Biel in 36 Minuten zurücklegen.

Die Strecke gehört seit 2006 zum Netz der BLS und wird seit 2010 von den SBB betrieben. Der direkte Reiseverkehr zwischen Moutier und Solothurn ist dürftig. Etwas höhere Passagierzahlen sind auf dem Teilstück zwischen Solothurn und Langendorf zu verzeichnen.

Die Eisenbahnlinie führt von Gänsbrunnen und Oberdorf SO durch den 1908 eröffneten 3,7 km lange Weissensteintunnel. Dieser ist in die Jahre gekommen und dringend zu sanieren. Die Kosten für die Sanierung des Tunnels wurden mit CHF 170 Mio. veranschlagt, und der Aufwand für die Erneuerung der gesamten Strecke von Moutier nach Solothurn liegen gemäss den Angaben im eingefügten Artikel der NZZ bei CHF 300 Mio. Zur Diskussion steht eine Umstellung auf Busbetrieb mit längeren Fahrzeiten. Bis Ende 2016 will der Bund über das weitere Vorgehen entscheiden.

Weissenstein NZZ neu

CHF 300 Mio. sind in Anbetracht des beschränkten Nutzens dieser Bahnlinie ein enormer Betrag. Mit CHF 300 Mio. könnten beispielsweise die Einspurstrecken am Bielersee, am Walensee oder zwischen dem Rosshäuserentunnel und Kerzers vollständig eliminiert werden. Der Nutzen dieser Investitionen wären unvergleichbar höher als die Erneuerung der Linie durch den Weissenstein.

Eigentlich wäre zu erwarten, dass die Verbindung auf Busbetrieb umgestellt wird. Aber in Anbetracht der bedeutenden Mittel im BIF ist das ungewiss. Spannend, ob eher unbedeutende regionale Interessen einmal mehr überfällige nationale Vorhaben verdrängen.

’20 Minuten‘: „Die Bahn verliert – die Zukunft gehört der Strasse“

Am Freitag, 12. Februar 2016, publizierte 20 Minuten einen provokativen Artikel zur Zukunft der Eisenbahn. Rahel Landolt, die Autorin des Artikels, basiert auf Aussagen des bekannten Wirtschaftsprofessors, Rainer Eichenberger, die in der „Weltwoche“ publiziert wurden. ETH-Dozent Peter de Haan, pflichtet Eichenberger im Grossen und Ganzen bei.

20_Minuten Bild

Nun, Papier ist geduldig. Man könnte diese simplifizierenden Aussagen ad acta legen, wenn nicht Folgendes wäre:

  1. 20 Minuten ist die weitaus meist gelesene Tageszeitung der Schweiz. Besonders die elektronische Ausgabe orientiert sich stark an dem, was die Leser lesen wollen – in dieser Form eine neuartige Form des Journalismus. Man kann davon ausgehen, dass viele Leser von 20 Minuten wie Prof. Eichenberger denken.
  2. Die Annahme von Prof. Eichenberger, dass sich selbst regulierende oder selbst fahrende Autos die Attraktivität des motorisierten Individualverkehrs MIV steigern würde, ist gewagt. Jürg Röthlisberger, Direktor des Bundesamtes für Strassen, hat an der ersten Tagung von „Avenir Mobilité / Zukunft Mobilität“ am 4. Februar 2016 in Worblaufen überzeugend dargelegt, dass die Automatisierung und die zunehmende Reglementierung des MIV die Attraktivität des Autos reduzieren werden.
  3. Prof. Eichenberger lässt ausser Acht, dass die Wahl des Verkehrsmittels erheblich von emotionalen Motiven bestimmt wird. Wenn sich stark motorisierte Luxuskarossen gleich schnell bewegen können wie günstige Kleinwagen und die Freiheit des Fahrens entfällt, kann man ebenso so gut auf den komfortablen öffentlichen Verkehr ausweichen.
  4. Aber hier liegt die Krux des öffentlichen Verkehrs – im besonderen jedoch die Angebotsgestaltung der SBB. Mit dem abnehmenden Komfort in den Zügen, dem Rückgang der Servicequalität in allen relevanten Aspekten und dem Zerfall vieler Publikumsanlagen geraten die SBB dort, wo Wahlfreiheit beim Verkehrsmittel besteht, immer rascher ins Hintertreffen. Das zeigt sich unter anderem darin, dass die Verkehrszunahme nur noch in den Spitzenzeiten erfolgt und die Auslastung der Züge über den Tagesverlauf immer ungleichmässiger wird. Es ist der Führung der SBB anzulasten, dass sie diesen unheilvolle Trend entweder nicht erkannt hat oder nicht brechen kann.

Hier geht’s zum etwas ausführlicheren Artikel, wie er in der elektronischen Ausgabe von 20 Minuten publiziert wurde: 20_Minuten 2016_02_12 Die Bahn verliert Internet

Der Alpenschutzartikel – der Weisheit letzter Schluss?

1.  Ausgangslage

Die Schweiz ist eine mit dem Ausland sehr eng verbundene Volkswirtschaft. Die wirtschaftlichen Verflechtungen vor allem mit der EU sind enorm. Zwischen der Schweiz und dem Ausland besteht ein immenser Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Dabei sind wir auf leistungsfähige und frei zugängliche Verkehrsachsen angewiesen.

Aufgrund ihrer geographischen Lage ist die Schweiz für den innereuropäischen Güterverkehr ein wichtiges Transitland. Die kürzesten Verbindungen zwischen Süddeutschland und dem Elsass mit der Lombardei führen durch die Schweiz und über unsere Alpenpässe.

Um den Transit auf der Strasse zu beschränken, hat die Schweiz mit der EU das sogenannte Landverkehrsabkommen abgeschlossen. 1994 haben die Schweizer Stimmbürger mit knapper Mehrheit dem Alpenschutzartikel in der Bundesverfassung zugestimmt, der die Anzahl der alpenquerenden Lastwagen auf 650‘000 Fahrten beschränkt. Zugleich wurde eine den Güterverkehr auf der Strasse belastende Leistungsabhängige Schwerverkehrs Abgabe LSV eingeführt. Trotzdem wurde das verfassungsmässig vorgeschriebene Ziel nie erreicht. 2014 fuhren 1,03 Mio. Lastwagen über die Schweizer Pässe, davon knapp 75 Prozent durch den Gotthard.

Zentral in der Diskussion über die zweite Röhre – den Vollausbau der Autobahn A2 durch den Gotthard – ist der Alpenschutzartikel. In diesem Beitrag möchte sich der Verfasser kritisch mit dieser Verfassungsnorm auseinandersetzen.

2.  Einige Argumente von Befürwortern des Alpenschutzartikels

Die Argumente der Befürworter des Alpenschutzartikels lassen sich wie folgt gruppieren:

  1. Antieuropäische Reflexe und Abschottungstendenz
  2. Schutz der Umwelt
  3. Erhaltung des Alpenraums in seiner Schönheit und Unberührtheit
  4. Verlagerung des Güterverkehrs auf die umweltschonende Eisenbahn
  5. Strukturerhaltung der Eisenbahnen und Lohnpolitik

3.  Diskussion der Argumente

In diesem Abschnitt werden die Argumente der Befürworter kurz diskutiert:

a.  Antieuropäische Reflexe und Abschottungstendenz

Gemäss dem Bundesamt für Statistik wurden für den Gütertransitverkehr durch die Schweiz 2014 total 14,6 Milliarden Tonnenkilometer geleistet, davon 12,3 Mia. auf der Schiene und 2,050 Mia. auf der Strasse.

Gemäss der Aussenhandelsstatistik 2014 wurden 52,0 Mio. Tonnen Güter in die Schweiz importiert und 18,2 Mio. Tonnen Güter aus der Schweiz exportiert. 60 Prozent der Importe und 75 Prozent der Exporte erfolgten auf der Strasse. Bei einer geschätzten mittleren Distanz der Einfuhren auf der Strasse von 1‘200 km und der Ausfuhren von 800 km beanspruchten der Transport der Importe und der Exporte auf den europäischen Strassen rund 47,6 Milliarden Tonnenkilometer.

Bemerkenswert ist, dass auf der Grundlage dieser Überlegungen für den Import und den Export in und aus der Schweiz 23 mal mehr Tonnenkilometer auf europäischen Strassen geleistet werden als der Transitgüterverkehr auf der Strasse durch die Schweiz beansprucht. Und dies notabene nicht nur über die Alpenpässe, sondern beispielsweise auch in der Ost/Westrichtung. Das Argument „Transithölle Schweiz“ der Gegner der 2. Röhre trifft so nicht zu.Transithölle Schweiz

b.  Schutz der Umwelt

Bekanntlich steigt der Energiebedarf auf Steigungen gegenüber der Ebene sehr stark an. Unser PW benötigt bei zehn Prozent Steigung fast viermal mehr Treibstoff als auf ebenen Strassen. Auf der Fahrt von Basel nach Chiasso betragen die kumulierten Steigleistungen eines Lastwagens rund 1‘700 Höhenmeter. Der Höhenunterschied zwischen Erstfeld und Göschenen beträgt 672 m – ergo legt ein Lastwagen nur 40 Prozent der Aufstiegsleistung auf der Gotthard Nordrampe zurück. In der Gegenrichtung klettert ein Lastwagen von Chiasso nach Basel insgesamt 1‘725 m hinauf, wovon 843 m oder 49 Prozent zwischen Biasca und Airolo auf der Gotthard Südrampe.

Die Belastung der Umwelt ist demnach in den Ballungszentren Basel, Luzern und im Tessin bedeutend höher als am Gotthard – besonders, da in diesen Regionen die Staugefahr infolge des hohen Verkehrsaufkommens viel höher ist als am Gotthard..

c.  Erhaltung des Alpenraums in seiner Schönheit und Unberührtheit

Die Alpen geniessen beim Gros der Schweizer Bevölkerung ein oft mystisch überhöhtes Ansehen. Dies ist mitunter ein Ausdruck der Alleinstellungshaltung vieler Schweizer. Bemerkenswerterweise wird diese Auffassung nur gegenüber dem Güterverkehr vertreten. Die vielen Staustunden an Spitzentagen am Gotthard durch Personenwagen werden vernachlässigt. Wenn sich jeweils tausende von Personenwagen im Schneckentempo durch die Leventina oder das Reusstal bei niedrigen Touren hochquälen, ist der Ausstoss von Kohlenmonoxid durch die unvollständige Verbrennung des Treibstoffes beträchtlich.

Und wenn die Bevölkerung aus dem Mittelland in den Alpen Skifahren will, ist es ihr so ziemlich egal, ob dies auf natürlichem oder Kunstschnee geschieht. Und man nimmt auch dort den Personenwagen, wo die öffentlichen Verkehrsmittel eine gute Alternative bieten.

d.  Schutz der Umwelt durch die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene

Die Bahnen und ihre Lobby werden nicht müde, die ökologische Überlegenheit des Schienengüterverkehrs zu betonen. Koste, was er wolle. Fraglich ist, ob die Befürworter von Verladeterminals in Erstfeld und Biasca dazu eine umfassende Ökobilanz erstellt haben. Eine solche würde die Behauptung der ökologischen Überlegenheit des Verladens kaum bestätigen.

Und ich frage mich, weshalb für lärmintensive Güterzüge kein Nachtfahrverbot gilt. Wer beispielsweise wie ich am Südrand von Bellinzona übernachtet hat, weiss, wovon ich spreche. Und wenn eben die Bahnindustrie aus prozessualen Gründen zwischen Bellinzona und Giubiasco ein drittes Gleis legen will, so ist das schlicht und einfach barbarisch. Die ursprünglich geplante Verlängerung der NEAT entlang der Autobahn zwischen Biasca und Giubiasco ist überfällig – genauso, wie der Bau einer ausschliesslich für den Güterverkehr bestimmten Bahnlinie zwischen Basel und Flüelen.

e.  Strukturerhaltung der Eisenbahnen und Lohnpolitik

Der Anteil der Eisenbahnen am alpenquerenden Güterverkehr ist in der Schweiz im Vergleich zu Österreich und zu Frankreich viel höher. Dies ist aber nicht Ausdruck der Leistungskraft der Bahnen, sondern Folge der Restriktionen für den Strassengüterverkehr in der Schweiz. Mit anderen Worten verfügen die Bahnen über massiv geschützte Märkte. Dies gilt nach Aussagen eines hohen Kadermitarbeiters von SBB Cargo AG auch für den serbelnden nationalen Einzelwagenladungsverkehr, der nur dank dem Nachtfahrverbot für Lastwagen und die LSVA (noch) betrieben werden kann.

Die geschützten Märkte für die Bahnen führen dazu, dass nennenswerte Innovationen ausbleiben und an unwirtschaftlichen Prozessen festgehalten wird. Dies konkretisiert sich unter anderem dadurch, dass keine überlangen Güterzüge geführt werden oder dass unzählige Güterzüge wegen der Dominanz des Personenverkehrs sowohl am Gotthard als auch am Lötschberg weiterhin die Bergstrecken benutzen. Das verlängert die Fahrzeit der Güterzüge, verunmöglicht das Führen von langen Zügen, bewirkt einen massiven Verschleiss der Anlagen und erhöht die Immissionen für die Menschen entlang der Bergstrecken.

Auch die teilweise von den Personalverbänden durchgesetzte Forderung, dass das ausländische Lokpersonal im Transit gleich entschädigt wird wie ihre Kollegen bei den Staatsbahnen, verteuert den Schienengüterverkehr. Analoge Forderungen von Piloten oder Chauffeuren sind mir nicht bekannt.

4.  Handlungsbedarf

Aus Sicht des Verfassers besteht dringender Handlungsbedarf. Nachstehend ein paar Vorschläge, wie man der Sackgasse entrinnen könnte:

a.  Neues Problemverständnis

Der Schienengüterverkehr ist ab Entfernungen zwischen 300 und 500 Kilometern auf dem Festland das effizienteste Verkehrsmittel. Diese Distanzen werden im nationalen Güterverkehr nicht erreicht. Güterverkehr auf der Schiene ist immer internationaler Verkehr und muss aus dieser Warte betrachtet werden. Die EU will den Anteil des Güterverkehrs auf der Schiene stark erhöhen, und die Schweiz muss hier ihren Beitrag leisten.

Die Schweiz muss eine für den Transitgüterverkehr reservierte Achse bereitstellen. Gemäss dem Beitrag „NEAT – Wege aus dem Malaise“ muss die Achse dem heutigen Lauf des Gros der Güterzüge folgen, und zwar von Basel über Brugg und Otmarsingen zum Gotthardbasistunnel und von Biasca der A2 folgend an den Fuss des Monte Ceneri und von hier direkt nach Chiasso oder Como.

Die immensen Kosten dieser teilweise neu und umweltschonend zu bauenden Strecke – Tieflegung und ohne Steigungen – müssen von der EU substantiell mitfinanziert werden. Die EU tut das auch bei wohlhabenden Mitgliedstaaten bereits heute.

Achsen

b.  Wirtschaftlichkeit und Qualität

Der Güterverkehr auf der Schiene ist so zu organisieren, dass er auch ohne Restriktionen für den Strassentransport prosperieren kann. Er muss kostengünstiger, rascher und zuverlässiger werden. Das betrifft die gesamte Transportkette vom Lieferanten zum Empfänger.

c.  Masshalten beim Personenverkehr

Der Personenverkehr muss zur Gewinnung möglichst vieler Trassen für den Güterverkehr in den Basistunnels auf den 30-Minutentakt verzichten. Mögliche Frequenzsteigerungen sind durch Zusatzzüge aufzufangen. An Spitzentagen am Wochenende sind Ausnahmen möglich.

Ebenso dringend ist die Angleichung der Geschwindigkeiten der Personenzüge und der Güterzüge im Gotthard Basis-Tunnel GBT. Nur so kann die Kapazität des Tunnels ausgeschöpft werden. Ein Vergleich aus Europa: Die Eurostarzüge erreichen zwischen Paris und Calais 300 km/h und verkehren zwischen Folkestone und London mit 250 km/h. Im Ärmelkanaltunnel hingegen fahren sie mit 160 km/h.

Die Absicht der SBB AG, die Personenzüge im GBT mit 200 km/h oder 250 km/h ist in Anbetracht der Zweckbestimmung des Tunnels – Verlagerung des Güterverkehrs – in höchstem Mass verantwortungslos und eine flagrante Missachtung des Volkswillens. Das Bundesamt für Verkehr BAV ist aufgerufen, die Zuständigen bei den SBB zur Räson zu bringen.

d.  Neue Technologien und Einsatzkonzepte

Durch den Einsatz von neuen Technologien sind überlange und/oder sich in kurzen Abständen und auf Sicht folgende Güterzüge zu ermöglichen.

Transitzüge müssen ohne nennenswerten Grenzaufenthalt verkehren. Ein Transitgüterzug muss die Schweiz in höchstens vier Stunden durchqueren.

e.  Eigentumsverhältnisse

Die Eigentumsverhältnisse der Güterbahnen sind vorbehaltlos zu überdenken. Die teilweise maroden oder domestizierten Staatsbahnen haben gegenüber den florierenden und politisch einflussreichen Strassentransporteuren einen nicht wettzumachenden Wettbewerbsnachteil. Zudem können die hoch verschuldeten europäischen Staaten die Mittel für die überfälligen Investitionen in den Schienengüterverkehr kaum mehr aufbringen.

Güterbahnen – das haben Beispiele unter anderem aus Nordamerika eindrücklich gezeigt – können in ihren Kernmärkten hoch profitabel sein und die Strassen massiv entlasten. Der Weg für Europa ist vorgezeichnet.

f.  Güterverkehrskonzept

Die am Güterverkehr auf der Schiene interessierten Kreise und Personen würden ihre Anstrengungen besser auf eine nationale und mit quantitativen Vorgaben unterlegte Güterverkehrsstrategie konzentrieren, als ihre Kräfte auf einem aus der Gesamtschau sekundären Problem verpuffen zu lassen. Der Nutzen wäre ungleich höher.

5.  Folgerungen

Die Frage nach dem Nutzen des Alpenschutzartikels blieb offen und ist der Antwort durch die Leser vorbehalten. Vielen Dank jedoch für das diesen Überlegungen entgegengebrachte Interesse.

 

Zukunft Mobilität – „Verpasst der Verkehr die digitale Revolution?“

Am Donnerstag, 4. Februar 2016, fand auf Einladung der Dialog-Plattform „Avenir Mobilité – Zukunft Mobilität“ im Auditorium der Swisscom in Worblaufen eine gut besuchte Veranstaltung zum Einsatz der Informatik im Verkehr statt. Das Teilnehmerfeld war ausgesprochen prominent besetzt. Nach sechs Impulsreferaten, über die nachstehend kurz berichtet wird, fand eine lebhafte Plenumsdiskussion statt.

Dr. Hans Werder, Präsident der Dialog-Plattform, und ehemaliger Generalsekretär des UVEK, begrüsste die Teilnehmenden und übergab die Leitung der Veranstaltung Prof. Dr. Matthias Finger, der sicher durch die Veranstaltung führte.

Jürg Röthlisberger, Direktor des Bundesamtes für Strassen ASTRA, wies einleitend auf die grosse Bedeutung des motorisierten Individualverkehrs hin. 43 Prozent des MIV wird auf dem Netz der Nationalstrassen zurückgelegt, dessen Anteil an der Länge der schweizerischen Strassen nur 2,5 Prozent beträgt. Das enorme Wachstum des MIV hat praktisch nur auf dem Nationalstrassennetz stattgefunden. Die Kostendeckungsgrade im Strassenverkehr sind etwa doppelt so hoch wie im öffentlichen Verkehr. Die Teilhaber am MIV sind offensichtlich bereit, mehr zu bezahlen als die Kunden des öffentlichen Verkehrs. Dank den enorm kurzen Abständen zwischen den Ein- und Ausfahrten kann man die Nationalstrassen auch als gross angelegte Ortsumfahrungen bezeichnen. Problematisch am Verkehr ist generell, dass er doppelt so stark wächst wie das Bruttoinlandprodukt. Des Weiteren wird die technische Kapazität der Nationalstrassen während den Stosszeiten auf Kosten der Sicherheit regemässig überschritten, indem die gesetzlich vorgeschriebenen Abstände zwischen den Fahrzeugen nicht eingehalten werden.

Bereits heute ist die Informatik auf zahlreichen Einsatzgebieten im Vormarsch. Sie berge jedoch das Risiko, dass die Attraktivität des Automobils reduziert werde und die Zahlungsbereitschaft der Autofahrer abnehme. Der Einsatz der Informatik könne unter anderem die „Shared Economy“ fördern, was unter anderem die Belegung pro Fahrzeug – heute nur rund 1,2 Personen pro Wagen – und die Einsatzdauer pro Fahrzeug von gegenwärtig einer Stunde pro Tag steigere. Auch biete die Informatik bezüglich der Sicherheit auf den Strassen und der Steuerung der Verkehrsströme ein grosses und erst teilweise genutztes Potential.

Peter Kummer, Chief Information Officer der SBB AG, führte aus, dass sich die SBB im letzten Jahr eine neue Unternehmensstrategie gegeben hätten, die stark von der Informatik als rotem Faden geprägt sei. Peter Kummer wies darauf hin, dass die Gesamtsystemkosten der Eisenbahn ständig steigen. Es gelte, diese Kosten mittelfristig um 20 Prozent zu reduzieren. Auch der Auslastungsgrad der Züge pro Tag von lediglich 30 Prozent sei problematisch. Als konkrete Beispiele des Informatikeinsatzes nannte er das seit drei Jahren laufende Projekt „Rail Control System“, das für den Lokomotivführer eine Art „grüne Welle“ schaffe und bei einer Einsparung an Traktionsenergie von 40 Prozent die Fahrzeit um fünf Prozent reduziere. Der Anteil der über die mobilen Kanäle abgesetzten Billette soll bis in Jahr 2020 von heute 15 Prozent auf 50 Prozent gesteigert werden. Zudem soll die mobile Erreichbarkeit der Passagiere in den Zügen nochmals erhöht und kostenfreies WLAN eingeführt werden. Die Zusammenarbeit mit der Informatikplattform „Viadi“ soll ausgebaut werden. Keine Erwähnung fanden hingegen die Probleme bei der Einführung von ETCS, Level 2.

Daniel Weder, CEO von Skyguide, räumte Vorurteile bezüglich dem Einsatz der Informatik bei der Flugsicherung aus. Das heutige Kontrollsystem basiere auf fünfzigjährigen Konzepten und auf mündlicher Kommunikation zwischen den Piloten und den Leitstellen. In Europa gäbe er zurzeit über sechzig Leitstellen. Beim Übergang zwischen den Leitstellen müssen beispielsweise die Übertragungsfrequenzen der Flugzeuge umgestellt werden. Die Abstimmung zwischen den Leitstellen sei schwierig. Immerhin versuchen die heute getrennten Leitstellen von Genf und Zürich, einen virtuellen gemeinsamen Luftraum zu schaffen. Problematisch bei Skyguide sei, dass auch militärische Flugbewegungen überwacht würden, was der Geheimhaltung der militärischen Einsatzkonzepte abträglich sei.

Daniel Weder äusserte Skepsis, ob die EU eine Verbesserung der unbefriedigenden Situation und eine Vereinheitlichung der Systeme herbeiführen könne. Vielmehr hält er die Einführung einer völlig neuen Technologie – er erwähnte als Beispiel Drohnen und deren Steuerung – und die partielle Auslagerung von Sicherheitsfunktionen an die einzelnen Flugzeuge für möglich.

Susanne Ruoff, CEO der Post AG, stellte ihr Unternehmen bezugnehmend auf die vielen Angebote als Hochleistungsbetrieb vor. Zahlreiche Prozesse seien bereits heute vollständig digitalisiert. Dies stelle jedoch hohe Anforderungen an die Stabilität der Prozesse, die zudem nur im Verbund mit den Partnern gewährleistet werden könne. So führe die Post täglich 42 Eisenbahnzüge mit Paketen und 15 Zügen mit Briefpost.

Unter dem Stichwort „E-Commerce“ biete die Post bereits heute dank der Digitalisierung neuartige Dienstleistungen an und plane weitere Projekte zur Individualisierung ihrer Angebote. Zudem sei nach den erfolgreichen Tests in Sitten ein vollautomatischer Postautodienst in Vorbereitung. Funktionieren können dieses Vorhaben jedoch nur im Verbund mit allen Beteiligten, und werfe unter anderem zahlreiche regulatorische und rechtliche Fragen auf.

Robert Gebel, Head Business Development Swisscom Enterprise Customer, bezeichnete das Smartphone als Symbol der Digitalen Revolution. Das Smartphone fasse heute in einem Gerät viele der früher von mehreren Systemen bereitgestellte Funktionen zusammen. Die Beherrschung der Digitalisierung sei anspruchsvoller geworden und betreffe die Kette von Geräten, Infrastruktur, Plattform und Software. Interessant sei, dass die grossen Innovationen bei den Fahrzeugen von Tesla vor allem bei den Batterien und bei der Software erfolgen. Bis vor kurzem hätten die Autos von Tesla keine Rückfahrsperre am Berg gehabt. Als dieses Problem aus der Schweiz als wesentlich erkannt wurde, hätte Tesla innert wenigen Minuten bei allen Fahrzeugen durch einen Softwareeingriff weltweit eine Rückfahrsperre implementiert, ohne dass die Teslafahrer aktiv werden mussten.

Als nachhaltig von der Digitalisierung geförderte Trends bezeichnete Robert Gebel die Elektromobilität, das Mobility Pricing, Smart Cars, Big Data, Autonomes Fahren und Connected Cars.

Rasoul Jalali, General Manager von UBER Deutschland, Österreich und Schweiz, stellte sein Unternehmen vor. In weniger als sechs Jahren hat sich aus einem bescheidenen Projekt ein weltumspannendes Unternehmen entwickelt, das in über 300 Städten und 62 Ländern präsent ist. Am Anfang standen eine Idee und eine leistungsfähige App. Diese App sei einfach und funktioniere gut und zuverlässig. Die mit UBER abgewickelten Dienstleistungen seien sicher, effizient und nachvollziehbar. Sie seien für viele Anbieter offen, seien es konventionelle Taxifahrer oder freie Anbieter. Jedermann könne sowohl Kunde als auch Anbieter sein. Man verstehe in Anlehnung an die Kennzahlen von Jürg Röthlisberger das Auto als Fahr- und nicht als Stehzeug und wolle auch die Auslastung pro Fahrzeug steigern.

In den USA würden drei Kategorien von Fahrzeugen angeboten. Die Wartezeiten seien sehr kurz und betrügen in New York beispielsweise wenig mehr als zwei Minuten. UBER habe deshalb auf Vorausbestellung von Fahrten verzichtet. Rasoul Jalali schloss mit Beispielen von Behinderungen, mit denen UBER konfrontiert worden sei, und mit Hinweisen auf regulatorische Konsequenzen.

In der anschliessend intensiven Plenumsdiskussion wurden während sechzig Minuten Hinderungsgründe gegen die in Einführung der neuen Technologien, regulatorische Fragen und der Datenschutz diskutiert. Im Allgemeinen bietet die Schweiz bei beträchtlichen kantonalen Unterschieden ein offenes und innovationsbereites Umfeld. Man muss die Regulatoren und Stake Holders jedoch frühzeitig einbinden sowie auf kulturelle und arbeitsrechtliche Aspekte Rücksicht nehmen. Breit diskutiert wurden datenschutztechnische Aspekte. Wem gehören beispielsweise die individuellen Daten? Problematisch sei, dass die technischen Möglichkeiten der Anpassung der Rechtsnormen oft weit voraus sei und gelegentlich vollendete Tatsachen schaffe.

Dr. Hans Werder schloss die interessante Tagung mit dem Hinweis auf zwei Folgeveranstaltungen der Dialog-Plattform „Avenir Mobilité/Zukunft Mobilität“. Am 29. Juni 2016 findet eine Veranstaltung zur City Logistik statt, und am 3. November 2016 ist ein Symposium über die Möglichkeiten der Automatisierung im Verkehr vorgesehen.

 

 

Alternative zur 2. Röhre am Gotthard / Vorschlag von Christian Menn

In der Ausgabe des Magazin des Tages-Anzeiger vom 23. Januar 2016 wird dem Vorschlag von Christian Menn für eine Alternative zu einer zweiten Röhre am Gotthard breite Aufmerksamkeit gewidmet. Als Brückenbauingenieur ist Christian Menn weltberühmt. Er wird zu Recht als Übervater des Brückenbaus bezeichnet.  Und dennoch – der Verfasser dieses Artikels staunt! Folgendes:

Projektbeschreibung

  1. Auf einen parallelen Tunnel zum bestehenden Gotthardstrassentunnel wird verzichtet.
  2. Dafür wird ab Göschenen eine leistungsfähige Strasse ins Göscheneralptal bis auf eine Höhe von ca. 1200 Metern über Meer gebaut.
  3. Von hier wird ein Tunnel bis zum Ende der Schöllenen auf etwa 1400 Meter über Meer gebohrt.
  4. Vom Tunnelausgang wird eine Strasse bis zum Gotthardmätteli auf rund 1’700 Meter über Meer gebaut. Andermatt und Hospental werden ebenerdig umfahren.
  5. Vom Gotthardmätteli wird ein weiterer Tunnel bis nach Motta Bartola gebohrt.
  6. Von hier geht es auf der „alten“ A2 hinunter nach Airolo, wo die Verbindung mit der Autobahn erfolgt.

Würdigung

  1. Das liebliche und verträumte Göscheneralptal wird durch eine stark befahrene Strasse enorm belastet. Wo bleibt da der Alpenschutz?
  2. Was mag wohl Sami Sawiris gedacht haben, als er den Artikel gelesen hatte? Er investiert enorme Summen in den Ausbau von Andermatt zu einem weltberühmten Ferienresort und erhält zum Dank eine Transitstrasse vorgesetzt!
  3. Statt auf rund 1100 Metern Höhe durch den Berg zu fahren, muss der motorisierte Verkehr weitere 600 Meter Höhenunterschied bewältigen – der CO2-Ausstoss ist enorm. Wie sieht die langfristige Ökobilanz aus?
  4. Die Einwohner von Airolo und von Göschenen erhalten über ihren Köpfen eine ständig befahrene Transitstrasse. Als Entschädigung für die bereits immensen Emissionen durch den Verkehr?

TA Magazin Gotthard 2016_01_23 Karte

Meine Meinung

Als aktiver Berggänger und guter Kenner der Region bin ich konsterniert. Will man die bereits von Immissionen unsäglich heimgesuchten Dörfer wie Göschenen und Airolo weiter malträtieren?

Diese „Brücke“ von Christian Menn hat möglicherweise als seine erste ihren Belastungstest nicht bestanden.

Hier geht’s zum Artikel: TA Magazin Gotthard 2016_01_23

 

 

FLUX-Preis für den Bahnhof Wallisellen – gestörte Wahrnehmung

Seit über 45 Jahren steigt der Verfasser dieses Beitrages im Bahnhof Wallisellen häufig ein oder aus. Die Entwicklung dieses Bahnhofs einer wohlhabenden Vorortsgemeinde der Stadt Zürich konnte so hautnah mit verfolgt werden. Im Zusammenhang mit dem Bau der Glattalbahn und einer Zentrumsüberbauung wurden die Publikumsanlagen des sehr stark frequentierten Bahnhofs vor fünf Jahren grundlegend erneuert. Der neue Komplex wurde unlängst von einer Jury bestehend aus dem Verkehrs-Club der Schweiz VCS, der Postauto Schweiz AG und dem Verband Öffentlicher Verkehr VÖV mit dem FLUX-Preis ausgezeichnet – aus meiner Sicht ein krasser Fehlentscheid. Dazu Folgendes:

Perronüberdachung / Witterungsschutz Passagiere

2 Abgang 2Die Überdachung des Perrons ist viel zu kurz. Sie ist kaum länger als eine Komposition eines Doppelstockzuges. Der Abgang zur hinteren Unterführung ist nicht überdacht. Der Weg vom überdachten Bereich des Perrons durch die Rampe zur Unterführung ist rund fünfzig Meter lang. 1 Abgang 1Auch der vordere Teil des Perrons ist nicht überdacht. Am Montag, 18. Januar 2016, bildete gefrorenes Wasser eine mehrere Quadratmeter grosse Eisfläche – ein erhebliches Unfallrisiko.6 Perron 3

Bushaltestelle / Übergang zu den Ortsbussen 771 und 772

Zwischen dem Gebäude entlang der Glattalbahn und dem parallelen Gebäudekomplex befinden sich die Haltestellen der beiden Ortsbusse. 10 Bushaltestelle 4Besonders bei Dunkelheit sind die unbeleuchtete Haltestellen für Ortsunkundige kaum auffindbar. Der Durchgang zwischen der Perronkante und den Fassaden der Geschäfte ist eng. Die Wartezonen befinden sich unmittelbar vor den automatischen Eingangstüren zu den Ladenlokalen – einfach sagenhaft.9 Bushaltestelle 38 Bushaltestelle 2

Baumängel und Ausführungsdetails

Erschreckend sind jedoch die zahlreichen Baumängel und die Wahl von Baumaterialien. In Tierzuchtbetrieben ist die Verwendung von korrosiven Bauteilen unzulässig, aber den Passagieren in Wallisellen und zahlreichen Zürcher Stadtbahnhöfen mutet man solche zu. Nachstehend eine Auswahl von Bildern:

18 Mangel 6 16 Mangel 4

15 Mangel 3 14 Mangel 217 Mangel 513 Mangel 1

Kommentar

Die Auszeichnung dieses Bahnhofs mit dem FLUX-Preis ist schlicht nicht nachvollziehbar. Die Folgerung drängt sich auf, dass (1) ein Wahrnehmungsproblem besteht, (2) die Beurteilungskriterien ungeeignet sind oder (3) die Jury nie vor Ort war. Was immer der Fall sein mag, die Gegebenheiten in Wallisellen werfen ein denkbar schlechtes Licht auf die Urteilsfähigkeit der Zuständigen.

Ferrovia Mendrisio-Varese FMV / Stand der Arbeiten & Kommentar

Zu diesem Beitrag

Dieser Beitrag ist der neuen Eisenbahnlinie von Mendrisio nach Varese gewidmet. Nach einer kurzen Beschreibung der Bedeutung der FMV für die Schweiz wird über den Stand der Arbeiten berichtet. Anschliessend folgen ein kurzer Ausblick und einige abschliessenden Bemerkungen zum Projekt und dessen Finanzierung.

Bedeutung der FMV für die Schweiz

FMV 1 Netz TiloGemäss dieser Übersicht ist die FMV für die Schweiz unter anderem aus vier Gründen von eminenter Bedeutung:

  1. Rasche Eisenbahnverbindung zum Flughafen von Malpensa. Direkte Schnellverbindungen „Malpensa Express“ vorausgesetzt, könnte dieser von Lugano aus in 50 Minuten erreicht werden.
  2. Wichtiger Brückenschluss im grenzüberschreitenden Regionalverkehr zur Entlastung der in den Stosszeiten sehr stark belasteten Strassen im Mendrisiotto.
  3. Entlastung der Linie von Chiasso nach Milano Centrale über Monza vom Regionalverkehr durch Führung der S-Bahnzüge aus der Schweiz über Varese und Saronno nach Milano Porta Garribaldi – Milano Porta Garribaldi ist der überragende Knotenpunkt im S-Bahnsystem von Mailand und wird auch von zahlreichen Fernverkehrszügen bedient.
  4. Verkürzung der Reisezeit von Lugano ins Wallis um mehr als eine halbe Stunde – schlanke Anschlüssen in Gallarate an die Fernzüge Mailand – Genf vorausgesetzt.

Stand der Arbeiten

Der Verfasser hat am 18. Dezember 2015 die Strecke zwischen Stabio und Varese abgeschritten. Wie bereits anfangs Dezember 2015 festgestellt, wurden die Bauarbeiten nach rund dreijähriger Pause wieder aufgenommen. In der Tat wird auf mehreren Abschnitten intensiv gearbeitet. Grosses Baugerät war bei der Besichtigung hingegen nicht festzustellen. Nachstehend ein kurzer Bildbericht über den Stand der Arbeiten:

Am Tunnel bei Gaggiolo wird wieder gearbeitet. Zurzeit ist etwa die Hälfte des rund ein Kilometer langen Tunnels ausgebrochen und ausbetoniert.

FMV 3 Portal Ost 1 FMV 4 Portal Ost 2

FMV 5 Portal West 1FMV 6 Portal West 2

Auch bei der grossen Talbrücke im Anschluss an den Tunnel von Gaggiolo sind erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen. Der letzte der bis zu 700 Tonnen schweren Pfeiler ist in Arbeit, und die Elemente für den stählernen Brückenkörper wurden geliefert und teilweise bereits zusammengesetzt.

FMV 7 Brücke 1 FMV 8 Brücke 2

FMV 10 Brücke 4FMV 11 Brücke 5

Abgesehen von einer sich im Bau befindlichen Brücke über die Bévera ist das Trasse bis zum Dorfrand von Arcisate im Rohbau praktisch fertig, wie die folgenden Bilder zeigen.

FMV 12 Trasse 1 FMV 14 Trasse 3 FMV 13 Trasse 2FMV 16 Bachquerung 2

Der Fortschritt auf den Abschnitten auf dem Gebiet der Gemeinde Arcisate ist unterschiedlich. Alle Bohrpfähle für die Wände der tiefgelegten Bahnlinie wurden meines Wissens erstellt. Auf etwa der Hälfte der Strecke ist der Aushub erfolgt, und die Baumeisterarbeiten für die Haltestellen sind im Gang.

FMV 19 Einschnitt 1FMV 26 Einschnitt 8FMV 22 Einschnitt 4FMV 28 Einschnitt 10

Auch die Arbeiten am Tunnel zwischen Arcisate und Induno sind wieder im Gang. Der einspurige Tunnel der alten Bahnlinie von Varese nach Porto Ceresio wird von einem neuen doppelspurigen Tunnel unterfahren. Die Sohle des alten Tunnels wurde bereits vor drei Jahren aufwändig stabilisiert.

FMV 29 Tunnel Ost 1 FMV 30 Tunnel Ost 2

55 TunnelportalKonturen neues Tunnel von WestenFMV 31 Tunnel West     Das Bild unten links wurde vor zwei Jahren aufgenommen und zeigt sehr schön das Profil des in der Zwischenzeit bereits angestochenen Tunnels.

Auch auf dem letzten Teilstück zwischen dem Tunnel von Induno und der bestehenden einspurigen Talbrücke vor Varese wird gearbeitet. Der Aushub und die Arbeiten für die Haltstelle sind im Gang (leider sind die Fotos undeutlich).

FMV 32 Olona 1 FMV 33 Olona 2 FMV 34 Ponte 1 FMV 35 Ponte 2

Ausblick

Aufgrund meiner Beurteilung dürften die Bauarbeiten noch einige Zeit dauern, und dies auch nur unter der Voraussetzung, dass keine grösseren Probleme oder Schwierigkeiten bei der Finanzierung auftreten. Baulich besonders anspruchsvoll ist das Teilstück zwischen dem Ostportal des Tunnels bei Gaggiolo und der auf schweizerischem Gebiet bereits bis zur Grenze herangeführten Strecke von Stabio.

Auf der am 20. Juli 2015 montierten Bautafel bei der Talbrücke von Arcisate wird mit einer Fertigstellungsdauer von 790 Werktagen gerechnet. Daraus abgeleitet dürfte die Eröffnung bedauerlicherweise kaum vor Ende 2018 erfolgen.

FMV 2 Planung

Abschliessende Bemerkungen zum Projekt

Aus meiner Sicht wird dem Projekt aus schweizerischer Optik in bedauernswerten Ausmass die notwendige Aufmerksamkeit versagt. Dabei profitiert die Schweiz meines Erachtens von der neuen Eisenbahnlinie in bedeutend höheren Ausmass als Italien. Zudem sind die Bauarbeiten auf dem italienischen Teilstück – wie gezeigt – weitaus aufwendiger als im Mendrisiotto, die sich lediglich auf die Erweiterung einer bereits bestehenden Eisenbahnlinie ohne grössere Kunstbauten beschränkten. Auffallend ist auch die umweltschonende und beispielhafte Tieflegung der doppelspurigen Strecke in Italien ab der Grenze bis zur Talbrücke vor Varese.

Aus dieser Optik hätte sich eigentlich ein substantieller Beitrag der Schweiz an die Erstellungskosten auf der italienischen Seite aufgedrängt. Mit dem HGV-Kredit hätte eine Finanzierungsquelle zur Verfügung gestanden. Entnahmen wären mit der Zweckbindung des HGV-Kredits (Kreditrahmen von rund CHF 700 Mio. für Massnahmen für den Anschluss der Schweiz an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz) auf jeden Fall besser zu vereinbaren gewesen als die Entnahme von CHF 100 Mio. für den Tunnel bei Rosshäusern oder Zuschüsse an die Kosten für die Perronverlängerungen im St. Galler Rheintal bzw. geplante Subventionen der Elektrifizierung der Eisenbahnlinie im Allgäu.

Für mich – und ich bin ein Freund klarer Worte – ein weiterer Beweis für die völlig entgleiste Prioritätensetzung beim Ausbau des Schweizer Eisenbahnnetzes. Zu Dank verpflichtet sind wir jedoch der Region Lombardei für die Wiederaufnahme der Arbeiten in einer schwierigen Wirtschaftslage.