Sanierung Weissensteintunnel – Nagelprobe für einen rationalen Ressourceneinsatz

Der Verfasser dieses Beitrages spricht sich keinesfalls für einen Abbau beim öffentlichen Verkehr in der Schweiz aus. Hingegen plädiert er für einen sinnvollen und betriebswirtschaftlichen Einsatz der zunehmend knapper werdenden Ressourcen. Eine unbefangene und vorurteilsfreie Diskussion ist angezeigt.

Die direkte Eisenbahnlinie von Moutier und Solothurn verbindet zwei Städte im Kanton Bern und im Kanton Jura sowie zwei Sprachräume. Die Reisezeit mit der direkten und stündlich verkehrenden Regionalbahn dauert 31 Minuten. Zudem kann man diese Reise alternativ jede Stunde und um rund 30 Minuten verschoben mit Umsteigen in Biel in 36 Minuten zurücklegen.

Die Strecke gehört seit 2006 zum Netz der BLS und wird seit 2010 von den SBB betrieben. Der direkte Reiseverkehr zwischen Moutier und Solothurn ist dürftig. Etwas höhere Passagierzahlen sind auf dem Teilstück zwischen Solothurn und Langendorf zu verzeichnen.

Die Eisenbahnlinie führt von Gänsbrunnen und Oberdorf SO durch den 1908 eröffneten 3,7 km lange Weissensteintunnel. Dieser ist in die Jahre gekommen und dringend zu sanieren. Die Kosten für die Sanierung des Tunnels wurden mit CHF 170 Mio. veranschlagt, und der Aufwand für die Erneuerung der gesamten Strecke von Moutier nach Solothurn liegen gemäss den Angaben im eingefügten Artikel der NZZ bei CHF 300 Mio. Zur Diskussion steht eine Umstellung auf Busbetrieb mit längeren Fahrzeiten. Bis Ende 2016 will der Bund über das weitere Vorgehen entscheiden.

Weissenstein NZZ neu

CHF 300 Mio. sind in Anbetracht des beschränkten Nutzens dieser Bahnlinie ein enormer Betrag. Mit CHF 300 Mio. könnten beispielsweise die Einspurstrecken am Bielersee, am Walensee oder zwischen dem Rosshäuserentunnel und Kerzers vollständig eliminiert werden. Der Nutzen dieser Investitionen wären unvergleichbar höher als die Erneuerung der Linie durch den Weissenstein.

Eigentlich wäre zu erwarten, dass die Verbindung auf Busbetrieb umgestellt wird. Aber in Anbetracht der bedeutenden Mittel im BIF ist das ungewiss. Spannend, ob eher unbedeutende regionale Interessen einmal mehr überfällige nationale Vorhaben verdrängen.

’20 Minuten‘: „Die Bahn verliert – die Zukunft gehört der Strasse“

Am Freitag, 12. Februar 2016, publizierte 20 Minuten einen provokativen Artikel zur Zukunft der Eisenbahn. Rahel Landolt, die Autorin des Artikels, basiert auf Aussagen des bekannten Wirtschaftsprofessors, Rainer Eichenberger, die in der „Weltwoche“ publiziert wurden. ETH-Dozent Peter de Haan, pflichtet Eichenberger im Grossen und Ganzen bei.

20_Minuten Bild

Nun, Papier ist geduldig. Man könnte diese simplifizierenden Aussagen ad acta legen, wenn nicht Folgendes wäre:

  1. 20 Minuten ist die weitaus meist gelesene Tageszeitung der Schweiz. Besonders die elektronische Ausgabe orientiert sich stark an dem, was die Leser lesen wollen – in dieser Form eine neuartige Form des Journalismus. Man kann davon ausgehen, dass viele Leser von 20 Minuten wie Prof. Eichenberger denken.
  2. Die Annahme von Prof. Eichenberger, dass sich selbst regulierende oder selbst fahrende Autos die Attraktivität des motorisierten Individualverkehrs MIV steigern würde, ist gewagt. Jürg Röthlisberger, Direktor des Bundesamtes für Strassen, hat an der ersten Tagung von „Avenir Mobilité / Zukunft Mobilität“ am 4. Februar 2016 in Worblaufen überzeugend dargelegt, dass die Automatisierung und die zunehmende Reglementierung des MIV die Attraktivität des Autos reduzieren werden.
  3. Prof. Eichenberger lässt ausser Acht, dass die Wahl des Verkehrsmittels erheblich von emotionalen Motiven bestimmt wird. Wenn sich stark motorisierte Luxuskarossen gleich schnell bewegen können wie günstige Kleinwagen und die Freiheit des Fahrens entfällt, kann man ebenso so gut auf den komfortablen öffentlichen Verkehr ausweichen.
  4. Aber hier liegt die Krux des öffentlichen Verkehrs – im besonderen jedoch die Angebotsgestaltung der SBB. Mit dem abnehmenden Komfort in den Zügen, dem Rückgang der Servicequalität in allen relevanten Aspekten und dem Zerfall vieler Publikumsanlagen geraten die SBB dort, wo Wahlfreiheit beim Verkehrsmittel besteht, immer rascher ins Hintertreffen. Das zeigt sich unter anderem darin, dass die Verkehrszunahme nur noch in den Spitzenzeiten erfolgt und die Auslastung der Züge über den Tagesverlauf immer ungleichmässiger wird. Es ist der Führung der SBB anzulasten, dass sie diesen unheilvolle Trend entweder nicht erkannt hat oder nicht brechen kann.

Hier geht’s zum etwas ausführlicheren Artikel, wie er in der elektronischen Ausgabe von 20 Minuten publiziert wurde: 20_Minuten 2016_02_12 Die Bahn verliert Internet

Der Alpenschutzartikel – der Weisheit letzter Schluss?

1.  Ausgangslage

Die Schweiz ist eine mit dem Ausland sehr eng verbundene Volkswirtschaft. Die wirtschaftlichen Verflechtungen vor allem mit der EU sind enorm. Zwischen der Schweiz und dem Ausland besteht ein immenser Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Dabei sind wir auf leistungsfähige und frei zugängliche Verkehrsachsen angewiesen.

Aufgrund ihrer geographischen Lage ist die Schweiz für den innereuropäischen Güterverkehr ein wichtiges Transitland. Die kürzesten Verbindungen zwischen Süddeutschland und dem Elsass mit der Lombardei führen durch die Schweiz und über unsere Alpenpässe.

Um den Transit auf der Strasse zu beschränken, hat die Schweiz mit der EU das sogenannte Landverkehrsabkommen abgeschlossen. 1994 haben die Schweizer Stimmbürger mit knapper Mehrheit dem Alpenschutzartikel in der Bundesverfassung zugestimmt, der die Anzahl der alpenquerenden Lastwagen auf 650‘000 Fahrten beschränkt. Zugleich wurde eine den Güterverkehr auf der Strasse belastende Leistungsabhängige Schwerverkehrs Abgabe LSV eingeführt. Trotzdem wurde das verfassungsmässig vorgeschriebene Ziel nie erreicht. 2014 fuhren 1,03 Mio. Lastwagen über die Schweizer Pässe, davon knapp 75 Prozent durch den Gotthard.

Zentral in der Diskussion über die zweite Röhre – den Vollausbau der Autobahn A2 durch den Gotthard – ist der Alpenschutzartikel. In diesem Beitrag möchte sich der Verfasser kritisch mit dieser Verfassungsnorm auseinandersetzen.

2.  Einige Argumente von Befürwortern des Alpenschutzartikels

Die Argumente der Befürworter des Alpenschutzartikels lassen sich wie folgt gruppieren:

  1. Antieuropäische Reflexe und Abschottungstendenz
  2. Schutz der Umwelt
  3. Erhaltung des Alpenraums in seiner Schönheit und Unberührtheit
  4. Verlagerung des Güterverkehrs auf die umweltschonende Eisenbahn
  5. Strukturerhaltung der Eisenbahnen und Lohnpolitik

3.  Diskussion der Argumente

In diesem Abschnitt werden die Argumente der Befürworter kurz diskutiert:

a.  Antieuropäische Reflexe und Abschottungstendenz

Gemäss dem Bundesamt für Statistik wurden für den Gütertransitverkehr durch die Schweiz 2014 total 14,6 Milliarden Tonnenkilometer geleistet, davon 12,3 Mia. auf der Schiene und 2,050 Mia. auf der Strasse.

Gemäss der Aussenhandelsstatistik 2014 wurden 52,0 Mio. Tonnen Güter in die Schweiz importiert und 18,2 Mio. Tonnen Güter aus der Schweiz exportiert. 60 Prozent der Importe und 75 Prozent der Exporte erfolgten auf der Strasse. Bei einer geschätzten mittleren Distanz der Einfuhren auf der Strasse von 1‘200 km und der Ausfuhren von 800 km beanspruchten der Transport der Importe und der Exporte auf den europäischen Strassen rund 47,6 Milliarden Tonnenkilometer.

Bemerkenswert ist, dass auf der Grundlage dieser Überlegungen für den Import und den Export in und aus der Schweiz 23 mal mehr Tonnenkilometer auf europäischen Strassen geleistet werden als der Transitgüterverkehr auf der Strasse durch die Schweiz beansprucht. Und dies notabene nicht nur über die Alpenpässe, sondern beispielsweise auch in der Ost/Westrichtung. Das Argument „Transithölle Schweiz“ der Gegner der 2. Röhre trifft so nicht zu.Transithölle Schweiz

b.  Schutz der Umwelt

Bekanntlich steigt der Energiebedarf auf Steigungen gegenüber der Ebene sehr stark an. Unser PW benötigt bei zehn Prozent Steigung fast viermal mehr Treibstoff als auf ebenen Strassen. Auf der Fahrt von Basel nach Chiasso betragen die kumulierten Steigleistungen eines Lastwagens rund 1‘700 Höhenmeter. Der Höhenunterschied zwischen Erstfeld und Göschenen beträgt 672 m – ergo legt ein Lastwagen nur 40 Prozent der Aufstiegsleistung auf der Gotthard Nordrampe zurück. In der Gegenrichtung klettert ein Lastwagen von Chiasso nach Basel insgesamt 1‘725 m hinauf, wovon 843 m oder 49 Prozent zwischen Biasca und Airolo auf der Gotthard Südrampe.

Die Belastung der Umwelt ist demnach in den Ballungszentren Basel, Luzern und im Tessin bedeutend höher als am Gotthard – besonders, da in diesen Regionen die Staugefahr infolge des hohen Verkehrsaufkommens viel höher ist als am Gotthard..

c.  Erhaltung des Alpenraums in seiner Schönheit und Unberührtheit

Die Alpen geniessen beim Gros der Schweizer Bevölkerung ein oft mystisch überhöhtes Ansehen. Dies ist mitunter ein Ausdruck der Alleinstellungshaltung vieler Schweizer. Bemerkenswerterweise wird diese Auffassung nur gegenüber dem Güterverkehr vertreten. Die vielen Staustunden an Spitzentagen am Gotthard durch Personenwagen werden vernachlässigt. Wenn sich jeweils tausende von Personenwagen im Schneckentempo durch die Leventina oder das Reusstal bei niedrigen Touren hochquälen, ist der Ausstoss von Kohlenmonoxid durch die unvollständige Verbrennung des Treibstoffes beträchtlich.

Und wenn die Bevölkerung aus dem Mittelland in den Alpen Skifahren will, ist es ihr so ziemlich egal, ob dies auf natürlichem oder Kunstschnee geschieht. Und man nimmt auch dort den Personenwagen, wo die öffentlichen Verkehrsmittel eine gute Alternative bieten.

d.  Schutz der Umwelt durch die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene

Die Bahnen und ihre Lobby werden nicht müde, die ökologische Überlegenheit des Schienengüterverkehrs zu betonen. Koste, was er wolle. Fraglich ist, ob die Befürworter von Verladeterminals in Erstfeld und Biasca dazu eine umfassende Ökobilanz erstellt haben. Eine solche würde die Behauptung der ökologischen Überlegenheit des Verladens kaum bestätigen.

Und ich frage mich, weshalb für lärmintensive Güterzüge kein Nachtfahrverbot gilt. Wer beispielsweise wie ich am Südrand von Bellinzona übernachtet hat, weiss, wovon ich spreche. Und wenn eben die Bahnindustrie aus prozessualen Gründen zwischen Bellinzona und Giubiasco ein drittes Gleis legen will, so ist das schlicht und einfach barbarisch. Die ursprünglich geplante Verlängerung der NEAT entlang der Autobahn zwischen Biasca und Giubiasco ist überfällig – genauso, wie der Bau einer ausschliesslich für den Güterverkehr bestimmten Bahnlinie zwischen Basel und Flüelen.

e.  Strukturerhaltung der Eisenbahnen und Lohnpolitik

Der Anteil der Eisenbahnen am alpenquerenden Güterverkehr ist in der Schweiz im Vergleich zu Österreich und zu Frankreich viel höher. Dies ist aber nicht Ausdruck der Leistungskraft der Bahnen, sondern Folge der Restriktionen für den Strassengüterverkehr in der Schweiz. Mit anderen Worten verfügen die Bahnen über massiv geschützte Märkte. Dies gilt nach Aussagen eines hohen Kadermitarbeiters von SBB Cargo AG auch für den serbelnden nationalen Einzelwagenladungsverkehr, der nur dank dem Nachtfahrverbot für Lastwagen und die LSVA (noch) betrieben werden kann.

Die geschützten Märkte für die Bahnen führen dazu, dass nennenswerte Innovationen ausbleiben und an unwirtschaftlichen Prozessen festgehalten wird. Dies konkretisiert sich unter anderem dadurch, dass keine überlangen Güterzüge geführt werden oder dass unzählige Güterzüge wegen der Dominanz des Personenverkehrs sowohl am Gotthard als auch am Lötschberg weiterhin die Bergstrecken benutzen. Das verlängert die Fahrzeit der Güterzüge, verunmöglicht das Führen von langen Zügen, bewirkt einen massiven Verschleiss der Anlagen und erhöht die Immissionen für die Menschen entlang der Bergstrecken.

Auch die teilweise von den Personalverbänden durchgesetzte Forderung, dass das ausländische Lokpersonal im Transit gleich entschädigt wird wie ihre Kollegen bei den Staatsbahnen, verteuert den Schienengüterverkehr. Analoge Forderungen von Piloten oder Chauffeuren sind mir nicht bekannt.

4.  Handlungsbedarf

Aus Sicht des Verfassers besteht dringender Handlungsbedarf. Nachstehend ein paar Vorschläge, wie man der Sackgasse entrinnen könnte:

a.  Neues Problemverständnis

Der Schienengüterverkehr ist ab Entfernungen zwischen 300 und 500 Kilometern auf dem Festland das effizienteste Verkehrsmittel. Diese Distanzen werden im nationalen Güterverkehr nicht erreicht. Güterverkehr auf der Schiene ist immer internationaler Verkehr und muss aus dieser Warte betrachtet werden. Die EU will den Anteil des Güterverkehrs auf der Schiene stark erhöhen, und die Schweiz muss hier ihren Beitrag leisten.

Die Schweiz muss eine für den Transitgüterverkehr reservierte Achse bereitstellen. Gemäss dem Beitrag „NEAT – Wege aus dem Malaise“ muss die Achse dem heutigen Lauf des Gros der Güterzüge folgen, und zwar von Basel über Brugg und Otmarsingen zum Gotthardbasistunnel und von Biasca der A2 folgend an den Fuss des Monte Ceneri und von hier direkt nach Chiasso oder Como.

Die immensen Kosten dieser teilweise neu und umweltschonend zu bauenden Strecke – Tieflegung und ohne Steigungen – müssen von der EU substantiell mitfinanziert werden. Die EU tut das auch bei wohlhabenden Mitgliedstaaten bereits heute.

Achsen

b.  Wirtschaftlichkeit und Qualität

Der Güterverkehr auf der Schiene ist so zu organisieren, dass er auch ohne Restriktionen für den Strassentransport prosperieren kann. Er muss kostengünstiger, rascher und zuverlässiger werden. Das betrifft die gesamte Transportkette vom Lieferanten zum Empfänger.

c.  Masshalten beim Personenverkehr

Der Personenverkehr muss zur Gewinnung möglichst vieler Trassen für den Güterverkehr in den Basistunnels auf den 30-Minutentakt verzichten. Mögliche Frequenzsteigerungen sind durch Zusatzzüge aufzufangen. An Spitzentagen am Wochenende sind Ausnahmen möglich.

Ebenso dringend ist die Angleichung der Geschwindigkeiten der Personenzüge und der Güterzüge im Gotthard Basis-Tunnel GBT. Nur so kann die Kapazität des Tunnels ausgeschöpft werden. Ein Vergleich aus Europa: Die Eurostarzüge erreichen zwischen Paris und Calais 300 km/h und verkehren zwischen Folkestone und London mit 250 km/h. Im Ärmelkanaltunnel hingegen fahren sie mit 160 km/h.

Die Absicht der SBB AG, die Personenzüge im GBT mit 200 km/h oder 250 km/h ist in Anbetracht der Zweckbestimmung des Tunnels – Verlagerung des Güterverkehrs – in höchstem Mass verantwortungslos und eine flagrante Missachtung des Volkswillens. Das Bundesamt für Verkehr BAV ist aufgerufen, die Zuständigen bei den SBB zur Räson zu bringen.

d.  Neue Technologien und Einsatzkonzepte

Durch den Einsatz von neuen Technologien sind überlange und/oder sich in kurzen Abständen und auf Sicht folgende Güterzüge zu ermöglichen.

Transitzüge müssen ohne nennenswerten Grenzaufenthalt verkehren. Ein Transitgüterzug muss die Schweiz in höchstens vier Stunden durchqueren.

e.  Eigentumsverhältnisse

Die Eigentumsverhältnisse der Güterbahnen sind vorbehaltlos zu überdenken. Die teilweise maroden oder domestizierten Staatsbahnen haben gegenüber den florierenden und politisch einflussreichen Strassentransporteuren einen nicht wettzumachenden Wettbewerbsnachteil. Zudem können die hoch verschuldeten europäischen Staaten die Mittel für die überfälligen Investitionen in den Schienengüterverkehr kaum mehr aufbringen.

Güterbahnen – das haben Beispiele unter anderem aus Nordamerika eindrücklich gezeigt – können in ihren Kernmärkten hoch profitabel sein und die Strassen massiv entlasten. Der Weg für Europa ist vorgezeichnet.

f.  Güterverkehrskonzept

Die am Güterverkehr auf der Schiene interessierten Kreise und Personen würden ihre Anstrengungen besser auf eine nationale und mit quantitativen Vorgaben unterlegte Güterverkehrsstrategie konzentrieren, als ihre Kräfte auf einem aus der Gesamtschau sekundären Problem verpuffen zu lassen. Der Nutzen wäre ungleich höher.

5.  Folgerungen

Die Frage nach dem Nutzen des Alpenschutzartikels blieb offen und ist der Antwort durch die Leser vorbehalten. Vielen Dank jedoch für das diesen Überlegungen entgegengebrachte Interesse.

 

Alternative zur 2. Röhre am Gotthard / Vorschlag von Christian Menn

In der Ausgabe des Magazin des Tages-Anzeiger vom 23. Januar 2016 wird dem Vorschlag von Christian Menn für eine Alternative zu einer zweiten Röhre am Gotthard breite Aufmerksamkeit gewidmet. Als Brückenbauingenieur ist Christian Menn weltberühmt. Er wird zu Recht als Übervater des Brückenbaus bezeichnet.  Und dennoch – der Verfasser dieses Artikels staunt! Folgendes:

Projektbeschreibung

  1. Auf einen parallelen Tunnel zum bestehenden Gotthardstrassentunnel wird verzichtet.
  2. Dafür wird ab Göschenen eine leistungsfähige Strasse ins Göscheneralptal bis auf eine Höhe von ca. 1200 Metern über Meer gebaut.
  3. Von hier wird ein Tunnel bis zum Ende der Schöllenen auf etwa 1400 Meter über Meer gebohrt.
  4. Vom Tunnelausgang wird eine Strasse bis zum Gotthardmätteli auf rund 1’700 Meter über Meer gebaut. Andermatt und Hospental werden ebenerdig umfahren.
  5. Vom Gotthardmätteli wird ein weiterer Tunnel bis nach Motta Bartola gebohrt.
  6. Von hier geht es auf der „alten“ A2 hinunter nach Airolo, wo die Verbindung mit der Autobahn erfolgt.

Würdigung

  1. Das liebliche und verträumte Göscheneralptal wird durch eine stark befahrene Strasse enorm belastet. Wo bleibt da der Alpenschutz?
  2. Was mag wohl Sami Sawiris gedacht haben, als er den Artikel gelesen hatte? Er investiert enorme Summen in den Ausbau von Andermatt zu einem weltberühmten Ferienresort und erhält zum Dank eine Transitstrasse vorgesetzt!
  3. Statt auf rund 1100 Metern Höhe durch den Berg zu fahren, muss der motorisierte Verkehr weitere 600 Meter Höhenunterschied bewältigen – der CO2-Ausstoss ist enorm. Wie sieht die langfristige Ökobilanz aus?
  4. Die Einwohner von Airolo und von Göschenen erhalten über ihren Köpfen eine ständig befahrene Transitstrasse. Als Entschädigung für die bereits immensen Emissionen durch den Verkehr?

TA Magazin Gotthard 2016_01_23 Karte

Meine Meinung

Als aktiver Berggänger und guter Kenner der Region bin ich konsterniert. Will man die bereits von Immissionen unsäglich heimgesuchten Dörfer wie Göschenen und Airolo weiter malträtieren?

Diese „Brücke“ von Christian Menn hat möglicherweise als seine erste ihren Belastungstest nicht bestanden.

Hier geht’s zum Artikel: TA Magazin Gotthard 2016_01_23

 

 

2. Röhre am Gotthard / Statement der Leitungsorgane der SBB / Würdigung

Aufgrund einer am 3. Januar 2016 in den Schweizer Medien breit kommentierten Meldung sollen sich die Leitungsorgane der SBB für den Bau der zweiten Röhre des Strassentunnels durch den Gotthard ausgesprochen haben. Möglicherweise wurden diese Aussagen von den Zuständigen bei den SBB relativiert und von den Medien gar plakativ verbreitet. Das ändert an der Brisanz der Aussage wenig. Zudem wirft es auf die Kommunikationsfähigkeit ein denkbar schlechtes Licht.

Der Ausbau der Strassenverbindung durch den Gotthard zu einer vollwertigen Autobahnverbindung fördert den Strassenverkehr und schwächt die Stellung der Eisenbahn im Personen- und im Güterverkehr – alles andere ist Augenwischerei. Mit anderen Worten wird der Modal Split zu Lasten der Schiene verschlechtert. Des weiteren wird die Belastung des Autobahnnetzes im Tessin und in den Ballungszentren Basel und Luzern weiter zunehmen und Ausbauten unumgänglich machen.

Natürlich gibt es gute Gründe für oder gegen den Bau des zweiten Tunnels durch den Gotthard. Jede Frau und jeder Mann hat das Recht auf eine eigene Meinung. Wenn sich aber die obersten Organe der SBB implizit für die Schwächung der Marktstellung des eigenen Unternehmens aussprechen, ist das bemerkenswert.

Wie erklären die Herren Gygi und Meyer ihre Aussagen beispielsweise einem Rangierarbeiter im Rangierbahnhof Limmattal, der selbst bei Sturm und Regen Nacht für Nacht Wagen kuppelt oder der Zugbegleiterin, die nachts in einem schlecht besetzten Fernzug massiven Belästigungen oder gar Gewalt von Fahrgästen ausgesetzt ist.

Für mich – ich bin ein Freund von klaren Worten – sind die zitierten Aussagen schlicht und einfach Hochverrat an der eigenen Sache. Punkt!

Biasca

Belegung EC 197 Zürich HB – München HB / Kommentar und Gedanken zum internationalen Personenverkehr

Der Verfasser dieses Beitrages hat in den letzten Monaten zwischen Zürich HB und Zürich Flughafen zehn Fahrten mit dem EC 197 Zürich HB – München HB unternommen. Auf diesen Fahrten wurden die Fahrgäste gezählt. Gleichzeitig erfolgten Schätzungen über das mutmassliche Reiseziel der Fahrgäste.

EC 197 Re

Nachstehend die durchschnittliche Belegung. Details können dieser Datei entnommen werden: Belegung EC 197

Fahrgäste total davon nach Deutschland
1. Klasse 20,3 7,4
 Speisewagen 6,4 2,7
 2. Klasse 42,1 20,9
Total 68,8 31,0

EC 197 B

Kommentar:

  1. Die Fahrten erfolgten jeweils am Montag oder am Dienstag. Wahrscheinlich dürfte die Belegung am Freitag oder am Sonntag höher sein. Auch dürften zwischen Winterthur und St. Margrethen weitere Fahrgäste nach Deutschland zugestiegen sein.
  2. Dennoch stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit der von der Schweiz geforderten Ausbauten der Strecke zwischen Bregenz und Buchloe – ein Durchgangsbahnhof auf dem Festland vor Lindau und die Elektrifikation der Strecke im Allgäu. Unseres Erachtens entsprechen diese Forderungen einem überholten Verständnis des internationalen Personenverkehrs auf Nebenrelationen und sind dezidiert abzulehnen. Dies betrifft besonders die Abnabelung des heutigen Bahnhofes von Lindau. Den Befürwortern dieses Vorschlages sei eine Bahnreise nach Lindau und ein Rundgang durch die Stadt empfohlen.
  3. Die Schweiz kann die im HGV-Kredit enthaltene Subvention von CHF 75 Mio. an Deutschland für die Elektrifizierung der Strecke durch das Allgäu ungleich besser einsetzen. Man denke etwa an die Wiederinbetriebnahme der Linie von Evian nach St. Gingolph oder für die Fertigstellung der FM von Stabio nach Varese.
  4. Realitätsfremd ist auch die Erwartung, dass die Verkürzung der Reisezeit von Zürich nach München um rund eine Stunde den Reiseverkehr wieder beleben würde. Die Konkurrenz durch günstige und komfortable Fernbusse oder den Flugverkehr sind zu hoch.
  5. Der Fernverkehr von Zürich nach Stuttgart hat es deutlich gezeigt. Selbst die vor Jahren eingesetzte ICE-T – wahrscheinlich die luxuriösesten Triebzüge in Europa – führten zu keiner Wiederbelebung des Verkehrs.
  6. Dabei verbinden die Schweiz und das Bundesland Baden-Württemberg infolge der langen gemeinsamen Grenze und des intensiven Austauschs ungleich engere Beziehungen als mit Bayern und seiner attraktiven Hauptstadt München.
  7. Überlegungen wert wäre die dichtere Einbindung der Städte Singen und Lindau in das schweizerische Netz analog der Anbindung von Konstanz an Zürich.
  8. Und abschliessend – der Verfasser hält den Zugverkehr zwischen Zürich und München auf dem heutigen Niveau für höchst erhaltenswert. Aber primär für den Tourismus und mit der konsequenten Nutzung der Fernverkehrszüge auch für die nationale Erschliessung.
  9. Und last but not least: Der Sohn eines Freundes benutzt seit Jahren die Fernbusse zwischen Zürich und München und ist sehr zufrieden. Ein gut situiertes Ehepaar aus unserem Bekanntenkreis ist vor wenigen Tagen für EUR 89.- mit dem DB Bus von Zürich nach München und zurück gefahren. Nicht nur die Qualität der Fahrt wurden gelobt, sondern auch die Website der DB und der Webshop für Fahrausweise.

EC 197 WR

 

Güterbahnen Schweiz/Europa/Nordamerika im Vergleich & Anschlussbemerkungen

Dieser Beitrag enthält Kennzahlen zu einigen Güterbahnen in der Schweiz, in Europa und in Nordamerika sowie – darauf basierend – ein paar Anschlussbemerkungen.

Die Daten wurden Geschäftsberichten oder offiziellen Publikationen der Unternehmen oder der Branchenorganisation Association of American Railroads AAR entnommen. Die abweichenden Strukturen und Begriffe wurden nach bestem Wissen normiert. Zur Verbesserung der Vergleichbarkeit wurden Bruttokennzahlen – beispielsweise Ertrag der Sparte statt Verkehrsertrag – verwendet. Die Zahlen erheben demnach keinen Anspruch auf eine absolute buchhalterische Genauigkeit. Sie sind jedoch präzise genug, um aussagefähige Folgerungen abzuleiten.

Gesellschaft/ Verband Erlös pro TKm (Rappen) Kosten pro TKm (Rappen) Gewinn pro TKm (Rappen) mittlere Transport- weite (km) Investitionen in % des Ertrags 1 Fuss- note 2
Association of American Railroads 3.11 2.53 0.58 1’469 12.87 3, 4
RhB AG 61.69 65.73 -4.04 65 n.a. 5
SBB AG 6.81 6.58 0.23 273 1.62 6
BLS AG 6.72 6.62 0.10 n.a. n.a. 7, 8
ÖBB AG 8.21 7.99 0.22 260 2.84 9, 10
DB AG 5.20 5.15 0.05 313 4.01 11
  1. Investitionen für Rollmaterial und neuen Technologien wie PTC oder ETCS, ohne Infrastruktur
  2. Bei der Rheinschifffahrt betragen die Kosten für die 1000 km lange Flussfahrt zwischen Rotterdam und Basel pro Tonnenkilometer rund einen Rappen.
  3. Die in der AAR zusammengeschlossenen nordamerikanischen Güterbahnen haben 2014 über USD 20 Mia. in Fahrzeuge, Infrastruktur und Technologien wie PTC investiert. Da bei den europäischen Bahnen der Grossteil der Investitionen in die Infrastruktur und nicht in die Verkehrsarten getätigt werden, wird hier angenommen, dass in Nordamerika die Hälfte der Investitionen in Fahrzeuge fliesst.
  4. Nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Arbeitnehmer profitieren von der hohen Ertragskraft der nordamerikanischen Güterbahnen. Mit rund USD 87’000.- beträgt das durchschnittliche Gehalt rund das Fünffache des Mindestlohns in den USA.
  5. Der Ertrag enthält eine Abgeltung von CHF 6.05 Mio. oder CHF -.17 pro Tonnenkilometer. Die Vollkosten pro Tonnenkilometerliegen liegen bei rund CHF -.65.
  6. Der Anteil von SBB Cargo International AG an der Transportleistung liegt bei rund 61 Prozent. Erlöse und Kosten im nationalen Güterverkehr dürften bedeutend höher sein als im internationalen Verkehr.
  7. Die BLS AG betreibt keinen Einzelwagenladungsverkehr. Ihre Kosten im Langstreckenverkehr dürften deshalb tendenziell über denjenigen der SBB AG liegen.
  8. Von der BLS AG liegen keine Angaben zu den beförderten Nettotonnen vor. Die mittlere Transportdistanz konnte so nicht ermittelt werden. Eine für einen Konzern übliche Spartenrechnung im Geschäftsbericht fehlt.
  9. Der Auslandanteil von Rail Cargo Austria AG an der Produktionsleistung liegt bei 37 %.
  10. Zudem unterhält Rail Cargo Austria AG für den bedeutenden Einzelwagenladungsverkehr relativ viele Bedienpunkt.
  11. Die Beträge in EUR wurden mit CHF 1,10 umgerechnet.

Unter anderem lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen:

  1. Die in der AAR zusammengefassten nordamerikanischen Güterbahnen sind sehr profitabel. Dies hängt sicher mit den langen Zügen und der grossen Transportdistanzen zusammen. Auffallend sind auch die enorm hohen Investitionen.
  2. Auffallend bei den betrachteten europäischen Staatsbahnen sind die ähnlichen Transportdistanzen um die 300 km und die im Vergleich zu Nordamerika tiefen Investitionsquoten.
  3. Die mittleren Transportdistanzen in Europa liegen am untersten Ende der von der EU für den Schienengüter angestrebten Mindestentfernung zwischen 300 km und 500 km.
  4. Die Werte für die europäischen Bahnen belegen unseres Erachtens, dass die Wiedererstarkung des Güterverkehrs in Europa substantielle Investitionen und Strukturanpassungen erfordert.
  5. Statt dem Güterverkehr auf der Strasse künstliche Einschränkungen wie Nachtfahrverbote, Steuern oder weitere Verkehrsbeschränkungen aufzuerlegen, sollten die Güterbahnen endlich ihre Stärken entwickeln. Die Schwächung des Konkurrenten erhöht die eigene Kraft kaum.

Bahnen Grossbritannien – ein Status

CC wp

Hier ein paar Fakten zum Eisenbahnwesen in Grossbritannien:

  1. Die englischen Bahnen gehören zu den sichersten in Europa. Zahlreiche Unfälle, von welchen die SBB in den letzten Jahren betroffen waren, wären vom englischen Zugssicherungssystem (aber nicht nur dort) verhindert worden.
  2. In Grossbritannien werden gegenwärtig bedeutende Investitionen in die Eisenbahn getätigt. Neben den Grossanschaffungen von Rollmaterial durch die privaten Betreiber sei der über CHF 20 Mia. teure neue Stadttunnel von London erwähnt.
  3. Die Passagierzahlen und die Personenkilometer England entwickeln sich trotz der Konkurrenz durch Fernbusse in den letzten Jahren nur in einer Richtung – nach oben.
  4. Ich selbst habe während der Privatisierungsphase 1996 und 1997 in Mittel- und Nordengland ausgedehnte Zugreisen unternommen. Dabei bin ich hauptsächlich mit British Rail und mit der Great Nord Eastern Railway und der Midland Mainline gefahren. Meine Erfahrungen in zwei Sätzen: (a) Die Qualität der Reisen mit den privaten Gesellschaften war weitaus besser als diejenige mit British Rail, (b) Die Infrastruktur war teilweise in einem desaströsen Zustand. Ich staunte, dass auf gewissen Strecken überhaupt noch Züge fahren konnten.
  5. Gemäss dem beiliegenden Bericht – einer der beiden Autoren gehört zu den herausragenden Beobachtern des Schweizer Eisenbahnwesens – zeichnet sich das Eisenbahnwesen in Grossbritannien heute durch eine erfreuliche Qualität aus.
  6. British Rail wurde von der konservativen Regierung zwischen 1994 und 1997 schrittweise privatisiert. Unter anderem wurden rund 25 Betreibergesellschaften gegründet. Die Privatisierungen wurde von Labour während ihrer 13-jährigen Regierungszeit nicht rückgängig gemacht.

Zeit also, die positiven Entwicklungen im englischen Eisenbahnwesen vorurteilslos zur Kenntnis zu nehmen und die Gründe für den Aufschwung zu analysieren – ehe es auf dem Kontinent zu spät ist.

Der Bericht kann hier heruntergeladen werden:Bericht Eisenbahn Grossbritannien 2015

WC

Horrorfahrt im Doppelstock IC Brig-Zürich

Am Sonntag, 5. Juli 2015, fuhren wir – eine Gruppe von 15 Alpinistinnen und Alpinisten – nach einer anstrengenden Bergtour um 16.57 Uhr mit dem IC 859 von Visp nach Zürich. Die Reise entwickelte sich für zahlreiche Fahrgäste zu einer realen Horrorfahrt. Hier die Details:

  1. Vor unserem DS IC fuhr ein Entlastungs-IC 10859 von Brig nach Bern. Wenige Minuten vor der Abfahrt des mittel belegten Zuges traf der leicht verspätete R 254 von Zermatt in Visp ein. Der Zugbegleiter des Entlastungs-IC fertigte den Zug mit harter Hand trotz den noch zu seinem Zug strömenden Passagieren ab.
  2. Unsere Gruppe mit grossen Rucksäcken stieg in den folgenden IC nach Zürich ein. Da der Zug sehr stark besetzt war, verteilten wir uns auf den Kinderspielwagen und den zweiten DS-Wagen. Bis nach Bern sass ich auf der Treppe. Da die Türe zum Wagenübergang defekt war, verpuffte ein beträchtlicher Teil der Kühlleistung des Wagens – die Luft im Wageninnern war sehr heiss.
  3. Unser Zug verliess Bern trotz der starken Belegung um 18.03 Uhr ziemlich pünktlich. Ich hatte das Glück, in Bern neben der defekten Türe zum Wagenübergang in einem Viererabteil einen Sitzplatz zu finden.
  4. In Erwartung einer pünktlichen Ankunft in Zürich freute ich mich auf das geplante Abendessen im Kreise meiner Familie. Ich lehnte mich zurück und genoss die zügige Beschleunigung des Zuges im Grauholztunnel. Doch die Freude währte nur kurz, denn unmittelbar nach dem Verlassen des Tunnels bremste der Zug brüsk ab und hielt im Bereich der Auffahrt auf die alte Strecke still.
  5. Nach ein paar Minuten vernahmen die Passagiere, dass die Lokomotive einen Defekt erlitten hätte und der Zug eine unbestimmte Verspätung erleiden werde. Diese Meldung wurde in der nächsten halben Stunde von zwei verschiedenen Sprechern wiederholt. Nach rund 45 Minuten wurden die Passagiere informiert, dass der Zug nach Bern-Wilerfeld zurückgezogen und von dort über Burgdorf und Langental nach Zürich fahren würde. Beim Warten sah ich, dass mehrere Fernzüge von der alten Strecke in den Grauholztunnel fuhren.
  6. Offensichtlich kein Defekt an unserer Lokomotive, sondern vermutlich eine Störung beim ETCS-Überwachungssystem der Neubaustrecke. Kurz vor 19.00 Uhr fuhr unser Zug tatsächlich rückwärts in das Gleisfeld von Bern-Wilerfeld. Gegen 19.30 Uhr setzte sich unser Zug in Bewegung und fuhr – nach meinen Beobachtungen – ohne Lokwechsel über die alte Strecke nach Zürich, wo der Zug mit 105 Minuten Verspätung und nach einem angekündigten ausserordentlichen kurzen Halt in Olten kurz vor 20.45 Uhr eintraf.
  7. Aber nach was für einer Fahrt! In den Familienabteilen des DS befanden sich mehrere Familien mit zahlreichen Kindern. Im heissen Innenraum und nach über drei Stunden Fahrt litten die Kinder allmählich Durst oder waren müde. Viele weinende und schwitzende Kinder boten ein erbärmliches Bild. Solche Bilder sieht man sonst höchstens in Entwicklungsländern oder im Busch.
  8. Kurz vor Zürich zirkulierte die tapfere Zugbegleiterin durch den Zug und verteilte 10-Franken Gutscheine. Fahrausweise interessierte niemand mehr. Die Dame war in Zürich sichtlich am Ende ihrer Kräfte. Ich stand im Vestibül des DS Wagens neben der Zugbegleiterin, als sie ihre Durchsagen machte. Sie konnte ihre Sätze kaum mehr richtig abschliessen. Warum, ja warum nur, wurden im Bahnhof Bern-Wankdorf nicht kühle Getränke eingeladen und an die leidenden Fahrgäste verteilt?
  9. Im Viererabteil neben mir sassen zwei ältere Ehepaare. Sie kehrten von einer Wanderung im Wallis zurück. Gemäss den Diskussionsthemen schienen diese Leute aus einem gebildeten und wohlhabenden Umfeld zu stammen. Mich erstaunte, dass sie nicht in der ersten Klasse fuhren. Ich hörte einen Mann aus dieser Gruppe sagen, dass das für eine lange Zeit ihre letzte Zugfahrt gewesen sei.
  10. Und was sahen wir in Olten – das prächtige neue Verwaltungsgebäude von SBB Cargo. In den letzten 15 Jahren hat dieser Zweig der SBB dreimal den Sitz gewechselt, und zwar vom alten Sitz an das Bürogebäude an der Schanze, von hier nach Basel und in das neue Prachtgebäude in Olten. Und dabei verdankt dieser Bereich seine Existenz gemäss Aussagen von Insidern Erschwernissen für die anderen Verkehrsträger und trägt nur einen Teil der wirklichen Kosten. Und dafür ist Geld vorhanden- aber nicht für den hinreichenden Unterhalt von Fahrzeugen, Anlagen und Infrastrukturen und noch weniger für zeitgemässe Transportbedingungen im Fernverkehr.

Und liebe Leserin, lieber Leser – ich habe das oben stehende weder gelesen noch gehört. Ich war dabei und habe mit gelitten.

Ferrovia Mendrisio – Varese FMV – Stand und Vorschlag

Die Arbeiten an der neuen Eisenbahnlinie von Mendrisio nach Varese ruhen auf der italienischen Seite seit über zwei Jahren. Die schweizerische Teilstrecke zwischen der Grenze bei Gaggiolo und Mendrisio hingegen ist fertig. Zwischen Mendrisio und Stabio verkehren am Morgen und am Abend ein knappes Dutzend in der Regel dünn besetzter Züge.

FMV Brücke

Anlässlich einer erneuten Besichtigung am 9. Juni 2051 durfte ich feststellen, dass im letzten halben Jahr immerhin die Pfeiler für die Talbrücke über die Bèvera mit einer Ausnahme betoniert wurden, die Elemente für die Stahlbrücke geliefert und ein Feld bereits montiert ist. Ausser diesen löblichen Ausnahmen das bekannte triste Bild.

FMV Brückenelement

Ein Weg aus dem Schlamassel

Die vorbehaltlose Analyse des Nutzens dieser neuen Verbindung führt zu folgendem Ergebnis. Der Nutzen und die Kosten sind zwischen uns und Italien sehr ungleich verteilt. Die Schweiz profitiert weitaus stärker von der FMV und bezahlt bedeutend weniger. Weshalb? Nun, mit der FMV kann der Flughafen von Malpensa von Lugano aus mit der Bahn in weniger als einer Stunde erreicht werden. Zudem sollten sich die täglichen Staus auf den Schweizer Strassen im Südtessin durch den Autoverkehr der Grenzgänger – flankierende Massnahmen vorausgesetzt – erheblich zurückbilden. Des Weiteren sind die Bauten in Italien sehr viel aufwändiger – Tunnels, Talbrücke und Tieflegung.

FMV Tunneleingang

Nachtrag

Gemäss einer Meldung in der Ausgabe vom 10. Juni 2015 des Corriere del Ticino ist die Auftragsvergabe für die Fertigstellung des italienischen Teilstücks erfolgt. Die Arbeiten sollen mit dem Ziel einer Fertigstellung per 2017 im Juli 2015 wieder aufgenommen werden.

Hier der Link zum erwähnten Beitrag: Corriere del Ticino 2015_06_10 FMV