Zukunft Mobilität – „Verpasst der Verkehr die digitale Revolution?“

Am Donnerstag, 4. Februar 2016, fand auf Einladung der Dialog-Plattform „Avenir Mobilité – Zukunft Mobilität“ im Auditorium der Swisscom in Worblaufen eine gut besuchte Veranstaltung zum Einsatz der Informatik im Verkehr statt. Das Teilnehmerfeld war ausgesprochen prominent besetzt. Nach sechs Impulsreferaten, über die nachstehend kurz berichtet wird, fand eine lebhafte Plenumsdiskussion statt.

Dr. Hans Werder, Präsident der Dialog-Plattform, und ehemaliger Generalsekretär des UVEK, begrüsste die Teilnehmenden und übergab die Leitung der Veranstaltung Prof. Dr. Matthias Finger, der sicher durch die Veranstaltung führte.

Jürg Röthlisberger, Direktor des Bundesamtes für Strassen ASTRA, wies einleitend auf die grosse Bedeutung des motorisierten Individualverkehrs hin. 43 Prozent des MIV wird auf dem Netz der Nationalstrassen zurückgelegt, dessen Anteil an der Länge der schweizerischen Strassen nur 2,5 Prozent beträgt. Das enorme Wachstum des MIV hat praktisch nur auf dem Nationalstrassennetz stattgefunden. Die Kostendeckungsgrade im Strassenverkehr sind etwa doppelt so hoch wie im öffentlichen Verkehr. Die Teilhaber am MIV sind offensichtlich bereit, mehr zu bezahlen als die Kunden des öffentlichen Verkehrs. Dank den enorm kurzen Abständen zwischen den Ein- und Ausfahrten kann man die Nationalstrassen auch als gross angelegte Ortsumfahrungen bezeichnen. Problematisch am Verkehr ist generell, dass er doppelt so stark wächst wie das Bruttoinlandprodukt. Des Weiteren wird die technische Kapazität der Nationalstrassen während den Stosszeiten auf Kosten der Sicherheit regemässig überschritten, indem die gesetzlich vorgeschriebenen Abstände zwischen den Fahrzeugen nicht eingehalten werden.

Bereits heute ist die Informatik auf zahlreichen Einsatzgebieten im Vormarsch. Sie berge jedoch das Risiko, dass die Attraktivität des Automobils reduziert werde und die Zahlungsbereitschaft der Autofahrer abnehme. Der Einsatz der Informatik könne unter anderem die „Shared Economy“ fördern, was unter anderem die Belegung pro Fahrzeug – heute nur rund 1,2 Personen pro Wagen – und die Einsatzdauer pro Fahrzeug von gegenwärtig einer Stunde pro Tag steigere. Auch biete die Informatik bezüglich der Sicherheit auf den Strassen und der Steuerung der Verkehrsströme ein grosses und erst teilweise genutztes Potential.

Peter Kummer, Chief Information Officer der SBB AG, führte aus, dass sich die SBB im letzten Jahr eine neue Unternehmensstrategie gegeben hätten, die stark von der Informatik als rotem Faden geprägt sei. Peter Kummer wies darauf hin, dass die Gesamtsystemkosten der Eisenbahn ständig steigen. Es gelte, diese Kosten mittelfristig um 20 Prozent zu reduzieren. Auch der Auslastungsgrad der Züge pro Tag von lediglich 30 Prozent sei problematisch. Als konkrete Beispiele des Informatikeinsatzes nannte er das seit drei Jahren laufende Projekt „Rail Control System“, das für den Lokomotivführer eine Art „grüne Welle“ schaffe und bei einer Einsparung an Traktionsenergie von 40 Prozent die Fahrzeit um fünf Prozent reduziere. Der Anteil der über die mobilen Kanäle abgesetzten Billette soll bis in Jahr 2020 von heute 15 Prozent auf 50 Prozent gesteigert werden. Zudem soll die mobile Erreichbarkeit der Passagiere in den Zügen nochmals erhöht und kostenfreies WLAN eingeführt werden. Die Zusammenarbeit mit der Informatikplattform „Viadi“ soll ausgebaut werden. Keine Erwähnung fanden hingegen die Probleme bei der Einführung von ETCS, Level 2.

Daniel Weder, CEO von Skyguide, räumte Vorurteile bezüglich dem Einsatz der Informatik bei der Flugsicherung aus. Das heutige Kontrollsystem basiere auf fünfzigjährigen Konzepten und auf mündlicher Kommunikation zwischen den Piloten und den Leitstellen. In Europa gäbe er zurzeit über sechzig Leitstellen. Beim Übergang zwischen den Leitstellen müssen beispielsweise die Übertragungsfrequenzen der Flugzeuge umgestellt werden. Die Abstimmung zwischen den Leitstellen sei schwierig. Immerhin versuchen die heute getrennten Leitstellen von Genf und Zürich, einen virtuellen gemeinsamen Luftraum zu schaffen. Problematisch bei Skyguide sei, dass auch militärische Flugbewegungen überwacht würden, was der Geheimhaltung der militärischen Einsatzkonzepte abträglich sei.

Daniel Weder äusserte Skepsis, ob die EU eine Verbesserung der unbefriedigenden Situation und eine Vereinheitlichung der Systeme herbeiführen könne. Vielmehr hält er die Einführung einer völlig neuen Technologie – er erwähnte als Beispiel Drohnen und deren Steuerung – und die partielle Auslagerung von Sicherheitsfunktionen an die einzelnen Flugzeuge für möglich.

Susanne Ruoff, CEO der Post AG, stellte ihr Unternehmen bezugnehmend auf die vielen Angebote als Hochleistungsbetrieb vor. Zahlreiche Prozesse seien bereits heute vollständig digitalisiert. Dies stelle jedoch hohe Anforderungen an die Stabilität der Prozesse, die zudem nur im Verbund mit den Partnern gewährleistet werden könne. So führe die Post täglich 42 Eisenbahnzüge mit Paketen und 15 Zügen mit Briefpost.

Unter dem Stichwort „E-Commerce“ biete die Post bereits heute dank der Digitalisierung neuartige Dienstleistungen an und plane weitere Projekte zur Individualisierung ihrer Angebote. Zudem sei nach den erfolgreichen Tests in Sitten ein vollautomatischer Postautodienst in Vorbereitung. Funktionieren können dieses Vorhaben jedoch nur im Verbund mit allen Beteiligten, und werfe unter anderem zahlreiche regulatorische und rechtliche Fragen auf.

Robert Gebel, Head Business Development Swisscom Enterprise Customer, bezeichnete das Smartphone als Symbol der Digitalen Revolution. Das Smartphone fasse heute in einem Gerät viele der früher von mehreren Systemen bereitgestellte Funktionen zusammen. Die Beherrschung der Digitalisierung sei anspruchsvoller geworden und betreffe die Kette von Geräten, Infrastruktur, Plattform und Software. Interessant sei, dass die grossen Innovationen bei den Fahrzeugen von Tesla vor allem bei den Batterien und bei der Software erfolgen. Bis vor kurzem hätten die Autos von Tesla keine Rückfahrsperre am Berg gehabt. Als dieses Problem aus der Schweiz als wesentlich erkannt wurde, hätte Tesla innert wenigen Minuten bei allen Fahrzeugen durch einen Softwareeingriff weltweit eine Rückfahrsperre implementiert, ohne dass die Teslafahrer aktiv werden mussten.

Als nachhaltig von der Digitalisierung geförderte Trends bezeichnete Robert Gebel die Elektromobilität, das Mobility Pricing, Smart Cars, Big Data, Autonomes Fahren und Connected Cars.

Rasoul Jalali, General Manager von UBER Deutschland, Österreich und Schweiz, stellte sein Unternehmen vor. In weniger als sechs Jahren hat sich aus einem bescheidenen Projekt ein weltumspannendes Unternehmen entwickelt, das in über 300 Städten und 62 Ländern präsent ist. Am Anfang standen eine Idee und eine leistungsfähige App. Diese App sei einfach und funktioniere gut und zuverlässig. Die mit UBER abgewickelten Dienstleistungen seien sicher, effizient und nachvollziehbar. Sie seien für viele Anbieter offen, seien es konventionelle Taxifahrer oder freie Anbieter. Jedermann könne sowohl Kunde als auch Anbieter sein. Man verstehe in Anlehnung an die Kennzahlen von Jürg Röthlisberger das Auto als Fahr- und nicht als Stehzeug und wolle auch die Auslastung pro Fahrzeug steigern.

In den USA würden drei Kategorien von Fahrzeugen angeboten. Die Wartezeiten seien sehr kurz und betrügen in New York beispielsweise wenig mehr als zwei Minuten. UBER habe deshalb auf Vorausbestellung von Fahrten verzichtet. Rasoul Jalali schloss mit Beispielen von Behinderungen, mit denen UBER konfrontiert worden sei, und mit Hinweisen auf regulatorische Konsequenzen.

In der anschliessend intensiven Plenumsdiskussion wurden während sechzig Minuten Hinderungsgründe gegen die in Einführung der neuen Technologien, regulatorische Fragen und der Datenschutz diskutiert. Im Allgemeinen bietet die Schweiz bei beträchtlichen kantonalen Unterschieden ein offenes und innovationsbereites Umfeld. Man muss die Regulatoren und Stake Holders jedoch frühzeitig einbinden sowie auf kulturelle und arbeitsrechtliche Aspekte Rücksicht nehmen. Breit diskutiert wurden datenschutztechnische Aspekte. Wem gehören beispielsweise die individuellen Daten? Problematisch sei, dass die technischen Möglichkeiten der Anpassung der Rechtsnormen oft weit voraus sei und gelegentlich vollendete Tatsachen schaffe.

Dr. Hans Werder schloss die interessante Tagung mit dem Hinweis auf zwei Folgeveranstaltungen der Dialog-Plattform „Avenir Mobilité/Zukunft Mobilität“. Am 29. Juni 2016 findet eine Veranstaltung zur City Logistik statt, und am 3. November 2016 ist ein Symposium über die Möglichkeiten der Automatisierung im Verkehr vorgesehen.

 

 

Ferrovia Mendrisio-Varese FMV / Stand der Arbeiten & Kommentar

Zu diesem Beitrag

Dieser Beitrag ist der neuen Eisenbahnlinie von Mendrisio nach Varese gewidmet. Nach einer kurzen Beschreibung der Bedeutung der FMV für die Schweiz wird über den Stand der Arbeiten berichtet. Anschliessend folgen ein kurzer Ausblick und einige abschliessenden Bemerkungen zum Projekt und dessen Finanzierung.

Bedeutung der FMV für die Schweiz

FMV 1 Netz TiloGemäss dieser Übersicht ist die FMV für die Schweiz unter anderem aus vier Gründen von eminenter Bedeutung:

  1. Rasche Eisenbahnverbindung zum Flughafen von Malpensa. Direkte Schnellverbindungen „Malpensa Express“ vorausgesetzt, könnte dieser von Lugano aus in 50 Minuten erreicht werden.
  2. Wichtiger Brückenschluss im grenzüberschreitenden Regionalverkehr zur Entlastung der in den Stosszeiten sehr stark belasteten Strassen im Mendrisiotto.
  3. Entlastung der Linie von Chiasso nach Milano Centrale über Monza vom Regionalverkehr durch Führung der S-Bahnzüge aus der Schweiz über Varese und Saronno nach Milano Porta Garribaldi – Milano Porta Garribaldi ist der überragende Knotenpunkt im S-Bahnsystem von Mailand und wird auch von zahlreichen Fernverkehrszügen bedient.
  4. Verkürzung der Reisezeit von Lugano ins Wallis um mehr als eine halbe Stunde – schlanke Anschlüssen in Gallarate an die Fernzüge Mailand – Genf vorausgesetzt.

Stand der Arbeiten

Der Verfasser hat am 18. Dezember 2015 die Strecke zwischen Stabio und Varese abgeschritten. Wie bereits anfangs Dezember 2015 festgestellt, wurden die Bauarbeiten nach rund dreijähriger Pause wieder aufgenommen. In der Tat wird auf mehreren Abschnitten intensiv gearbeitet. Grosses Baugerät war bei der Besichtigung hingegen nicht festzustellen. Nachstehend ein kurzer Bildbericht über den Stand der Arbeiten:

Am Tunnel bei Gaggiolo wird wieder gearbeitet. Zurzeit ist etwa die Hälfte des rund ein Kilometer langen Tunnels ausgebrochen und ausbetoniert.

FMV 3 Portal Ost 1 FMV 4 Portal Ost 2

FMV 5 Portal West 1FMV 6 Portal West 2

Auch bei der grossen Talbrücke im Anschluss an den Tunnel von Gaggiolo sind erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen. Der letzte der bis zu 700 Tonnen schweren Pfeiler ist in Arbeit, und die Elemente für den stählernen Brückenkörper wurden geliefert und teilweise bereits zusammengesetzt.

FMV 7 Brücke 1 FMV 8 Brücke 2

FMV 10 Brücke 4FMV 11 Brücke 5

Abgesehen von einer sich im Bau befindlichen Brücke über die Bévera ist das Trasse bis zum Dorfrand von Arcisate im Rohbau praktisch fertig, wie die folgenden Bilder zeigen.

FMV 12 Trasse 1 FMV 14 Trasse 3 FMV 13 Trasse 2FMV 16 Bachquerung 2

Der Fortschritt auf den Abschnitten auf dem Gebiet der Gemeinde Arcisate ist unterschiedlich. Alle Bohrpfähle für die Wände der tiefgelegten Bahnlinie wurden meines Wissens erstellt. Auf etwa der Hälfte der Strecke ist der Aushub erfolgt, und die Baumeisterarbeiten für die Haltestellen sind im Gang.

FMV 19 Einschnitt 1FMV 26 Einschnitt 8FMV 22 Einschnitt 4FMV 28 Einschnitt 10

Auch die Arbeiten am Tunnel zwischen Arcisate und Induno sind wieder im Gang. Der einspurige Tunnel der alten Bahnlinie von Varese nach Porto Ceresio wird von einem neuen doppelspurigen Tunnel unterfahren. Die Sohle des alten Tunnels wurde bereits vor drei Jahren aufwändig stabilisiert.

FMV 29 Tunnel Ost 1 FMV 30 Tunnel Ost 2

55 TunnelportalKonturen neues Tunnel von WestenFMV 31 Tunnel West     Das Bild unten links wurde vor zwei Jahren aufgenommen und zeigt sehr schön das Profil des in der Zwischenzeit bereits angestochenen Tunnels.

Auch auf dem letzten Teilstück zwischen dem Tunnel von Induno und der bestehenden einspurigen Talbrücke vor Varese wird gearbeitet. Der Aushub und die Arbeiten für die Haltstelle sind im Gang (leider sind die Fotos undeutlich).

FMV 32 Olona 1 FMV 33 Olona 2 FMV 34 Ponte 1 FMV 35 Ponte 2

Ausblick

Aufgrund meiner Beurteilung dürften die Bauarbeiten noch einige Zeit dauern, und dies auch nur unter der Voraussetzung, dass keine grösseren Probleme oder Schwierigkeiten bei der Finanzierung auftreten. Baulich besonders anspruchsvoll ist das Teilstück zwischen dem Ostportal des Tunnels bei Gaggiolo und der auf schweizerischem Gebiet bereits bis zur Grenze herangeführten Strecke von Stabio.

Auf der am 20. Juli 2015 montierten Bautafel bei der Talbrücke von Arcisate wird mit einer Fertigstellungsdauer von 790 Werktagen gerechnet. Daraus abgeleitet dürfte die Eröffnung bedauerlicherweise kaum vor Ende 2018 erfolgen.

FMV 2 Planung

Abschliessende Bemerkungen zum Projekt

Aus meiner Sicht wird dem Projekt aus schweizerischer Optik in bedauernswerten Ausmass die notwendige Aufmerksamkeit versagt. Dabei profitiert die Schweiz meines Erachtens von der neuen Eisenbahnlinie in bedeutend höheren Ausmass als Italien. Zudem sind die Bauarbeiten auf dem italienischen Teilstück – wie gezeigt – weitaus aufwendiger als im Mendrisiotto, die sich lediglich auf die Erweiterung einer bereits bestehenden Eisenbahnlinie ohne grössere Kunstbauten beschränkten. Auffallend ist auch die umweltschonende und beispielhafte Tieflegung der doppelspurigen Strecke in Italien ab der Grenze bis zur Talbrücke vor Varese.

Aus dieser Optik hätte sich eigentlich ein substantieller Beitrag der Schweiz an die Erstellungskosten auf der italienischen Seite aufgedrängt. Mit dem HGV-Kredit hätte eine Finanzierungsquelle zur Verfügung gestanden. Entnahmen wären mit der Zweckbindung des HGV-Kredits (Kreditrahmen von rund CHF 700 Mio. für Massnahmen für den Anschluss der Schweiz an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz) auf jeden Fall besser zu vereinbaren gewesen als die Entnahme von CHF 100 Mio. für den Tunnel bei Rosshäusern oder Zuschüsse an die Kosten für die Perronverlängerungen im St. Galler Rheintal bzw. geplante Subventionen der Elektrifizierung der Eisenbahnlinie im Allgäu.

Für mich – und ich bin ein Freund klarer Worte – ein weiterer Beweis für die völlig entgleiste Prioritätensetzung beim Ausbau des Schweizer Eisenbahnnetzes. Zu Dank verpflichtet sind wir jedoch der Region Lombardei für die Wiederaufnahme der Arbeiten in einer schwierigen Wirtschaftslage.

2. Röhre am Gotthard / Statement der Leitungsorgane der SBB / Würdigung

Aufgrund einer am 3. Januar 2016 in den Schweizer Medien breit kommentierten Meldung sollen sich die Leitungsorgane der SBB für den Bau der zweiten Röhre des Strassentunnels durch den Gotthard ausgesprochen haben. Möglicherweise wurden diese Aussagen von den Zuständigen bei den SBB relativiert und von den Medien gar plakativ verbreitet. Das ändert an der Brisanz der Aussage wenig. Zudem wirft es auf die Kommunikationsfähigkeit ein denkbar schlechtes Licht.

Der Ausbau der Strassenverbindung durch den Gotthard zu einer vollwertigen Autobahnverbindung fördert den Strassenverkehr und schwächt die Stellung der Eisenbahn im Personen- und im Güterverkehr – alles andere ist Augenwischerei. Mit anderen Worten wird der Modal Split zu Lasten der Schiene verschlechtert. Des weiteren wird die Belastung des Autobahnnetzes im Tessin und in den Ballungszentren Basel und Luzern weiter zunehmen und Ausbauten unumgänglich machen.

Natürlich gibt es gute Gründe für oder gegen den Bau des zweiten Tunnels durch den Gotthard. Jede Frau und jeder Mann hat das Recht auf eine eigene Meinung. Wenn sich aber die obersten Organe der SBB implizit für die Schwächung der Marktstellung des eigenen Unternehmens aussprechen, ist das bemerkenswert.

Wie erklären die Herren Gygi und Meyer ihre Aussagen beispielsweise einem Rangierarbeiter im Rangierbahnhof Limmattal, der selbst bei Sturm und Regen Nacht für Nacht Wagen kuppelt oder der Zugbegleiterin, die nachts in einem schlecht besetzten Fernzug massiven Belästigungen oder gar Gewalt von Fahrgästen ausgesetzt ist.

Für mich – ich bin ein Freund von klaren Worten – sind die zitierten Aussagen schlicht und einfach Hochverrat an der eigenen Sache. Punkt!

Biasca

Durchmesserlinie DML Zürich – Meister, die Arbeit ist …..

„Meister, die Arbeit ist fertig – soll ich sie gleich flicken?“ – dieses alte deutsche Sprichwort gilt für die Durchmesser-Linie nicht. In Zürich müsste es heissen: „Meister, die Arbeit ist noch nicht fertig, aber ich flicke sie gleich!“. Und dies aus mehreren Gründen:

Bekanntlich musste der Brückenkörper über den Pfeilern repariert werden, wie dieses Foto zeigt. Um ein „Auseinanderklappen“ der Brücke über den Auflagern zu verhindern, mussten Querstäbe eingebaut und mit einer Betonplatte geschützt werden. Und das alles, bevor der erste Zug über die Brücke fuhr.

DML Rampe 3

Diese Notmassnahme hat Folgen. So können die Geleise nicht in das übliche Schotterbett gelegt werden, sondern die SBB müssen entgegen ihren Normen die Schwellen in eine feste Fahrplanplatte einbetonieren. Da das physikalische Verhalten dieser Konstruktionsart unter anderem durch Schwingungen anders ist als bei einem Schotterbett, werden das Alterungsverhalten und die Lebensdauer der Spannbetonbrücke möglicherweise beeinträchtigt. Sicher ist hingegen, dass der Lärmpegel durch diese Konstruktionsart steigt.

DML Rampe 2

Nicht beseitigen lassen sich hingegen weitere funktionale Mängel der Rampen. Gemäss den aktuellen Normen dürfen wegen den Steigungen nicht alle heute möglichen Zugskompositionen über die Brücke fahren. Zudem fragt sich, weshalb die Brücke zur Erhöhung der Flexibilität nicht doppelspurig gebaut wurde.

Soviel zu der meines Erachtens auch städtebaulich enorm fragwürdigen Brücke von Altstetten zum Hauptbahnhof. Aber die als Jahrhundertwerk bezeichnete Durchmesserlinie hat weitere gewichtige Mängel. Hier nur zwei davon:

Trotz der erwarteten erheblichen Frequenzzunahme wurde nichts – wirklich nichts – unternommen, um die Bahn besser an das städtische Tram- und Busnetz anzubinden. Der Weg vom Westende des Bahnhofs Löwenstrasse beispielsweise zur Tramhaltestelle Bahnhofstrasse ist sehr lang – wenn man ihn wegen der fehlenden Signaletik überhaupt findet. Am besten nehme man für den beschwerlichen Weg einen Lunch und einen Kompass mit. Helfen würde auch ein GPS Track. Erstaunlich, dass dieser Mangel weder dem ZVV noch der Verkehrskommission des Kantonsrats aufgefallen ist. Löblich hingegen ist, dass es der in Verkehrsfragen nicht immer glücklich agierende Gemeinderat der Stadt Zürich gemerkt hat, wie der beiliegende Auszug aus der NZZ zeigt. Hier der Link: NZZ 2015_04_20 DML und VBZ Chapeau!

Und noch ein weiteres: Die erhoffte Frequenzzunahme wird sich nicht nur auf der Ost-West Achse einstellen, sondern auch auf anderen Destinationen wie Basel-Zürich-Chur oder Schaffhausen-Zürich-Tessin. Diese Züge werden wohl weiterhin die Hallengeleise benutzen. Die Passagierströme werden aus Komfortgründen ebenerdig über die Haupthalle führen.

DML HB 2

Und hier bestehen gemäss diesen beiden Bildern die altbekannten Engnisse fort – solche Gegebenheiten im Hauptbahnhof einer der reichsten Städte der Welt sind höchst bedenklich.

 DML HB 3

Wir sind uns gewohnt, dass Politiker und Beamte selbst ihren Untaten fröhlich applaudieren – das gehört zum Geschäft. Eher befremdend ist, dass die zahlreichen offenliegenden Geburtsfehler der Durchmesserlinie selbst von Bahnfreunden nicht thematisiert werden und man viel lieber zukunftsweisende Bahnbauten in unseren Nachbarstaaten kritisiert.

SBB Infrastruktur – Arroganz der Macht

Wenn ein privater Eigentümer bei einem hundertjährigen Stadthaus beispielsweise ein Balkongeländer ersetzen will, muss er in der Stadt Zürich ein aufwändiges Genehmigungsverfahren beschreiten. Unter Umständen kümmern sich mehrere Ämter mit gelegentlich kontroversen Auffassungen um sein Anliegen.

Dies gilt offensichtlich nicht für die SBB. Unweit des Muraltengutes – immerhin das eindrückliche Repräsentationsgebäude der Stadt Zürich – haben die SBB die im Engetunnel installierte Stromschiene über hundert Meter ins Freie verlängert. Die Tragkonstruktion ist massiv und stört den Ausblick der Gäste im Muraltengut sowie der Passagiere im nahe vorbeifahrenden Tram in höchstem Mass. Einfach scheusslich.

Enge 1

Dass es anders geht, haben die SBB gemäss diesem Bild in einer ähnlichen Situation bei der Tunneleinfahrt in Wipkingen bewiesen.Wipkingen

Weshalb – siehe oben – haben die zuständigen Stellen der Stadt Zürich dieses massive Ärgernis nicht verhindert? Und last but not Least – die Züge im Engemer Tunnel beziehen ihren Strom seit vielen Jahren über eine Stromschiene.

 

Ferrovia Mendrisio – Varese FMV – Stand und Vorschlag

Die Arbeiten an der neuen Eisenbahnlinie von Mendrisio nach Varese ruhen auf der italienischen Seite seit über zwei Jahren. Die schweizerische Teilstrecke zwischen der Grenze bei Gaggiolo und Mendrisio hingegen ist fertig. Zwischen Mendrisio und Stabio verkehren am Morgen und am Abend ein knappes Dutzend in der Regel dünn besetzter Züge.

FMV Brücke

Anlässlich einer erneuten Besichtigung am 9. Juni 2051 durfte ich feststellen, dass im letzten halben Jahr immerhin die Pfeiler für die Talbrücke über die Bèvera mit einer Ausnahme betoniert wurden, die Elemente für die Stahlbrücke geliefert und ein Feld bereits montiert ist. Ausser diesen löblichen Ausnahmen das bekannte triste Bild.

FMV Brückenelement

Ein Weg aus dem Schlamassel

Die vorbehaltlose Analyse des Nutzens dieser neuen Verbindung führt zu folgendem Ergebnis. Der Nutzen und die Kosten sind zwischen uns und Italien sehr ungleich verteilt. Die Schweiz profitiert weitaus stärker von der FMV und bezahlt bedeutend weniger. Weshalb? Nun, mit der FMV kann der Flughafen von Malpensa von Lugano aus mit der Bahn in weniger als einer Stunde erreicht werden. Zudem sollten sich die täglichen Staus auf den Schweizer Strassen im Südtessin durch den Autoverkehr der Grenzgänger – flankierende Massnahmen vorausgesetzt – erheblich zurückbilden. Des Weiteren sind die Bauten in Italien sehr viel aufwändiger – Tunnels, Talbrücke und Tieflegung.

FMV Tunneleingang

Nachtrag

Gemäss einer Meldung in der Ausgabe vom 10. Juni 2015 des Corriere del Ticino ist die Auftragsvergabe für die Fertigstellung des italienischen Teilstücks erfolgt. Die Arbeiten sollen mit dem Ziel einer Fertigstellung per 2017 im Juli 2015 wieder aufgenommen werden.

Hier der Link zum erwähnten Beitrag: Corriere del Ticino 2015_06_10 FMV

Aufgestauter Unterhaltsbedarf – Fragen an den Verwaltungsrat der SBB AG

Bekanntlich weist die Infrastruktur des Schweizer Eisenbahnnetzes einen enormen aufgestauten Unterhaltsbedarf auf. Die finanziellen Mittel für die Wiederherstellung eines einwandfreien Zustandes sind riesig. Die periodischen Aussagen der Führung der SBB folgen einer gewissen Gesetzmässigkeit – jedes Mal wird es teurer und dauert länger. Parallelen zur Berichterstattung über die Lage in Griechenland liegen auf der Hand – stets teurer und stets länger.

Die Kunden der SBB sind von den Auswirkungen in zweifacher Hinsicht betroffen – erstens sollen sie sich über höhere Billettpreise mit CHF 100 Mio. an den Kosten der Wiederinstandsetzung beteiligen und zweitens leiden sie in zunehmendem Mass unter den Auswirkungen der Schäden. Die Begründung der Verspätungs- oder Ausfallmeldungen mit „Schäden am Gleis“ ist sattsam bekannt.

Signal WP

Erstaunlich ist, dass die Frage nach der Verantwortung für dieses offensichtliche Malaise nicht gestellt wird. Dabei liegen schon seit mehreren Jahren Alarmsignale von Fachleuten und Behördenvertretern vor. So unter anderem von Sepp Moser in seinem lesenswerten Buch „Warnsignal“. Bei einem börsenkotierten Unternehmen wäre seitens der Aktionäre oder der Öffentlichkeit wohl der Ruf nach personellen Konsequenzen erfolgt – nicht so bei den SBB.

Nun, das Versagen des Verwaltungsrates liegt auf der Hand. Gemäss dem rechtlichen Rahmen gehört die Ausstattung des Unternehmens mit einem aussagefähigen Finanz- und Rechnungswesens zu den wichtigsten und nicht delegierbaren Aufgaben des Verwaltungsrates. Ist dies der zuständigen Bundesrätin überhaupt bekannt?

Besonders gravierend ist, dass offensichtlich keine aussagefähige Anlagenbuchhaltung geführt oder beachtet wird. Diese müsste – auf der Grundlage von regelmässigen Zustandsanalysen – den mutmasslichen Unterhaltsbedarf jederzeit und zuverlässig ausweisen.

Störend sind zweierlei. Erstens werden die Verursacher dieser Misere nicht zur Rechenschaft gezogen und bleiben für die Schadenbehebung in der Pflicht. Man macht den Bock zum Gärtner. Zweitens hat die SBB an ihre Spitzenleute infolge der zu hoch ausgewiesenen Gewinne zu hohe Boni ausgeschüttet. Abschreibungen sind bekanntlich Aufwand, und der Aufwand reduziert den Gewinn.

Eigentlich drängt sich der sofortige Rücktritt des Verwaltungsrates auf. Alles andere wäre ein Skandal.

Beteiligung der Bahnkunden an den gestiegenen Kosten des Bahnunterhalts

Gemäss verschiedenen Quellen erwägt (e) Frau Bundesrätin Leuthard, die Bahnkunden mit Preiserhöhungen von CHF 100 Mio. an den Kosten des erhöhten Unterhalts zu beteiligen. Dies hat auch an vielen Orten zu kritischen Stellungnahmen geführt. Nachstehend nehme ich zu dieser Kontroverse Stellung:

  1. Offensichtlich besteht ein erhöhter Unterhaltsbedarf. Dieser ist nicht zuletzt auf die Zunahme der Transportleistungen zurückzuführen. In Anbetracht der zunehmenden Meldungen über Schäden am Gleis, Weichenstörungen etc. dürfte der Bedarf tatsächlich bestehen.
  2. Erstaunlich ist, dass niemand davon gesprochen hat, die Mehrkosten durch Einsparungen bei den Betreibern des öffentlichen Verkehrs zu erzielen. Potential ist vorhanden. Dazu ein Beispiel: Mit dem Projekt „Gipfelsturm“ mussten die BLS innerhalb von zwei Jahren CHF 50 Mio. oder mehr als fünf Prozent ihres Aufwandes von rund CHF 950 Mio. einsparen – trotz dem angeblichen Fixkostencharakter ihrer Aufwendungen haben sie dieses Ziel erreicht.
  3. Überträgt man diese Koeffizienten auf die SBB, so müssten bei einem Bruttoaufwand von rund 8,3 Mia.(2012) rund CHF 400 Mio. einzusparen sein. Nun, als Kunde könnte man sich demnach auf den Standpunkt stellen, dass die uns zugedachten CHF 100 Mio. auf die Betreiber zu überwälzen sind.
  4. In wundere mich, dass in der Schweiz niemand die Frage nach der Verantwortung für den sich plötzlich zeigenden riesigen aufgestauten Unterhaltsbedarf stellt. Gemäss OR ist der Verwaltungsrat unter anderem für die Ausgestaltung eines aussagefähigen Finanz- und Rechnungswesens verantwortlich. Ein solches hätte den Bedarf viel früher und in seinen wahren Dimensionen zeigen müssen. Warnsignale und Warner waren vorhanden. Der Verwaltungsrat der SBB hat hier schlicht und einfach versagt, und die SBB haben wegen zu tiefen Abschreibungen überhöhte Gewinne ausgewiesen und – in der Folge – zu hohe Boni ausgeschüttet.

Ein paar Gedanken zur wirtschaftlichen Lage der Schweiz:

Trotz der gefühlten Hochkonjunktur wird der Bundeshaushalt 2014 mit einem Defizit abschliessen. Schuld daran sind unter anderem die Ausfälle aus der Unternehmenssteuerreform II.

  1. Und nun steht die Unternehmenssteuerreform III zur Debatte. Diese wird zu weiteren Steuerausfällen von ca. CHF 3 Mia. führen.
  2. Wir wollen eine starke Armee, aber zahlen soll sie ein anderer. Die NATO verlangt von ihren Mitgliedern, dass sie zwei Prozent ihres BSP für die Verteidigung aufwenden. Die Mehrzahl der Staaten hält diese Forderung zwar nicht ein, aber in der Schweiz liegt die Kennzahl wohl unter einem Prozent.
  3. Über 70 Prozent der neuen Stellen in den letzten Jahren wurden von der öffentlichen Hand geschaffen – ein ähnlicher hoher Anteil der frischgebackenen Akademiker erhielt in dieser Periode eine Stelle im Staatsdienst.
  4. Die Krankenkassenprämien werden Ende 2015 erneut steigen – man beachte die Combined Ratios der Krankenkassen für 2014.
  5. Mit anderen Worten – wir werden uns warm anziehen müssen. Die Flugjahre für Gaukler – dies der Titel eines älteren Buches von Rita Fluhbacher – sind vorbei.
  6. Dazu kommt Folgendes: Dem ökologischen Bewusstsein – und damit einem der Treiber für den öffentlichen Verkehr – weht plötzlich ein kalter Wind entgegen. Belege dafür sind die Wahlen im Kanton Zürich und das Debakel der Energiesteuerinitiative. Die Milchkuhinitiative steht vor der Tür, und der trotz unserem grossen Kampf wohl unausweichliche Bau der zweiten Gotthardröhre wird den Druck auf den Ausbau des Nationalstrassennetzes mittelfristig massiv erhöhen.

Noch ein Ansatz:

Erstaunlich ist ferner, dass die Möglichkeit von Einsparungen durch den Abbau von kaum beanspruchten Leistungen oder die Umstellung der Art der Leistungen nicht diskutiert wurde.

  1. Ich habe mir die Mühe genommen, aufgrund meiner intensiven Reisetätigkeit und der dabei gemachten Beobachtungen einige Vorschläge auszuarbeiten. Bei Bruttoeinsparungen von rund CHF 124,7 Mio. und Zusatzaufwendungen von CHF 33,7 Mio. haben meine Berechnungen zu Nettoeinsparungen von rund CHF 91 Mio. geführt.
  2. Die Tabelle liegt bei. Sie mag provokativ wirken, aber sie soll vor allem eine längst überfällige sachliche Diskussion anstossen.
  3. Seriöser wäre jedoch die Überprüfung von Strukturen. Dabei denke ich an die Reduktion der Zugskategorien und die Absolutheit des Taktfahrplans.
  4. Dies jedoch ist sicher der Holzweg: Die von Andreas Bieniok in der NZZ vom 14. April 2015 erwähnten ACHT Fernverkehrszüge zwischen Zürich und Winterthur – neben je zwei Paaren der S7, S8, S12 und S16 – sind schlicht und ergreifend wahnsinnig. Rund 10‘000 Sitzplätze pro Stunde von Zürich nach Winterthur, und dies in beiden Richtungen. Ebenso verfehlt sind zahlreiche Anforderungen im Rahmen des Ausbauschrittes 2030.

Hier geht es zur erwähnten Tabelle: Einsparpotentiale 2015_04_16