Vorbemerkungen
Der Internationale Personenverkehr (IPV) hat in den letzten Jahren vermehrt an Aufmerksamkeit gewonnen. Im Fokus sind vor allem direkte Züge aus der Schweiz nach Destinationen im Ausland. Flankierend sind erfreuliche Innovationen erfolgt. So ist es möglich, Billette für grenzüberschreitende Fahrausweise zu Zielen in die Nachbarländer der Schweiz über das Internet zu lösen.
Unseres Erachtens wird in Anbetracht der hochfliegenden Pläne für den IPV jedoch der grenzüberschreitende Personenverkehr über kürzere und mittlere Distanzen stark vernachlässigt. Dabei bietet sich hier in vielerlei Hinsicht ein erhebliches Potential an. Mit dem RE 80 steht ein beeindruckendes Erfolgsprodukt im Raum. Auch in Österreich wurden kürzlich analoge Produkte eingeführt.
Wir möchten uns in diesem Beitrag etwas näher mit dem grenzüberschreitenden Personenverkehr auf der Schiene auseinandersetzen.
Grenzüberschreitender Personenverkehr auf der Schiene
Grundsätzliche Betrachtungen zum IPV
Aus unserer Sicht wird das Potential des IPV für Reisen über vier Stunden oder mit einem geringen mutmasslichen Personenaufkommen stark überschätzt. Direktzüge aus der Schweiz in europäische Grossstädte sind nur für wenige Destinationen gerechtfertigt. Das gilt für Paris, München oder nach ausgesuchten Städten in Italien.
Die Fernzüge nach Wien oder zu Städten in Deutschland haben durchaus ihre Berechtigung. Aber sie können nur betrieben werden, weil sie in den jeweiligen Ländern eine wichtige nationale Erschliessungsfunktion wahrnehmen. Das gilt im Besonderen für die Railjet-Züge nach Wien oder ICE nach Hamburg oder Berlin. Die zahlreichen Halte führen jedoch zu verlängerten Reisezeiten. Das gilt aber auch für die Fernzüge aus der Schweiz nach Italien.
Wie einleitend angesprochen wird der IPV auf kürzere oder mittlere Distanzen viel zu wenig gefördert. Dabei bietet sich auf diesen Märkten ein grosses Potential an Fahrgästen oder als Zubringer zu ausländischen Knotenpunkten mit einem grossen nationalen und internationalen Angebot an Fernverkehrszügen.
Erfolgsprodukt RE 80
Die zwischen Locarno und Milano verkehrenden RE 80 haben sich als Erfolgsprodukt bestens bewährt und sind nicht mehr wegzudenken. Sie sind einerseits eine hoch leistungsfähige nationale Verbindung, und zwar sowohl zwischen Locarno und Lugano als auch zwischen Milano und den italienischen Städten bis zur Grenze. In den Hauptverkehrszeiten sind die in der Regel aus zwei sechsteiligen Flirt-Zügen bestehenden RE 80 gelegentlich überfüllt, da sie mit den günstigen Billetten des Regionalverkehrs benutzt werden können und praktisch gleich schnell unterwegs sind wie die Züge des Fernverkehrs.

Ein Beispiel aus Österreich
Mit der kürzlich in Österreich erfolgten Einführung des Interregio-Konzepts wurden die Fahrpläne zwischen Villach und Ljubljana sowie zwischen Graz und Maribor systematisiert und verdichtet. Zwischen Graz und Maribor verkehren Interregio-Züge im Stundentakt. Sie bedienen in Österreich zwei Stadtbahnhöfe von Graz und ab Kaindorf an der Sulm alternativ zu den Regionalzügen auch kleine Stationen wie Ehrenhausen. Die wenigen Fernverkehrszüge aus Österreich nach Zagreb oder Ljubljana fahren jeweils anstelle der IR in der gleichen Fahrplanlage. Gemäss unseren wenigen Beobachtungen sind die Züge gut belegt und werden auch im innerösterreichischen Verkehr rege benutzt.




Genf-Evian
Auch zwischen Genf und Evian fahren direkte Züge im Zweistundentakt. Wesentlich ist, dass diese mehrstromfähigen Züge nicht von dem für die französischen Züge reservierten Bahnsteig mit integrierter Pass- und Zollkontrolle abfahren, sondern von den «innerschweizerischen» Bahnsteigen.
Möglichkeiten für die Schweiz
Genf-Lyon
Heute besteht zwischen Genf und Lyon Stundentakt mit RER-Zügen der SNCF. Eingesetzt werden lokbespannte Züge oder Triebwagenzüge. Reisende aus der Schweiz nach Lyon müssen in Genf jeweils umsteigen. In Lyon besteht ein gutes Angebot an Fernverkehrszügen nach Marseille, Montpellier und Milano.
Wir meinen, dass direkte Züge von einer Schweizer Stadt wie beispielsweise Brig über Genf nach Lyon geführt werden sollten. Beispielsweise könnte man die IR 90 ab Brig oder die IR 15 nach Lyon durchbinden.
Basel-Strasbourg
Eine ähnliche Situation wie in Genf besteht in Basel, nämlich zwischen Basel und Strasbourg, Im Gegensatz zu Genf ist das Umsteigen beschwerlicher, indem in einen etwa 250 Meter entfernten Bahnhof gewechselt werden muss.
Sowohl in Mulhouse als auch in Strasbourg bestehen zahlreiche Anschlüsse an Fernverkehrszüge nach Zielen in Frankreich sowie nach Luxemburg und Belgien. Die Fahrt von Zürich nach Lyon über Mulhouse ist mindestens eine halbe Stunde schneller als diejenige über Genf.
Auch hier drängt sich das Durchbinden von Fernverkehrszügen aus der Schweiz nach Strasbourg auf – beispielsweise durch das Weiterführen der IR 36 oder IR 37.
Beurteilung der Machbarkeit
Viele Bahnfreunde in der Schweiz weisen auf die schwierige Zusammenarbeit mit Frankreich im grenzüberschreitenden Personenverkehr hin, nicht zuletzt auch wegen den Personen- und Zollkontrollen beim Grenzübertritt. Dabei funktioniert der Grenzübertritt zwischen Annemasse und Genf problemlos.
Zürich – Schaffhausen – Singen (und Stuttgart)
Hält man sich die Gegebenheiten zwischen Graz und Maribor vor Augen, bringt man der Fahrplanlage der Fernverkehrszüge zwischen Zürich und Singen kein Verständnis entgegen. Die IC verkehren zwischen Zürich und Schaffhausen ohne Halt – dies im Gegensatz zu den in Bülach und Zürich-Oerlikon haltenden RE 48 auf dieser Relation. Die Fahrplanlage der IC nach Schaffhausen mit Abfahrt in Zürich um xx.37 Uhr könnte sehr wohl an diejenige der in Zürich um xx.05 Uhr abfahrenden RE 48 angeglichen werden.
Es bereitet mir zunehmend Mühe zu beobachten, wie ein untertags schwach besetzter IC in Bülach ohne Halt durchfährt. Denkbar wäre auch, auf direkte Züge zwischen Zürich und Stuttgart zu verzichten und dafür alle RE 48 nach Singen zu führen – mit direktem Anschluss an die IC der DB nach Stuttgart. Letztere wären, wie das bereits heute gelegentlich der Fall ist, ab oder nach Konstanz zu führen. In der Regel hält sich die Anzahl der Fahrgäste in den IC von und nach Stuttgart zwischen Schaffhausen und Singen durchaus im Rahmen. Und noch weniger verständlich ist der aktuelle Preis von sagenhaften CHF 18.- für eine Fahrt mit dem IC zwischen Schaffhausen und Singen.
