Internationaler Personenverkehr – Status und Ausblick

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Die von Kurt Metz am 25. Oktober 2024 organisierte Fachtagung «Nachfrage Topp! – Angebot Flopp?» über den internationalen Personenverkehr auf der Schiene in und aus der Schweiz im Sommer 2024 und im Jahr 2025 stiess auf ein grosses Interesse. 30 Teilnehmende und 14 Referierende kamen im Business Center in Zürich in den Genuss von spannenden Referaten und diskutierten über den internationalen Personenverkehr auf der Schiene in und aus der Schweiz.

Der überwiegende Teil der an der Fachtagung behandelten Themen sind von anhaltender Aktualität und sollen in diesem Beitrag zusammengefasst wiedergegeben werden. 

Die Themen im Einzelnen

Einführung

Nach der Eröffnung der Tagung durch Kurt Metz begrüsst Gerhard Lob, Präsident der Bahnjournalisten Schweiz, die Anwesenden und unterstreicht die Aktualität des Themas. Während sich bei den Verbindungen von der Schweiz nach Deutschland oft dramatische Szenen abspielen, ist die Qualität des Bahnverkehrs dank TILO aus dem Tessin nach Italien besser geworden. Risiken bestehen hier durch häufige Streiks. Gerhard Lob sieht beim internationalen Personenverkehr grossen Handlungsbedarf, so unter anderem auch bei grenzüberschreitenden Fahrausweisen.

Optik von Pro Bahn Schweiz

Bastian Bommer, Vorstandsmitglied von Pro Bahn Schweiz, erläutert ausgehend von persönlichen Erfahrungen und von einer Lagebeurteilung die Position von Pro Bahn bezüglich des internationalen Personenverkehrs aus und in die Schweiz. Die internationalen Verbindungen sind gemäss der Perspektive Bahn 2050 auf denjenigen Strecken auszubauen, auf denen die Bahn im Vergleich zum motorisierten Individualverkehr und zum Flugverkehr bezüglich der Reisezeit nicht wettbewerbsfähig ist. Das gilt sowohl für den Verkehr in die Schweiz und aus der Schweiz als auch zum Transitverkehr.

Die Nachfrage hat sich mit einer Zunahme von sechzig Prozent in den letzten zehn Jahren erfreulich entwickelt. Während das Angebot auf einigen Relationen ein zufriedenstellendes Niveau erreicht hat, sind wichtige Ziele mit der Bahn aus der Schweiz immer noch nicht oder nur schwierig zu erreichen.

Beurteilung von ausgesuchten Relationen des internationalen Reiseverkehrs aus der Schweiz (grün: Angebot besteht, rot: Angebot fehlt).

Bastian Bommer veranschlagt das Potential für ein weiteres Wachstum bis 2050 auf 150 Prozent. Die Attraktivität des internationalen Personenverkehrs setzt gemäss Bastian Bommer folgende Massnahmen voraus:

  • Direkte Verbindungen aus allen Landesteilen der Schweiz zu vielen attraktiven Destinationen im Ausland
  • attraktiven Umsteigemöglichkeiten und kurze Wege in den Zwischenbahnhöfen
  • Genügend Liegeplätze in Nachtzügen durch neues Rollmaterial
  • Günstige Preise und transparentes Tarifsystem
  • Bedienerfreundliches Buchungssystem und Ausdehnung des Buchungszeitraums
  • Verbesserung der Kundenfreundlichkeit und der Kulanz bei Störungen

Bastian Bommer konkretisiert die Forderungen von Pro Bahn Schweiz mit dieser Übersicht:

Aktueller Stand und Zukunft des Internationalen Personenverkehrs der SBB

Werner Ebert, Leiter Markt Deutschland und Österreich bei den SBB, legt einleitend anhand einiger Kennzahlen die Bedeutung des Internationalen Personenverkehrs bei den SBB dar. Zugreisen mit der Bahn ins Ausland sind schon heute für viele Reisende und Destinationen eine gute Alternative.

Übersicht über die heute von der Schweiz aus verkehrenden direkten Züge ins Ausland. Bis 2050 wird eine Zunahme zwischen 100 Prozent und 150 Prozent angestrebt.

Die SBB ist gewillt, das Potential des internationalen Personenverkehrs auch weiter auszuschöpfen. Die erfreuliche Zunahme seit 2016 ist zugleich Ansporn und Verpflichtung. Folgende Eckpunkte stehen im Fokus der strategischen Massnahmen:

Strategische Eckpunkte der SBB für den Ausbau des internationalen Personenverkehrs.

Das heutige Erfolgsmodell der Internationalen Kooperation bietet mannigfache Vorteile und hat sich bewährt. Die SBB wollen an dieser Kooperation festhalten.

Wichtigste Kooperationspartner der SBB im internationalen Personenverkehr und der sich aus der Kooperation ergebende Nutzen.

In den letzten Jahren wurde einiges erreicht. So wurden Tagesverbindungen beispielsweise nach München ausgebaut, und die neuen Nachtzüge der ÖBB werden die Attraktivität des Nachtzugsverkehrs erhöhen. Neue Angebote sind in Prüfung. Auch das Lösen von Fahrausweisen in die umliegenden Länder ist seit 2023 mit gewissen Einschränkungen möglich. Die Standardisierung des Vertriebs auf der internationalen Ebene wird im Rahmen der «Ticketing Roadmap» der Community of European Railways and Infrastructure Companies (CER) aktiv mitgestaltet.

Beim Ausbau des Netzes gelten bei den SBB folgende Prioritäten:

Prioritäten der SBB für weitere Verbindungen für den internationalen Reiseverkehr.

Angebots- und Nachfrageentwicklung am Simplon und Entwicklungen im Incoming

Ilona Ott, Leiterin Relations Italien bei der BLS, zieht eine positive Bilanz über die Entwicklung des Italiengeschäfts der BLS AG seit 2016. Das neue Angebot wurde vom Markt gut aufgenommen, und der Mischverkehr mit den SBB hat sich bewährt. Die Kurzwende in Domodossola ermöglicht eine effiziente Produktion. Die Zunahme basiert auf dem Grenzgänger- und dem touristischen Verkehr.

Entwicklung der Nachfrage in den Zügen der BLS zwischen Brig und Domodossola.

Die Perspektiven für die kommenden Jahre sind günstig. Allerdings sind unter anderem als Folge von Bauarbeiten anspruchsvolle Herausforderungen zu bewältigen.

Perspektiven und Herausforderungen beim grenzüberschreitenden Personenverkehr der BLS.

Die betrieblichen Massnahmen wurden unter anderem mit der Schaffung von Spezialangeboten für den italienischen Markt bzw. mit grenzüberschreitenden Fahrausweisen und Tarifen ergänzt. Diese sind ausschliesslich auf den Transportmitteln der BLS AG gültig. Die Preise sind gegenüber den innerschweizerischen Tarifen günstiger. 2023 haben über 18’000 Kunden aus Italien von der zu CHF 62.- erhältlichen Tageskarte profitiert. Auch wird der italienische Markt mit gezielten Angeboten wie etwa den «Trenino Verde delle Alpi» bearbeitet.

Sorgen bereitet die ausgeprägte Saisonalität der Verkäufe. Dies führt an Spitzentagen zu Kapazitätsengpässen und gelegentlich zu Qualitätsproblemen.

Saisonale Entwicklung der Nachfrage zwischen 2023 und 2024.

Rückblick auf Olympia-Verkehre nach Paris, aktuelle Aktivitäten und Projekte

Gert Fässler, Chief Commercial Officer (CCO) von TGV Lyria, erläutert die Erfolgsfaktoren der TGV Reisen aus der Schweiz nach Paris während den Olympischen Sommerspielen. So nutzten über 650 Sportler und Funktionäre den TGV für die Reise nach Paris. Ein Zug wurde mit Emblemen der Spiele laminiert. Im ersten Semester 2024 wurden Reisen mit dem TGV an die Olympischen Spiele speziell beworben. Die Zuverlässigkeit des Bahnverkehrs wurde durch den Verzicht auf Unterhaltsarbeiten auf den TGV-Strecken wesentlich verbessert.

Die Verschiebung der Unterhalts- und Bauarbeiten in das laufende Jahr kann zu Qualitätsproblemen führen. Durch gezielte Massnahmen sollen die negativen Auswirkungen für die Reisenden minimiert werden. Bei Streckensperrungen sollen die Züge umgeleitet werden. Bei Zugsausfällen werden die unmittelbar vorausfahrenden oder folgenden Züge verstärkt.

Der Service im Zug soll durch eine bessere Bordgastronomie, Internet und Infotainment Angebote ausgebaut werden. Der TGV zwischen Genf und Marseille wird ab dem Sommer 2025 voraussichtlich nach Lausanne weitergeführt.

Sorgen bereit der zunehmende Mangel an TGV-Zugseinheiten in Frankreich. Da TGV Lyria aber über eigene Züge verfügt, wirken sich die Engpässe im Verkehr mit der Schweiz kaum aus. Auch sind die Trassenpreise in Frankreich relativ hoch.

Entwicklung des grenzüberschreitenden Regionalverkehrs mit Italien

Christoph Kölble, Direttore Dimensionamento Orari e Servizi bei TILO, stellt eine kurze Präsentation des grenzüberschreitenden Nahverkehrsunternehmen Treni Regionali Ticino-Lombardia SA, kurz TILO, an den Anfang seines Referats. Das Unternehmen wurde 2004 von den SBB und Trenitalia gegründet und hat seinen Sitz in Bellinzona.

TILO kann seit der Gründung auf eine beeindruckende Erfolgsgeschichte zurückblicken. Neben dem innerschweizerischen Regionalverkehr betreibt TILO mit grossem Erfolg grenzüberschreitenden Regionalverkehr mit direkten Zügen nach Mailand und zu den Flughäfen von Malpensa. Eingesetzt werden exklusiv mehrstromfähige Flirt-Züge aus dem Hause Stadler. Diese sind auch bei Pendlern im inneritalienischen Verkehr sehr beliebt.

Aktuelles Streckennetz von TILO.
Entwicklung von TILO und Meilensteine seit der Gründung im Jahr 2004 (Teil 1).
Entwicklung von TILO und Meilensteine seit der Gründung im Jahr 2004 (Teil 2).

In der Schweiz ist TILO eingebunden in den Tessiner Verkehrsverbund Arcobaleno. Für den grenzüberschreitenden Verkehr werden günstige Fahrausweise angeboten. So kostet eine Fahrt mit TILO von Chiasso nach Mailand etwa ein Drittel des Fernverkehrstarifs. Zudem dauert die Fahrt gleich lang wie mit den Zügen des Fernverkehrs und bietet vor allem für Reisende mit Gepäck mehr Komfort. In Italien können die Züge von TILO mit Fahrausweisen des lombardischen Verkehrsverbundes benutzt werden.

Das qualitativ hochstehende und laufend erweiterte Angebot von TILO hat sich in einer stürmischen Entwicklung der Fahrgastzahlen niedergeschlagen. Seit der Gründung hat sich die Anzahl der Reisenden mehr als verdreifacht. In den Statistiken erkennt man im August die Auswirkungen von Ferragosto, der landesweiten Ferienperiode in Italien.

Differenzierte Entwicklung der Nachfrage bei TILO in den letzten zehn Jahren.
Entwicklung der Nachfrage bei TILO im Verlauf von 2022 und 2023.

TILO ist weit mehr als eine Pendler- und Schülerbahn. Die Züge werden im innerschweizerischen Verkehr mit steigender Tendenz auch an den Wochenenden benutzt.

Entwicklung der Personenfahrten (PF) von TILO an Werktagen und Wochenenden.

Das Angebot von TILO soll auch in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden. Endlich vorgesehen ist, dass mit einer neuen S-Bahn Linie S50 die heute viel zu lange Reisezeit von Lugano nach Malpensa spürbar verkürzt wird. Meines Erachtens wäre es besser, die heute nur bis Chiasso fahrenden Züge der S80 ab Mendrisio nach Malpensa umzuleiten und auf die S50 zu verzichten.

Eher skeptisch beurteile ich persönlich die Absicht, Züge aus der Schweiz über Molteno nach Lecco zu führen. Die vor einigen Jahren wieder eröffnete Regionalbahnstrecke ist zurzeit nicht elektrifiziert. Heute wird diese Relation von Como San Giovanni aus weitgehend mit dieselbetriebenen GTW der Firma Stadler Rail bedient.

Eigenheiten im grenzüberschreitenden Verkehr als grosse Herausforderungen wurden von TILO bis dato gut gemeistert. Ungelöst ist das Problem der für die italienische Passagiere viel zu teuren Fahrausweise für die relativ kurze Fahrt mit der direkten S40 von Como San Giovanni über Mendrisio nach Varese von CHF 8.70.  Aus meiner Sicht bei Weitem kein marktfähiges Angebot.

Erfahrungen von TILO beim grenzüberschreitenden Verkehr mit Italien.

Christoph Kölble schliesst sein Referat mit einem Überblick über die Erfolgsfaktoren im grenzüberschreitenden Regionalverkehr.

Erfolgsfaktoren bei TILO für den grenzüberschreitenden Verkehr und die Kooperation mit den italienischen Partnern.

Railtour Suisse

René Böhlen, Head of Marketing von Railtour Suisse, schildert die Entwicklungen und die Erfahrungen von Railtour in der Sommersaison 2024 und stellt Forderungen an die Bahnen für 2025. Gemeinsam mit Partnerbahnen, Hotels und Veranstaltern fördert Railtour die nachhaltige Ferienmobilität in Europa.

Ein einzigartiges Buchungssystem ermöglicht Railtour eine Vielzahl von Vertriebskanälen zu nutzen und Kunden Paketlösungen anzubieten. Railtour ist spezialisiert auf Städtereisen in Europa und bietet darüber hinaus weltweite Bahnerlebnisse an. Die Kunden von Railtour profitieren von über 50 Jahre Erfahrung und geniessen eine optimale Betreuung vor und während der Reise.

Railtour verfügt über ein dichtes und bewährtes Netzwerk mit Bahnen, Tourismusorganisationen und ausgesuchten Regionen.

Partner von Railtour.

In den letzten Jahren hat Railtour von der steigenden Beliebtheit der Bahnreisen ins Ausland profitiert. Auch gegenüber dem Luftverkehr ist Railtour konkurrenzfähig. 2022 war die Anzahl Reisen mit der Bahn und mit dem Flugzeug etwa gleich hoch. Dennoch sind Reisen mit dem MIV – jedoch mit sinkendem Anteil – immer noch weitaus häufiger.

Modalsplit bei den Reisen von der Schweiz ins Ausland.

Was schon gut ist, kann immer noch besser werden, wie die Forderungen von Railtour an die Bahnen zeigen. Ein grosses Problem besteht darin, dass die Buchungsfristen von Angeboten von Railtour länger sind als diejenigen der Bahnen. Das führt dazu, dass Pauschalreisen angeboten werden müssen, hinter denen noch keine verbindlichen Reservationen der Bahnreisen stehen. Das ist für Railtour mit einem beträchtlichen Überwachungsaufwand und mit Risiken verbunden.

Forderungen von Railtour an die Partnerbahnen.

Ein weiteres Potential für seine Angebote sieht Railtour in einer generellen Förderung der Freizeitmobilität ins Ausland, im Besonderen durch die nachgenannten Massnahmen.

Massnahmen für die Förderung der umweltfreundlichen Auslandreisen per Bahn.

Simple Train

Marius Portmann, CEO, und Saskia Biland von Simple Train präsentieren ihr 2019 als einfache Buchungsplattform gegründetes Unternehmen. Gefördert wurde das Startup mit Mitteln aus dem Migros-Pionierfonds. Heute beschäftigt das auf die Vermittlung von internationalen Zugreisen ausgerichtete Unternehmen sieben Mitarbeitende.

Am 13. Januar 2025 wurden Simple Train und zwei weitere Organisationen durch den Zürcher Kantonsrat mit dem Förderpreis des Kantons Zürich ausgezeichnet. Beworben hatten sich 102 Organisationen, von denen acht in die engere Auswahl gelangten.

Saskia Biland orientiert mit folgender Graphik über die Kennzahlen 2024 von Simple Train. Simple Train verfügt über eine hohe Expertise über das europäische Bahnsystem und unterhält Partnerschaften mit Agenturen,

Reisen können entweder direkt über die leistungsfähige Website von Simple Train oder telefonisch gebucht werden. Für die Vermittlung der Reisen erhebt Simple Train eine Kommission zwischen vier und 18 Prozent.

Kennzahlen 2024 von Simple Train.

In den ersten drei Quartalen 2024 setzte Simple Train CHF 1.95 Mio. um. Hochgerechnet auf das ganze Jahr schätze ich den Umsatz auf CHF 2.80 Mio. Mit einer geschätzten durchschnittlichen Marge von zwölf Prozent dürfte ein Bruttoertrag von etwa CHF 340’000.- resultieren. Das zeigt, dass bei Simple Train viel Enthusiasmus und Herzblut vorhanden sind.

Schweiz Tourismus – Erwartungen an Bahnpartner und Perspektiven

Luciano Giordani, Head of Touring Tourism von Schweiz Tourismus, präsentiert sein Unternehmen. Schweiz Tourismus blickt auf eine über hundertjährige Vergangenheit zurück. 1996 wurde die Schweizerische Verkehrszentrale (SVZ) in Schweiz Tourismus umbenannt. Die Organisation steht unter der Aufsicht des Bundesrates und wird zur Hälfte aus den Mitteln des Bundes finanziert. Den Rest steuern Tourismusverbände und Ditte bei. Das Unternehmen mit Sitz in Zürich beschäftigt 240 Mitarbeitende und ist in 27 Ländern präsent.

Schweiz Tourismus verfügt über detaillierte Statistiken über den Tourismus in der Schweiz. Luciano Giordani präsentiert daraus ein paar interessante Fakten über die Herkunft und das Reiseverhalten der Touristen in der Schweiz.

Gemäss Wikipedia wurden 2023 in der Schweiz rund 23.3 Mio. Touristen gezählt, die für knapp 56 Millionen Übernachtungen sorgten – beide Werte stiegen das zweite Jahr in Folge deutlich an und erreichten damit fast wieder das Niveau vor Corona. Der Anteil der ausländischen Gäste lag bei 50.1 Prozent.

Wichtigste Herkunftsländer der ausländischen Touristen in der Schweiz.

Etwa ein Fünftel der ausländischen Touristen reisten mit der Bahn an. Mit je rund 35 Prozent erfolgten die Anreisen mit dem Flugzeug oder dem Auto.

Modalsplit der Reisen der ausländischen Gäste in die Schweiz.
Charakteristika der mit der Bahn aus dem Ausland anreisenden Touristen in die Schweiz.

Der Verkehr ist für rund ein Viertel der touristischen Wertschöpfung in der Schweiz verantwortlich. Bei der An- und der Rückreise entfällt jedoch knapp die Hälfte davon auf den Luftverkehr. Bedeutend höher jedoch ist der Anteil des öffentlichen Verkehrs an den innerschweizerischen Reisen der Touristen – wohl nicht zuletzt wegen den weltberühmten Fernzügen auf dem Meterspurnetz und dem dichten Netz an Bergbahnen. Erfreulich ist, dass die Bahngesellschaften im umliegenden Europa, so vor allem die DB, bestrebt sind, mehr Touristen in die Schweiz zu befördern.

Bruttowertschöpfung des Tourismus in der Schweiz nach Produkten im Jahr 2017.

Schweiz Tourismus ist bestrebt, die lokalen und saisonalen Spitzen in den Tourismusdestinationen zu glätten, und hat diesbezüglich einiges erreicht. So nimmt die Nutzungsdauer des Swiss Travel-Passes seit einigen Jahren kontinuierlich zu.

Entwicklung der Nutzungsdauer des Swiss Travel Pass als Indikator für die Dauer des Aufenthalts.

Zeitersparnispotentiale durch eine kontinentale Fahrplanoptimierung der IPV-Korridore in Europa

Matthias Garcia, Doktorand an der ETH Zürich, hat eine beeindruckende Analyse vorgelegt, welche das grosse Potential für Fahrzeitverkürzungen durch eine bessere Abstimmung der Fahrpläne im internationalen Personenverkehr Europas zeigt. Die Arbeit wurde am 18. September 2024 mit dem renommierten Prix Litra 2024 ausgezeichnet.

Matthias Garcia hat aus den Fahrplänen aller europäischen Eisenbahngesellschaften eine umfangreiche Datenbasis über den internationalen Personenverkehr erarbeitet. Darauf ausbauend wurden die möglichen Fahrzeitverkürzungen errechnet, die sich durch die Verkürzung der Aufenthaltszeiten beim Grenzüberschritt ergeben würden.

Die Ergebnisse dieser Analyse zeigen, dass der Nutzen der verhältnismässig günstigen Fahrplanoptimierung höher ist als die Zeitersparnis durch den teuren Bau von nationalen Hochgeschwindigkeitsstrecken.

Kosten und Nutzen der Optimierungsansätze (Fahrpläne und Bau von HG-Strecken).

Anhand von Schaubildern zeigt Matthias Garcia den Nutzen des Ausbaus des Hochgeschwindigkeitsnetzes, der Fahrplanoptimierung und der kombinierten Anwendung beider Massnahmen.

Grafische Modellierung des Nutzens der Optimierungsansätze.

Für mich nicht erkennbar war, wie weit die Kosten der Anpassungen der nationalen Fahrpläne für die Verkürzung von grenzüberschreitenden Zugreisen, die gelegentlich zeitaufwendigen Formalitäten beim Grenzübertritt oder bauliche Massnahmen für rasches Umsteigen berücksichtigt wurden. Die in englischer Sprache vorliegende Arbeit kann bei mir bestellt werden.

Twiliner – komfortable Nachtbusse als Ergänzung zu Nachtzügen

Luca Bortolani, Mitgründer und CEO von Twiliner, präsentiert sein Unternehmen und das Angebot. Twiliner ist ein junges und aus verschiedenen Quellen finanziertes Startup. Mit komfortablen und modernen Nachtbussen will Twiliner eine Alternative zu den Nachtzügen bieten.

In diesem Jahr soll der Verkehr auf einer Testverbindung zwischen Amsterdam und Barcelona aufgenommen werden. Der Fahrpreis pro Weg ist gestaffelt und beträgt mindestens CHF 180.-. Ab 2027 soll das Netz ausgebaut werden.

Ab 2027 angestrebtes Streckennetz von Twiliner.

Twiliner verfügt über keine eigenen Fahrzeuge. Die Busse werden vom luxemburgischen Carunternehmen Emile Weber und vom belgischen Carbetreiber Staf Cars betrieben. Der für den Pilotbetrieb bereitstehende Bus verfügt über 21 Schlafsitze und eine geräumige Toilette. Duschen ist nicht möglich.

Luca Bortolani kritisiert die steuerliche Begünstigung des Flugpetrols in der Schweiz. Durch die Befreiung von der MWST und die fehlende Unterstellung unter den Treibstoffzoll entgehen der Schweiz jährlich je etwa CHF 1.3 Mia. Die Nachtbusse von Twiliner weisen bei Vollbesetzung im Vergleich zur Eisenbahn eine überraschend günstige CO2-Bilanz pro Personenkilometer aus.

Anfall von Treibhausgasen bei Twiliner im Vergleich mit anderen Verkehrsmitteln.

Mit Twiliner vergleichbare Angebote existieren weltweit in mehreren Ländern. Interessant wird sein, wie Flixbus als mächtiger Anbieter von in der Nacht verkehrenden Bussen auf das Angebot von Twiliner reagieren wird. Twiliner erwägt bis auf weiteres keine Tagbusse.

European Sleeper: Starting up a Night Train

Rob Gelissen, Operations Manager von European Sleeper, ist leider unabkömmlich. Kurt Metz hat sich mit ihm abgesprochen und präsentiert an der Stelle von Rob Gelissen das Unternehmen European Sleeper.

European Sleeper wurde am 14. Januar 2021 in Utrecht als belgisch-niederländische Genossenschaft für den Nachzugverkehr gegründet. Der erste Nachtzug verkehrte am 25. Mai 2023 zwischen Berlin und Brüssel. Seit 2024 fährt ein Teil des Zuges weiter nach Prag. Kürzlich wurde eine saisonale Verbindung zwischen Brüssel und Venedig eingerichtet. Weitere Strecken sind geplant.

Vorteile des Nachtzugverkehrs aus der Sicht von European Sleeper.
Kennzahlen 2024 von European Sleeper.

Der Nachtzug von Berlin nach Brüssel fährt während dem ganzen Jahr dreimal pro Woche. Der auf Wintersportler ausgerichtete zweite Zug von Brüssel nach Venedig verkehrt von Januar bis Februar zweimal pro Woche.

Wie einleitend geschrieben, ist European Sleeper eine Genossenschaft. Man kann sich ab EUR 2’500.- an der Genossenschaft beteiligen und profitiert als Genossenschafter von Vergünstigungen.

Angeboten werden Sitz-, Liege- und Schlafwagen. Am 18. Januar 2025 lagen die Preise für eine Fahrt von Brüssel nach Berlin für Reisen am 20. Januar 2025  je nach Wagenklasse zwischen EUR 59.- und EUR 179.-, was vergleichsweise günstig ist.

Nachstehend zwei Schaubilder a) zu den betrieblichen Herausforderungen und b) zu den finanziellen Herausforderungen.

Betriebliche Herausforderungen für European Sleeper.
Ökonomische Herausforderungen für European Sleeper.

Für die mittelfristige und langfristige Zukunft hat sich European Sleeper eine klare Marschrichtung und ehrgeizige Ziele gesteckt.

Visionen und langfristige Ausrichtung von European Sleeper.

Abschliessende Bemerkungen

Wiederum eine intensive und gehaltvolle Fachtagung von Kurt Metz. Dafür danke ich ihm und den Referenten bestens. Die Schaubilder in diesem Bericht wurden den präsentierten Unterlagen entnommen, und das Bannerbild der Website der SBB. Auch dafür besten Dank.

Dieser Bericht wurde mit grosser Sorgfalt erarbeitet. Dennoch kann keine absolute Richtigkeit garantiert werden. Zudem wurden aktuelle Informationen und solche aus dem Internet sowie von einer früheren Fachtagung eingearbeitet.

3 Gedanken zu „Internationaler Personenverkehr – Status und Ausblick

  1. Der umfangreiche Bericht gibt einen guten Überblick über die leider nicht durchwegs erfreuliche Situation. Die stark steigende Nachfrage kann vom nur mässig gebauten Angebot immer schlechter aufgenommen werden, bei gleichzeitig teilweise immer noch zweifelhafter Qualität.
    Bedauerlich ist, dass der IPV auch in Schweiz bei der Betriebsführung immer öfter als Störfaktor gesehen und nachrangig behandelt wird. Gleichzeitig erhält der oft hoch subventionierte Nahverkehr Vorrang.
    Als absurde Krönung dessen schleppen wir immer mehr Reisende, die in ausgebuchten EC-Verbindungen keinen Platz mehr finden oder wegen Verspätungen ihre Anschlüsse verpassen, mit RE durch halb Europa (zum Beispiel Bern – Milano im Regionalverkehr mit Umstieg in Domodossola und einer 50% längeren Fahrzeit).
    Ein Teil der Zuwächse dort dürften auf die Mängel im IPV zurückzuführen sein.

    Ein Ausbau des IPV-Angebots und eine bessere Qualität desselben sind vorrangig.

    • «Bedauerlich ist, dass der IPV auch in Schweiz bei der Betriebsführung immer öfter als Störfaktor gesehen und nachrangig behandelt wird. Gleichzeitig erhält der oft hoch subventionierte Nahverkehr Vorrang.»

      Meiner Ansicht nach sollte das im letzten Satz beschriebene betriebliche Vorgehen auch genauso bleiben. Im Nahverkehr zählt vor allem hierzulande jede Minute, da die Umsteigezeiten im internationalen Vergleich extrem kurz sind. Grosse Verspätungen im IPV sind ebenfalls ärgerlich, haben allerdings eine weitaus geringere Negativwirkung auf die Netzstabilität insgesamt als grössere Verspätungen im Nahverkehr bzw. im nationalen Fernverkehr.

      Ansonsten stimme ich ihren Ausführungen zu. Auf der Linie Bern-Milano wäre z. B. ein lückenloser Zweistundentakt ein der Nachfrage gerechtes Angebot, welcher im stündlichen Wechsel mit der Eurocity-Linie Genf-Sion-Milano verkehren könnte.

      Auch an anderen Stellen könnte das Angebot ohne grössere zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur verbessert werden. U. a. der Stundentakt Zürich-München, Stundentakt Genf-Lyon, Direktverbindung Zürich-Strasbourg sowie auch ein Zweistundentakt auf der Strecke Basel-Luzern-Milano mit einzelnen Zügen von/nach Deutschland

  2. Vielen Dank für diesen Überblick, was die Schweiz leistet ist einmalig, Leman Express, Tilo, Wiesentalbahn etc. Anderswo liegt es im Argen. Versuche man doch einmal, wo wie ich in den 70-er Jahren ein Billett von Coimbra nach Basel am Bahnhof kaufen konnte und ein Freund eines von Düsseldorf nach Istanbul, geht heute nicht. Oder suche man einen Fahrplan von Genua nach Nizza oder Marseille, die elektronischen Fahrpläne geben es nicht an, resp. die DB via Zürich! Aber es gab dort früher einen TEE, heute kann der Detektiv herausfinden dass man mehrmals täglich nach Ventimiglia und dann weiter halbstündlich nach Nizza, Marseille fahren kann. Zürich – Brüssel war eine Paradestrecke, heute geht es teuer über Paris oder mit 4 oder 5 mal Umsteigen den ganzen Tag. Und so weiter. Evian – St. Gingolph, die Tonkin-Linie, vom Gras überwachsen. Zwischen Belgien und Frankreich die meisten Linien stillgelegt. Und man kann noch vieles derartiges finden. Schade! Die EU hat die europäische Integration vernichtet.

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