Genova – Ventimiglia / Eindrücke und Folgerungen

Vorbemerkungen

Die Eröffnung eines weiteren Teilstücks der Modernisierung der Eisenbahnlinie von Genova nach Ventimiglia am 11. Dezember 2016 war Anlass, vor Ort einen Augenschein zu nehmen. Die Eindrücke waren überwältigend.

Die als PDF-Datei beiliegende Übersicht Etappen Genova-Ventimiglia und die unten präsentierte Tabelle vermittelt einen Überblick über die Strecke. Die Angaben basieren auf dem „Eisenbahnatlas Italien“ von Schweers+Wall und einem Artikel von P. Wick in der Ausgabe 1/2017 der Schweizer Eisenbahn-Revue.

Überblick

Die 155 km lange Eisenbahnlinie zwischen Genova Piazza Principe und Ventimiglia wurde zwischen 1856 und 1872 in mehreren Etappen als einspurige Strecke gebaut. Sie folgte mehr oder weniger der oft steil ins Meer abfallenden Küste und wies enge Kurvenradien mit einem Radius von unter 350 m auf. Die Strecke wurde relativ früh elektrifiziert. Ab 1916 wurde das erste Teilstück zwischen Genova und Savona und ab 1931 das zweite zwischen Savona und Ventimiglia elektrisch betrieben.

Die Strecke von Genova nach Ventimiglia – und besonders das Teilstücke von Savona nach Ventimiglia – gehört zu den eher peripheren Relationen in Italien. Zurzeit verkehren in jeder Richtung täglich 3 EC „Thello“, 5 IC und zwei Dutzend Regionalzüge. Der durchlaufende Güterverkehr ist spärlich. Nachstehend ein Kartenausschnitt aus Wikipedia:

Die Anordnung der Strecke und die wenigen Kreuzungsmöglichkeiten führten zu langen Reisezeiten. Selbst die schnellsten Reisezüge benötigten für die relativ kurze Strecke über drei Stunden. Die Reisezeit der Regionalzüge dauerte über fünf Stunden. Verständlicherweise erfolgten zu Beginn des 20. Jahrhunderts erste Überlegungen für den Ausbau der Strecke. Zwischen 1925 und 1955 erfolgten vorab im Bereich der grösseren Städte kürzere Ausbauten auf Doppelspur. Es zeigte sich jedoch, dass eine grundlegende Modernisierung eine weitgehende und teure Neutrassierung mit einem hohen Anteil an Tunnels unumgänglich machen würde. Damit verbunden war leider ein Verzicht auf die landschaftlich einmalige Streckenführung entlang der Küste.

Ausbauschritte

1968 wurde das 18 km lange Teilstück zwischen Genova Voltri und Varazze eröffnet, und 1977 folgte das 30 km lange zweite Teilstück zwischen Varazze und Finale Ligure.  Bei beiden Etappen handelt es sich de facto um für 150 km/h ausgelegte Neubaustrecken mit einem Tunnelanteil von über 60 Prozent. Beim zweiten Ausbauschritt wurde der Bahnhof von Savona an den Rand des Stadtzentrums verlegt. Dazu vier Bilder:

Nach langen Vorbereitungen wurde 2001 zwischen San Lorenzo und Ospedaletti eine weitere 24 km lange und für 200 km/h trassierte Etappe in Betrieb genommen. Im Zuge dieses Ausbaus wurde der Stadtbahnhof von San Remo in das Berginnere verlegt. Auch dieses Teilstück verläuft weitgehend in Tunnels. Das erste Bild wurde im Bahnhof von Taggia Arma aufgenommen.

2016 folgte zwischen Andora und San Lorenzo ein weiteres 19 km langes, weitgehend im Berg verlaufendes und für 200 km/h trassiertes Teilstück. Mehrere Bahnhöfe mussten aus den Zentren der früher durchfahrenen Ortschaften verlegt werden. Einzelne Bahnhöfe wurden mit grosszügig angelegten Überholgeleisen ausgestattet. Die Neubaustrecke verfügt über einen exzellenten Schallschutz.

Neu zu bauen bleibt nur noch ein relativ kurzes Teilstück von 23 km Länge zwischen Finale Ligure und Andora. Nachdem man sich nach langen Verhandlungen auf ein Projekt geeinigt hatte, wurde 2015 ein Planungskredit von EUR 225 Mio. gesprochen. Aber bereits ein Jahr später wurde die Planung auf Anweisung der Aufsichtsbehörde wieder eingestellt.

Abschliessende Bemerkungen

Das Befahren der eindrücklichen Neubaustrecken hinterlässt beim Schweizer Bahnfreund ein gemischtes Gefühl. Über 80 Prozent einer eher sekundären Strecke wurden grosszügig und weitsichtig neu gebaut. Davon liegen weit über die Hälfte in Tunnels.

P. Wick beschreibt im erwähnten Artikel den langwierigen Ausbau der Bahnlinie von Genova nach Ventimiglia. Möglicherweise könnte es sich lohnen, im Hinblick auf die Beseitigung der gravierenden Schwachstellen im Schweizer Eisenbahnnetz – Walensee, Bielersee, Zugersee, Zimmerberg, Zufahrten Bahnhof Luzern, Lötschberg Basistunnel etc. – den Blick nach Süden zu richten.

Abschliessend noch ein paar Bilder vom umgebauten Bahnhofgebäude von Genua Piazza Principe – die Bilder sprechen für sich.

Ein Kommentar zu „Genova – Ventimiglia / Eindrücke und Folgerungen

  1. Erinnerungen an die Bahnstrecke Genua – Varazze (- Ventimiglia)

    Im Frühsommer des Jahres 1969 nahm ich im Rahmen meiner beruflichen Ausbildung an einer Studienwoche im Riviera dei Fiori–Städtchen Varazze teil.
    Die damaligen Arbeiten an den Bahnausbauten faszinierten mich sehr. Der erste Abschnitt der in die Bergflanke verlegten und auf Doppelspur erweiterten FS-Bahnlinie Genova-Voltri – Cogoleto – Varazze war kurz zuvor in Betrieb gegangen, der neue Bahnhof von Varazze war noch nicht ganz fertig gebaut und die Anbindung an die einspurige Bestandesstrecke in Richtung Savona als Provisorium erstellt. Der finanzielle und bauliche Aufwand für diese Streckenausbauten war enorm, was besonders im Bereich der Tunnelportale und den hangwärts verlegten Bahnhöfen nicht zu übersehen war. Ich erinnere mich an sehr viel Beton, der verbaut wurde. Ich wunderte mich über die im Vergleich zur Schweiz weniger sorgfältige Holzschalung der zu betonierenden Flächen.
    Von den anschliessenden Tunnelbauten in Richtung Celle Ligure war 1969 noch nicht viel zu sehen. Es dauerte dann noch mehrere Jahre, bis die Neubaustrecke Savona erreichte. Die alte Bahntrasse entlang der romantischen Klippen direkt am Meer mit den kurzen Tunnels war als Schotterpiste noch erhalten, Gleise und Fahrleitung waren jedoch bereits demontiert worden. Seither wurde dort die „Lungomare Europa“ angelegt, ein Fussgänger- und Fahrradweg mit tollen Meerausblicken und beleuchteten Tunnels. Nebst den grosszügigen Bahnausbauten hat mich auch die kühn angelegte „Autostrada dei Fiori“ A 10 beeindruckt, welche in erhöhter Hanglage über eine schier ununterbrochene Folge von Tunnels und kühnen Viadukten führte, darunter auch die damals neue Ponte Morandi (Eröffnung 1967, Einsturz 2018, heute Renzo Piano-Neubau Ponte San Giorgio) über den Polcevera-Fluss in Genua. Den öffentlichen Personennahverkehr zwischen Varazze und Cogoleto übernahm ein privater Autobusbetreiber, der „historisch“ anmutende Uralt-Busse einsetzte, die in forschem Tempo über die schmale und kurvenreiche Küstenstrasse ratterten. Wir waren froh, heil am Ziel angekommen zu sein.
    Mit der Verlegung der Bahn in den Berg ist die Eisenbahn entlang dieses Küstenabschnittes quasi „unsichtbar“ geworden. Für die Anrainer und die FS wohl ein Segen, für den Landschaftsgeniesser jedoch ein Verlust. Leider hat die Eisenbahnverbindung Marseille – Nice – San Remo – Genua sowohl im Güter- als auch im Personenverkehr heute nur noch eine zweitrangige Bedeutung. Vielleicht könnte eine längst diskutierte TGV-Neubaustecke Marseille – Nice daran etwas ändern, um die gegenüber der Autobahn unattraktiven Fahrzeiten zu verkürzen?

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