Schienenverkehr Balkan I – Sarajewo

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Eine Studienreise auf dem Balkan mit geschichtlichem Hintergrund bot die Möglichkeit, ein paar flüchtige Eindrücke vom Schienenverkehr in den besuchten Ländern zu gewinnen. Zusammenfassend muss man leider festhalten, dass die Eisenbahn auf dem Balkan keine bedeutende Rolle (mehr) spielt. Umso erfreulicher sind dafür die an mehreren Orten erkennbaren Massnahmen zur Revitalisierung der Eisenbahn, so etwa in Slowenien, Kroatien und Serbien.

Gerne fassen wir unsere Eindrücke in drei separaten Berichten zusammen. Beginnen möchten wir hier in einem Bericht aus Sarajewo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina, und zwar über den Bahnhof und die Strassenbahn.

Bahnhof Sarajewo

Der Bahnhof liegt etwas abseits vom historischen Stadtzentrum. Er ist mit einer Stichstrecke an das Strassenbahnnetz angeschlossen.

Das Bahnhofgebäude und der Innenraum sind grosszügig, aber unbelebt. Die Unterführung zu den fünf Geleisen des Kopfbahnhofs ist zwar sauber, aber stark versprayt. Auch auf den Bahnsteigen und den Gleisanlagen liegt nur wenig Abfall. Die Betonsäulen der Perrondächer weisen teilweise erhebliche Schäden auf und bedürfen einer dringenden Sanierung.

Frontansicht vom Bahnhofgebäude von Sarajewo.
Innenraum des Bahnhofs.
Saubere, jedoch versprayte Unterführung.
Blick auf den Bahnsteig I.
Schadhafter Pfeiler des Dachs des Bahnsteigs II.

Am späten Nachmittag sah man im Bahnhof und auf den Bahnsteigen kaum Fahrgäste oder Besucher. Die Mitarbeiter der Bahngesellschaft waren korrekt gekleidet und traten selbstsicher auf.

Das Angebot an Zügen ist gering – täglich verkehren nur drei Lokal- und drei Fernzüge. Von einem zeitgemässen Zugverkehr ist wohl nicht zu sprechen. Dem Vernehmen nach war der Bahnverkehr vor dem Zerfall von Jugoslawien sehr viel dichter.

Fahrplan im Innenraum des Bahnhofs (Odlazak heisst Abfahrt).
Streckennetz der bosnischen Eisenbahnen und der angrenzenden Staaten (Quelle: Wikipedia).

Das Rollmaterial befindet sich abgesehen vom soeben angekommenen Talgo in einem miserablen Zustand. Die Aussenhaut eines Triebwagenzuges wies grosse Rostflächen auf. Dieser fuhr pünktlich um 15.38 Uhr ab. Um 15.48 Uhr folgte ein aus einem einzelnen Wagen bestehender weiterer Regionalzug.

Dreiteiliger Triebwagenzug der bosnischen Staatsbahnen.
Zur Abfahrt bereitstehender Regionalzug der bosnischen Staatsbahnen.
Soeben angekommener Talgo der bosnischen Staatsbahnen.

Ganz offensichtlich ist die Eisenbahn in Bosnien-Herzegowina bedeutungslos geworden. Im Gegensatz etwa zu den nördlichen Staaten von Ex-Jugoslawien – mehr darüber in zwei separaten Berichten – sind keine Anzeichen einer Trendwende erkennbar. 

Strassenbahn Sarajewo

Sarajewo verfügt über einen verhältnismässig dichten öffentlichen Stadtverkehr. Neben Bus- und Trolleybuslinien fahren auch Trams. Abgesehen von einem Abzweiger zum Bahnhof besteht ausserhalb des historischen Stadtzentrums nur eine einzige Strecke. Das historische Stadtzentrum wird von einer einspurigen Ringlinie umschlossen. Die Streckenlänge beträgt rund 12 Kilometer.

Netz der öffentlichen Verkehrsmittel von Sarajewo (Quelle: Wikipedia).

Die Fahrzeuge haben die zulässige Nutzungsdauer überschritten. Die Fahrt auf den stark vernachlässigten Geleisen in Normalspur auf einem separaten Trasse verlief höchst unruhig – ich rechnete ständig mit einer Entgleisung.

Potpourri von Strassenbahnzügen in der Wendeschlaufe bei Ilidza.
Innenraum einer Strassenbahn.
Führerstand einer Strassenbahn.
Stark beanspruchtes Drehgestell einer Strassenbahn.
Geleise der Strassenbahn.
Schienenstoss der Strassenbahn.

Offensichtlich haben sich die besonders in den Stosszeiten zahlreichen Fahrgäste mit den verschiedenen Unzulänglichkeiten abgefunden.

Fahrkarten können an Kiosken oder mit einem geringen Aufschlag beim Wagenführer gekauft werden. Die Einzelfahrt für einen Erwachsenen kostet etwa CHF -.80. Die Fahrkarten verfügen über einen Magnetstreifen und müssen nach dem Kauf bei einem Leser im Wageninnern entwertet werden.

Abschliessende Bemerkungen

Im Gegensatz zu Kroatien, Serbien und Slowenien sind im öffentlichen Verkehr von Bosnien-Herzegowina keine positiven Entwicklungen erkennbar. Das Land ist völlig gelähmt und wird von einer aufgeblähten nationalen und internationalen Bürokratie künstlich am Leben gehalten. Die Machtfülle des von der UNO eingesetzten Hohen Repräsentanten ist immens. Er kann wichtige Anordnungen für das Land treffen und damit die Souveränität von Bosnien-Herzegowina aushebeln.

2 Gedanken zu „Schienenverkehr Balkan I – Sarajewo

  1. Danke, Ermst, für diese spannenden Reportage aus einer Gegend, die ich noch nie bereisen konnte. Beim Lesen deiner Zeilen kommen mir die ausserordentlich informativen Bildberichte der französische Bahnzeitschrift „La Vie du Rail“ aus den Sechziger- und Siebzigerjahren in Erinnerung, die mir von den ehemaligen Jugoslawischen Staatsbahnen JZ den Eindruck einer gut geführten, gepflegten und recht modernen Bahnunternehmung vermittel haben. Der Bau der spektakulären Bergbahn Belgrad – Bar und deren Elektrifizierung in 50Hz/25 Kv oder die Anschaffung damals modernster schwedischer Asea-E-Loks sowie der rege Güterverkehr quer durch den Balkan waren spannende Themen, die mich beeindruckten.
    Leider haben die fürchterlichen Trennungskriege und ihre bis heute nachwirkenden humanen, sozialen, politischen und kulturellen Folgen sowie eine wenig bahnaffine Politik der diversen Nachfolgeregierungen zu einem starken Niedergang der Eisenbahn in den heutigen Teilstaaten geführt. Nun scheint allerdings der Tiefpunkt zumindest im nördlichen Teil der Region überwunden zu sein und man hört von neuen Bahnprojekten und laufenden Modernisierungen.
    Das durch seine Rolle im Bosnienkrieg auch bei uns berühmt gewordene Tram von Sarajewo wurde damals zum Symbold des Durchhaltewillens und der Widerstandskraft einer Stadtbevölkerung, welche unter feigem Dauerbeschuss aus dem gebirgigen Hinterland sehr zu leiden hatte und die sich tafper weigerte aufzugeben. Die symbolhaften Bilder zerschossener Tramwagen auf offener Strecke gingen um die Welt, und dennoch blieb die Trambahn bis heute erhalten.
    Allerdings scheint die aktuelle Stadtverwaltung den Autoverkehr mehr zu fördern als die Erneuerung der legendär gewordenen Trambahn, zumindest lassen die maroden Gleise dies vermuten. Ob dies aus Nachlässigkeit oder Geldnot so ist, weiss ich nicht. Dennoch drehen die bunt bemalten Oldtimer Tag für Tag weiter ihre Runden auf morbidem Gleiskörper und wir hoffen, dass sie dies noch lange tun.

    • Lieber André

      Vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine Ausführungen zu Sarajewo. Unsere Studienreise galt unter anderem dem Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien. Unvorstellbar, dass Sarajewo vor weniger als 25 Jahren während über drei Jahren belagert wurde und unzählige Menschen in der Stadt von Scharfschützen ermordet wurden. Und die ganze Welt und die Uno haben tatenlos zugeschaut – noch unglaublicher: dem Vernehmen nach wurden sowohl die Belagerten als auch die Belagerer von den internationalen Hilfsorganisationen mit Lebensmitteln und Treibstoffen versorgt.

      Zum Thema: Gemäss den angekündigten weiteren Berichten gibt es aber vom Balkan auch Erfreuliches zu berichten.

      Bis bald und weiterhin viel Freude an unserer Website.

      Freundliche Grüsse

      Ernst Rota

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