Bedeutung des Freizeit- und Tourismusverkehrs in der Schweiz

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Dem Freizeit- und Tourismusverkehr in der Schweiz wird seit einiger Zeit eine erhöhte Beachtung gewidmet. Ein wichtiger Auslöser war die Motion 52.4452 von Josef Dittli, Ständerat für den Kanton Uri, die am 15. Dezember 2021 gemeinsam mit der Urner Ständerätin Heidi Z’graggen beim Bundesrat eingereicht wurde. Auch die durch den Freizeit- und Tourismusverkehr hervorgerufenen Staus auf den Nationalstrassen – etwa auf der Gotthardautobahn – mögen zur erhöhten Aufmerksamkeit für den Freizeit- und Tourismusverkehr beigetragen haben.

Das Thema wurde in der Schweiz durch zahlreiche Verbände und Fachorganisationen – unter anderen die Bahnjournalisten Schweiz und die Dialog-Plattform Avenir Mobilité – in gehaltvollen Veranstaltungen vertieft behandelt.

Die erwähnten Veranstaltungen haben für uns Überraschendes an den Tag gebracht. Mehr darüber in diesem Bericht.

Wesensmerkmale und Bedeutung des Ferien- und Freizeitverkehrs

Die Motion 21.4452 von Ständerat Josef Dittli

Ständerat Josef Dittli hat in seiner vom Bundesrat am 16. Februar 2022 angenommenen Motion den Bundesrat aufgefordert, «zusammen mit der Wissenschaft und Praxis eine Definition für den touristischen Verkehr zu erarbeiten und diesen in Zukunft systematisch zu erfassen» Ständerat Dittli hat seine Motion wie folgt begründet:

Der Freizeitverkehr ist der weitaus wichtigste Verkehrszweck. Rund 50 Prozent der Unterwegszeit und 44 Prozent der im Verkehr zurückgelegten Distanzen dienen der Freizeit. Der touristische Verkehr ist dabei ein wichtiger Teil des Freizeitverkehrs. Der touristische Verkehr ist in der Schweiz jedoch nicht klar definiert und wird von der Statistik nicht als solcher erfasst.

 Der touristische Verkehr wie auch der übrige Freizeitverkehr gewinnt an Bedeutung, der Anteil des öffentlichen Verkehrs am touristischen Verkehr ist jedoch unterdurchschnittlich. Der öV ist einerseits ein zentrales Element der gesamten touristischen Wertschöpfungskette, andererseits ist der öV für viele Gäste per se schon ein Erlebnis. Eine gute Erschliessung ist Voraussetzung, damit die Tourismusdestinationen sich entwickeln können. Diese enorme Bedeutung des touristischen Verkehrs wird in der öffentlichen Wahrnehmung und in der Verkehrspolitik von Bund, Kantonen und Gemeinden meist unterschätzt. Obwohl in der Schweiz die Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr gut ist, besteht noch ein grosses Potenzial, um neue Kundinnen und Kunden für den öV zu gewinnen. Die Verkehrsangebote müssen entsprechend auf diese Kundschaft ausgerichtet werden. Damit kann auch ein wesentlicher Beitrag zur Klimathematik geleistet werden.

Voraussetzung ist, dass der touristische Verkehr als solcher überhaupt fass- und messbar gemacht wird. Das Bundesamt für Raumentwicklung und das Bundesamt für Statistik sollten deshalb zusammen mit der Wissenschaft und der Praxis (vertreten durch die nationalen Dachorganisationen) eine Definition des touristischen Verkehrs erarbeiten und diesen in Zukunft systematisch erfassen.

Der Bundesrat hat das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) und das Staatsekretariat für Wirtschaft (SECO) beauftragt, dem Anliegen der Motion von Ständerat Dittli zu entsprechen. Der Schlussbericht wird im Herbst 2024 erwartet, dennoch liegen gesicherte Zwischenergebnisse bereits vor.

Stand der Arbeiten

Dr. Aurelio Vigani, wissenschaftlicher Projektleiter beim ARE, und Richard Kämpf, Leiter Tourismuspolitik bei SECO, präsentieren Facts & Figures zum Freizeit- und Tourismusverkehr in der Schweiz.

Dr. Vigani stellt die Definition von Freizeitverkehr und Tourismusverkehr an den Anfang seiner Präsentation.

Freizeitverkehr zeichnet sich durch folgende Merkmale aus,

  • Alltäglicher Verkehr
  • Kurze Strecken, oft im gewohnten Umfeld
  • Nur Wohnbevölkerung in der Schweiz
  • Wunschverkehr, «mobilité de loisirs»

Dies im Gegensatz zum touristischen Verkehr, der durch folgende Merkmale definiert wird:

  • Nicht alltäglicher Verkehr
  • Lange Distanzen, meist Strecken im ungewohnten Umfeld
  • Schweizerische Wohnbevölkerung und ausländische Gäste
  • Wunsch- und Zwangsverkehr, Reisen unabhängig vom Zweck

Schätzungen zufolge wurden im Jahr 2015 im Freizeit- und Tourismusverkehr über die Hälfte der Verkehrsleistung im Personenverkehr erbracht. Also mehr, als in den übrigen Verkehrsarten (Berufsverkehr, Ausbildung, Einkaufen und übrige). Unbedeutend ist der Anteil des Transits am touristischen Verkehr.

Verkehrsleistung im nationalen Personenverkehr im Jahr 2015. TV: Touristischer Verkehr (Quellenhinweis für diese und alle folgenden Grafiken am Ende des Beitrags.

Bemerkenswert ist auch die Entwicklung des Freizeitverkehrs der Schweizer Bevölkerung zwischen 2005 und 2015. Der Abnahme der im Inland für die Freizeit zurückgelegten Strecken steht ein starkes Wachstum der Strecken nach Zielen im Ausland entgegen.

Freizeitverkehr der Schweizer Bevölkerung zwischen 2005 und 2015 nach dem Ziel.

Interessant ist auch die Zusammensetzung der im touristischen Verkehr zurückgelegten Strecken. Fast die Hälfte davon entfällt auf den Tagestourismus. Zudem ist der Anteil des öffentlichen Verkehrs im Tourismusverkehr von insgesamt 25 Prozent höher als im restlichen öffentlichen Verkehr mit 19 Prozent.

Verkehrsleistung im touristischen Verkehr (national und international bis zur Landesgrenze).

Differenziert man den Modalsplit des Tourismusverkehr nach den Zielen, so zeigen sich erhebliche Unterschiede. Der Anteil des Tourismusverkehrs zu Zielen in der Schweiz am Modalsplit ist immer noch höher als im restlichen öffentlichen Verkehr. Im Verkehr zu Zielen im Ausland beträgt der Anteil am Modalsplit, der mit dem öffentlichen Verkehr bis zur Grenze zurückgelegt wird, immerhin ein Drittel. Vernachlässigbar hingegen ist der Anteil des öffentlichen Verkehrs im Transit. Es zeigt, dass die Eisenbahn als Verkehrsmittel zwischen Italien und Deutschland unbedeutend geworden ist.

Touristischer Verkehr differenziert nach den Reisezielen.

Interessant ist ferner die saisonale Verteilung der Verkehrsleistungen sowie die Tatsache, dass der Anteil des Tourismusverkehrs am Modalsplit im Jahresverlauf praktisch konstant bleibt. Auffallend ist der hohe Anteil der Verkehrsleistung des touristischen Verkehrs an der Gesamtleistung im Metropolitanraum Zürich.

Verkehrsleistung saisonal und nach Regionen.

Bedeutend ist auch der Anteil von 23 Prozent des Verkehrs an der touristischen Wertschöpfung in der Schweiz. Knapp die Hälfte davon entfällt jedoch auf den Luftverkehr.

Zusammensetzung der Wertschöpfung durch den Tourismus in der Schweiz.

Kommentar

Die präsentierten Daten stammen teilweise aus dem Zeitraum von 2005 bis 2015. Die Daten werden im Zusammenhang mit der Beantwortung der Motion Dittli aktualisiert. Zudem soll die Kooperation in Fragen des Freizeit- und Tourismusverkehrs zwischen dem SECO und den Bundesämtern des UVEK intensiviert werden.

Bemerkenswert ist, dass beispielsweise die SBB den Trend zu mehr Freizeitverkehr erkannt und erste Anpassungen des Angebots vorgenommen haben. Wir haben auf unserer Website Ende Mai 2024 unter dem Titel «Ein Tick besser – ein Tick flexibler / Innovationen im Personenverkehrsangebot der SBB» über Anpassungen des Angebots berichtet. Auffallend ist, dass mehrere der «neuen» Angebote der SBB vor vielen Jahren abgeschafft wurden.

Besonders die im Alpenraum tätigen Meterspurbahnen wie RhB und MGB richten ihr Angebot schon seit vielen Jahren konsequent auf den Freizeit- und Tourismusverkehr aus.

Nicht diskutiert wurde die Frage nach der Wirtschaftlichkeit vor allem des Tourismusverkehrs, welcher als stark spitzenbezogener und den Launen der Natur unterworfener Verkehr teurer ist als der «normale» Verkehr. Das äussert sich unter anderem auch an den weit unter dem Vergleichswert der SBB liegenden Kostendeckungsgrade beispielsweise von MGB und RhB. Dieser Sachverhalt dürfte den Spielraum der SBB für neue Angebote im Freizeit- und Tourismusverkehr einengen – es sei denn, unsere Staatsbahn würde für die entsprechenden Leistungen separat entschädigt.

Des Weiteren stellt sich die Frage nach der Angemessenheit des Angebotskonzepts (Taktfahrplan), beispielsweise bei der RhB.

Quellenhinweis

Die in diesem Beitrag verwendeten Grafiken wurden den uns freundlicherweise zur Verfügung gestellten Unterlagen von Dr. Aurelio Vigani, ARE, und Richard Kämpf, SECO, entnommen. Auch das Bannerbild von Schweiz Tourismus, Nicola Fuerer und André Meier, stammt aus dieser Präsentation.

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