Eisenbahn Grossprojekte Österreich – und wir?

Vorbemerkungen

Mit der Koralmbahn wurde Ende 2025 ein weiteres Eisenbahn-Grossprojekt in Österreich in Betrieb genommen. Es ist aber keineswegs so, dass damit – wie in einem Schweizer Presseartikel behauptet – in Österreich erstmals seit vielen Jahrzehnten eine neue Bahnlinie ihren fahrplanmässigen Betrieb aufgenommen hätte.

Im Gegenteil, seit 1994 wurden zahlreiche bedeutende Neubau- und Ausbaustrecken realisiert, und zwar vorwiegend für den Hochgeschwindigkeitsverkehr. Mit Einschluss der Koralmbahn wurden von 1994 bis 2025 338 Kilometer Hochgeschwindigkeitsstrecken mit einem Tunnelanteil von 129 Kilometern gebaut. Dazu kommen 39 Kilometer doppelspurige Neubaustrecken für den Güterverkehr und rund 90 Kilometer hochwertige Ausbaustrecken.

Überblick über die Eisenbahn Grossprojekte in Österreich. (Tabelle wurde vom Verfasser erarbeitet.)

Mehr darüber in diesem Beitrag.

Eisenbahn-Grossprojekte im Überblick

Die Daten für diesen Bericht wurden mit grosser Sorgfalt den im Internet verfügbaren Informationen und Dokumentationen der ÖBB entnommen und von einem Experten aus Österreich geprüft. Dennoch kann für die Richtigkeit der Daten keine Gewähr übernommen werden. Allfällige Fehler können aber der Aussagekraft des Beitrages keinen Abbruch tun.

Wir sehen davon ab, die Tabellen vertieft zu kommentieren. Den Investitionen liegen die historischen Kosten zugrunde. Es wurde davon abgesehen, die Investitionen mit allfälligen Baukostenindizes an die heutigen Verhältnisse anzupassen.

Neben den bereits realisierten Grossprojekten sind weitere bedeutende Vorhaben im Bau oder stehen unmittelbar vor dem Baubeginn. Zudem wurden zahlreiche mittlere und kleinere Ausbauten getätigt, darunter viele Erneuerungen von Bahnhöfen und Betriebsgebäuden. Ich denke dabei etwa an die modernen Bahnhöfe von Bruck an der Mur, Feldkirch, Graz, Lienz, Salzburg, Wien HB oder Wiener Neustadt. Daneben sind auch die neuen Bahnhöfe an Nebenstrecken, wie beispielsweise entlang der Pottendorfer-Linie, architektonische Schmuckstücke.

Bemerkenswert sind auch die mit einem enormen Aufwand exklusiv für den Güterzugsverkehr gebauten Umfahrungen von Innsbruck und St. Pölten sowie der Lärmschutz entlang der Neubaustrecken.

Mit wenigen Ausnahmen werden die Neubaustrecken kreuzungsfrei und mit hoher Geschwindigkeit befahrbar an die Bestandesstrecken angebunden.

Details zu den Grossprojekten können dieser Tabelle entnommen werden: Grossprojekte Österreich Detail

Auszug aus dem Rahmenplan 2025-2030 der ÖBB.

Für einen vertieften Überblick über die Bauvorhaben der ÖBB verweisen wir auf den Rahmenplan 2025-2030, den wir mit dem besten Dank von der Pressestelle der ÖBB erhalten haben: ÖBB Rahmenplan

Massnahmen für den Ausbau der Leistungsfähigkeit der Eisenbahn in Österreich. (Auszug aus dem Rahmenplan 2025-2030 der ÖBB.)

Kommentar

Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig man in unserem Land über die enormen Fortschritte im österreichischen Normalspurnetz weiss. Die Entwicklung erfüllt gleichermassen mit Bewunderung, Anerkennung und Neid. Neben den nackten Kennzahlen beeindrucken auch die Qualität der Ausführung und die architektonische Sorgfalt.

Und wenn ich an die eingangs erwähnte Aussage in einem Schweizer Eisenbahnforum denke, kommen mir unwillkürlich Aussagen von hohen schweizerischen Regierungsvertretern in den Sinn. Wie etwa diejenigen von Bundesrat Ueli Mauer, der im Jahr 2008 von der Schweizer Armee als der „besten Armee der Welt“ träumte oder Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die bei der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels von einem „Jahrhundertwerk“ sprach.

Nachtrag

Und ganz zum Schluss noch ein Nachtrag. Alle Grossprojekte und übrigen Ausbauten zwischen der Grenze zur Tschechei und zu Italien sind in Österreich unter dem Titel „Ausbau Südstrecke“ zusammengefasst. Dazu zählen vor allem der Semmering-Basistunnel und die Koralmbahn. Im Fokus steht damit ein durchgängiger und auch international bedeutsamer Korridor.

Überblick über die „Südstrecke“. (Quelle: ÖBB).
Elemente des Ausbaus der „Südstrecke“.

Ein Vorbild für die Schweiz? Stehen nicht die Tunnels der NEAT zwar als grossartige, aber isolierte Grossprojekte im Raum? Man wird nicht müde, die unzureichenden Zulaufstrecken im deutschen Rheintal zu kritisieren, aber wie steht es mit den Verbindungen zwischen Basel und Erstfeld und von Pollegio nach Chiasso/Como? Immerhin haben die Promotoren des „Verkehrskreuzes Schweiz“ öffentlichkeitswirksam auf diese Lücken hingewiesen. Im Gutachten der ETH „Verkehr 2045“ wird jedoch darauf nicht eingetreten.

2 Gedanken zu „Eisenbahn Grossprojekte Österreich – und wir?

  1. Hoi Ernst, du hast recht. Abgesehen von den NEAT-Tunnels ist die Gotthardstrecke schlecht ausgebaut. Die Strecke von Thalwil bis Altdorf entspricht leider einer Bummelbahn. Die deutschen eröffnen bald weitere Abschnitte der Rheintalbahn, Tunnel Raststatt Ende 2026 und weitere Abschnitte Ende 2027 und 2028 zwischen Basel und Freiburg, während auf der Schweizer Seite in den nächsten 15 Jahren nichts ausgebaut wird. Auch die Strecke Lugano bis Chiasso entspricht leider einer Bummelstrecke. Der dritte Juradurchstich fehlt auch.

  2. Als Wiener war ich nach dem Krieg in die Schweiz zur Erholung geschickt worden. Damals bemerkte ich wie weit die Bahn in der Schweiz schon ausgebaut war, während in Österreich durch den Krieg und aus Eigennützigkeit der damaligen deutschen Bahn ins Hintertreffen geraten ist. Wir dürfen somit nicht die Voraussetzungen für weiteren Ausbau bzw. Neubauten vergleichen.

    Heute wird das überarbeitet, was nach dem Krieg renoviert bzw. vielfach bei Geldmangel neu gebaut wurde!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert