Bilder aus dem Armenhaus

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Am 24. Januar 2018 haben wir im Artikel http://fokus-oev-schweiz.ch/2018/01/24/stadtbahnhoefe-winterthur-zweiklassengesellschaft/ von den unhaltbaren Zuständen in zwei Bahnhöfen auf dem Gebiet der Stadt Winterthur berichtet. Vor ein paar Tagen musste ich bei Regen im Bahnhof Embrach-Rorbas von der S-Bahn auf einen Bus ins Dorfzentrum umsteigen. Dieser rege frequentierte Umsteigebahnhof liegt an der gleichen Strecke wie Winterthur Töss und Winterthur Wülflingen.

Die Eindrücke vom Bahnhof Embrach-Rorbas bewogen mich dazu, diesen Bahnhof und einen weiteren, nämlich Pfungen, nach einem ersten Besuch am 27. August 2020 am 30. August 2020 zwischen 10.00 Uhr und 11.00 Uhr – bei strömendem Regen – nochmals zu besichtigen und ein paar Fotos aufzunehmen. Ich möchte diese Fotos in diesem Beitrag veröffentlichen und ein paar Anmerkungen anzufügen.

Die Bahnhöfe Pfungen und Embrach-Rorbas

Lage und Bedeutung

Die beiden Bahnhöfe liegen an der Strecke von Winterthur nach Bülach und weiter nach Koblenz. Auf dieser Strecke verkehren im Halbstundentakt Züge der S-Bahn-Linie S27 und gelegentlich Güterzüge von Basel in die Ostschweiz. Bis vor rund 25 Jahren verkehrten auf dieser Strecke im Zweistundentakt auch direkte Schnellzüge von Winterthur nach Basel.

Streckenkarte (Quelle: Eisenbahnatlas Schweiz von Schweers+Wall)

Eingesetzt werden GTW-Triebwagenzüge der Firma Stadler Rail. In den Hauptverkehrszeiten sind Doppeltraktionen aus einem zwei- und dreiteiligen GTW zu beobachten. In den Stosszeiten sind diese Züge mit Schülern und Pendlern regelmässig zum Bersten voll besetzt. Die Länge der Bahnsteige lässt keine längeren Züge zu.

Keiner der vier Bahnhöfe entspricht den Normen des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes oder verfügt über schienenfreie Zugänge. Alle Perrons sind mit Einsteigehilfen versehen. Wenn der Zug so zu halten kommt, dass Türen über dem Durchgang liegen, muss beim Ein- und Aussteigen ein Höhenunterschied von über fünfzig Zentimetern bewältigt werden. Ohne fremde Hilfe kann eine Mutter ihren Kinderwagen an keinem Bahnhof in den Zug ein- oder ausladen. Kein Bahnhof verfügt über ein Perrondach.

Ausschnitt aus der Netzkarte des ZVV

Gemäss dem Planausschnitt handelt es sich, ausser bei Winterthur-Töss, um Umsteigebahnhöfe auf Busse oder Postautos. Zudem sind Pfungen und Winterthur-Wülflingen an das Netz der städtischen Verkehrsbetriebe Winterthur angeschlossen. Die Busse verkehren auf diesen in der Karte nicht eingezeichneten Linien mindestens halbstündlich.

In den Gemeinden Embrach, Freienstein, Pfungen und Rorbas wohnen rund 20’000 Menschen. Dazu kommt eine ähnlich hohe Anzahl von Einwohnern im Einzugsgebiet der erwähnten Strecke in Winterthur. Der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung ist relativ hoch. In Pfungen, Embrach und Rorbas sind zahlreiche Arbeitsplätze angesiedelt.

In den folgenden Bildern widmen wir den erwähnten Bahnhöfen ein paar Bilder. Für weitere Angaben verweisen wir auf die Bildunterschriften.

Embrach-Rorbas

Blick auf den Bahnhof in Richtung Winterthur
Blick auf den Bahnhof in Richtung Bülach
Blick auf die beiden Bahnsteige
Blick auf einsteigende Fahrgäste bei starkem Regen
Blick auf Fahrgäste, die einer Mutter beim Einladen ihres Kinderwagens helfen
Gedeckter Wartebereich, bei Regen mit minimalster Schutzwirkung
Zustand des Zugangs zu den Diensträumlichkeiten
Haltestelle für die besonders in den Stosszeiten häufig verkehrenden Postautos zum Flughafen und nach Freienstein
Obige Busstation – besonders bei Regen vermissen die Fahrgäste ein Schutzdach

Pfungen

Blick auf das Bahnhofgelände
Blick auf das Bahnhofgebäude
Blick auf die Bahnsteige
Blick auf den nahenden Zug (die Züge kreuzen sich fahrplanmässig in Pfungen)
Haltestelle des Postautos vor dem Bahnhof – auch hier fehlt ein Schutzdach
Haltestelle der im Halbstundentakt verkehrenden Stadtbusse nach Winterthur. Die Haltestelle liegt rund sechzig Meter vom Bahnhof entfernt und verfügt weder über Schutzdach noch Beleuchtung. Unverständlich, weshalb die Stadtbusse nicht am gleichen Ort halten wie die Postautos.
Rechter Zugang zum Bahnsteig, fotografiert bei strömendem Regen. Die nicht zu umgehende Pfütze war mindestens zwei Zentimeter tief – eigentlich müsste man das Tragen von Gummistiefeln anordnen.
Die gleiche Situation bestand auch beim rechten Zugang zum Bahnsteig. Als Alternative konnte man sich über Geleise und Schotter zum Bahnsteig begeben.
Bei Starkregen fotografierte Ankunft eines Zuges.

Kommentar

Man fragt sich unwillkürlich, ob diese Bilder tatsächlich neueren Datums sind und aus der Schweiz stammen. Erstaunlich, weshalb der ZVV, die Verkehrskommission des Zürcher Kantonsrates, die Öffentlichkeit oder Kundenorganisationen wie der VCS nichts gegen die unhaltbaren und seit Jahren bestehenden Missstände unternehmen.

Zustände wie hier beschrieben sind mit Bestimmtheit nicht dazu angetan, die Begeisterung für den öffentlichen Verkehr zu fördern. Bei solchen Voraussetzungen benützen nur Fahrgäste ohne Alternativen die Eisenbahn. Vom Anreiz zum Umsteigen keine Spur!

Beispiele aus dem benachbarten Ausland

Einer Empfehlung entsprechend wurden nachträglich ein paar Bilder von vergleichbaren Regionalbahnhöfen im Ausland eingefügt.

Haltestelle Cesano-Maderno an der Tangentialverbindung von Seregno nach Saronno. Die Fachwerkbrücke im Hintergrund führt über die doppelspurige Strecke von Milano nach Seveso. Das moderne und repräsentative Bahnhofgebäude von Cesano-Maderno – mit bewachter Velostation und Cafeteria – befindet sich unten in etwa 200 Metern Entfernung an dieser Strecke.
Haltestelle von Turbigo an der Tangentialverbindung von Saronno nach Novara nordwestlich von Mailand
Perron und Bahnhofgebäude von Caronno-Pertusella (vierspurige S-Bahnlinie von Milano-Cadorna nach Saronno)
Steinach am Brenner an der Brenner-Nordrampe (Endhaltestelle der S-Bahn von Innsbruck)

6 Gedanken zu „Bilder aus dem Armenhaus

  1. Ein Armenhaus in der goldbestückten Metropolitanregion Gross-Zürich?
    Ja, die Bilder sind tatsächlich kein Ruhmesblatt für das vielgelobte Bahnsystem Schweiz! Das schleckt auch kein Glanz à la Ceneri-Basistunnel-Eröffnungstag einfach so weg! Die Frage sei gestattet, ob diese Bahnhöfe, würden sie von einer „Privatbahn“ betrieben, in gleich desolatem Zustand anzutreffen wären. Ein Vergleich mit einer französischen Nebenstrecke irgendwo in der „France profonde“ kurz vor deren Einstellung ist wohl nicht ganz daneben. Der Graswuchs zwischen den helvetischen Schwellen vermittelt dabei einen doch ganz charmanten bukolischen Eindruck. Es darf einfach nie regnen in Embrach-Rorbas! Immerhin fahren die Züge noch…

    • Lieber André

      Vielen Dank für Deinen Kommentar und für Dein Interesse an unserer Website. Dazu Folgendes:

      1. Ich frage mich, ob die Politiker bei ihren Lobesreden bei der Eröffnung des Ceneri Basis-Tunnels überhaupt wissen, von was sie sprechen. Das gilt in besonderem für die charmante Pianistin aus Bern.

      2. Einer Empfehlung entsprechend habe ich im Beitrag nachträglich ein paar Bilder von in etwa vergleichbaren Regionalbahnhöfen im benachbarten Ausland angefügt. Wenn man vorne mit dabei sein will, sollte man sich nach oben richten.

      3. Sonderbar ist, dass vor allem die meterspurigen „Privatbahnen“ wie die RhB und die Zentralbahn sehr wohl wissen, wie zeitgemässe Bahnhöfe zu gestalten sind.

      Nochmals vielen Dank und meine allerbesten Wünsche

      Herzliche Grüsse

      Ernst Rota

  2. Lieber Ernst
    Mit Interesse habe deine Ausführungen zur Bahnhof-Infrastruktur auf der Linie Winterthur-Bülach gelesen. Sicher ist die Situation nicht die beste. Sie sollte unbestritten dem Standard der anderen Bahnhöfen im Einflussbereich des ZVV angepasst werden. Wer ist dazu zuständig? Der Kanton ZH kann sich zurücklehnen und argumentieren, mit der FABI sei nun der Bund zuständig. Dann müssten wir aber noch mehr als fünfzig Jahr warten. Diese fatalistische Haltung bringt uns deshalb nicht weiter. Der Kt. ZH hat immer noch den Verkehrsfonds (siehe öV-Gesetz Kt. ZH), in welchem mehr als genügend Geld vorhanden ist. Die Stimmbürger haben bekanntlich (und glücklicherweise) die vom Regierungsrat und dem Kantonsrat eingebrachten Kürzungsvorschläge deutlich abgelehnt.
    Aus diesem Topf kann der Ausbau der Bahnhöfe finanziert werden. Aber irgend jemand muss den Anstoss dazu geben, zB die Gemeinden, der Kantonsrat oder ein einzelner Bürger.Ich mache dir einen Vorschlag: Reiche doch im Zürcher Kantonsrat eine Einzelinitiative ein, mit dem Antrag, es sei eine kreditschaffende Vorlage zum Ausbau der Bahnhöfe auf dieser Linie auszuarbeiten. Ich helfe dir gerne bei der Formulierung.
    Beste Grüsse
    Paul Stopper

    • Lieber Paul

      Vielen Dank für Deinen Kommentar und für Dein Interesse an unserer Website sowie für Deine Empfehlungen. Dazu Folgendes:

      1. Es gibt mehrere Organisationen, welche sich ihren Satzungen zufolge dem öffentlichen Verkehr widmen. Ich denke, dass sie sich der Problematik annehmen sollten.

      2. Kürzlich habe ich alle Bahnhöfe zwischen Pfäffikon SZ und Bilten besichtigt. Altendorf kenne ich von früher. Ähnlich deprimierende Eindrücke habe ich in Pfäffikon SZ, Reichenburg und Schübelbach-Buttikon gewonnen. Positiv überrascht haben mich Lachen und Bilten. Offensichtlich wussten die Zuständigen bei den SBB früher, was sich gehört.

      3. Ernüchtert haben mich die Zustände – Benutzerführung während des Umbaus – und die erkennbaren Neuerungen in Arth-Goldau. Mehr darüber demnächst auf unserer Website.

      Nochmals vielen Dank und weiterhin viel Freude an unserer Website.

      Freundliche Grüsse

      Ernst Rota

  3. Guten Tag
    Die Infrastruktur ist eindeutig veraltet und nicht mehr zeitgemäss. Von verwahrlost kann man aber nicht sprechen. Die Bahnhöfe sind sauber und die Infrastruktur zwar alt, aber in gutem Zustand.
    Der Vergleich mit dem Ausland ist dagegen mehr als nur tendenziös. Da wurden wirklich nur Bahnhöfe herausgepickt, welche das eigene Argument unterstützen ohne zu beachten, dass solche modernen Bahnhöfe an Nebenlinien in keinem unserer Nachbarländer Standard sind. Fahrt mal auf der Tangentiallinie von Como nach Lecco oder mit der S-Bahn von St. Pölten nach Wien oder auch von Friedrichshafen nach Lindau, wo jetzt dann zwar neu elektrisch gefahren wird, sonst aber alles beim alten geblieben ist. Es gäbe Dutzende weitere Beispiele.
    Verglichen mit unseren Nachbarländern haben wir generell bei den Bahnhöfen einen deutlich höheren Ausbaugrad – gerade im Grossraum Zürich. Dass einige Bahnhöfe noch nicht ans Behindertengleichstellungsgesetz angepasst sind ändert da auch nichts daran.
    Die hier kritisierten Bahnhöfe werden in den nächsten drei Jahren alle modernisiert – geniesst solange doch einfach noch die Eisenbahnromantik. Ich werde diesen idyllischen Bahnhöfen nachtrauern, wenn sie weg sind.
    Gruss
    Julian Ryf

    • Sehr geehrter Herr Ryf

      Vielen Dank für Ihr Interesse an unserer Website und für Ihren Kommentar. Schön, dass Sie uns geschrieben haben.

      Ich teile Ihre Auffassung in hohem Masse nicht und möchte auf Folgendes hinweisen.

      1. Wenn man an der Spitze bleiben möchte oder annimmt, dort zu sein, muss man sich an den besten Beispielen messen.

      2. Ihre Beurteilung der Zürcher Stadtbahnhöfe trifft nicht zu. Besuchen Sie beispielsweise den frisch umgebauten Bahnhof Zürich-Wollishofen – weder Toiletten noch Warteraum, viel zu kurze Perron und eine bereits heute verwahrloste Unterführung.

      3. Ich kenne die Eisenbahnlinie von Como nach Merone (Lecco) gut. In der Tat hat es dort Haltestellen, an denen man buchstäblich auf die Wiese aussteigen muss, teilweise sogar ohne Beschriftung. Diese periphere Strecke war lange stillgelegt und wurde erst vor einigen Jahren versuchsweise wieder in Betrieb genommen. Anfänglich verkehrten nur vier Zugspaare pro Tag. Heute besteht während des Tages Stundentakt. Der Fahrplan der SBB zeigt diese für die Schweiz nützliche Verbindung übrigens nicht an. Ich musste auf http://www.trenitalia.it ausweichen. Kennen Sie übrigens den Bahnhof Montricher – ich empfehle eine Besichtigung.

      4. Die leidigen Verhältnisse in Deutschland sind allgemein bekannt. Sie sind aber nicht die Norm. Schauen Sie sich beispielsweise die Bahnhöfe der Gäubahn zwischen Tuttlingen und Horb an. Darf ich auf den stark frequentierten Umsteigebahnhof Siebnen-Wangen hinweisen. Immerhin ein Haltepunkt für IR- und RE-Züge.

      5. Oder besichtigen Sie die Strecke von Wiener Neustadt nach Wien und die sagenhaften neuen Bahnhöfe. Gerne sende ich Ihnen separat meinen Bericht von der Pottendorfer-Linie. Da haben wir nichts – und wirklich nichts mehr – entgegen zu setzen.

      6. Einen Besuch Wert sind auch die Bahnhöfe an der vierspurigen (!) S-Bahn Linie von Milano Nord Bovisa nach Saronno oder der S-Bahnhof Milano Forlanini. Das sind die Referenzpunkte für ein repräsentatives und kundenfreundliches Bahnsystem.

      Und hier noch ein paar Argumente, weshalb ich gepflegte Publikumsanlagen für sehr wichtig halte. Bahnhöfe sind der erste Kontakt der Fahrgäste mit der Bahn. Ich bin überzeugt, dass der Zugang durch attraktive Bahnhöfe den Vandalismus und die Gewalt auf den Perrons und in den Zügen stark reduziert. Hell beleuchtete und ansprechende Unterführungen senken das Risiko von Gewaltdaten. Vergleichen Sie die Unterführungen von Varese, Como S.G. oder Seregno mit denjenigen von Bülach oder Wollishofen – dazwischen liegen Welten.

      Ich lade Sie gerne zu einer Besichtigung der erwähnten Bahnhöfe ein, und danke Ihnen nochmals für Ihren Kommentar.

      Freundliche Grüsse

      Ernst Rota

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