Pruntrut – Delle – Belfort / das bessere Erschliessungskonzept

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Auch nach dem ersten Quartal liegen die Fahrgastzahlen zwischen Pruntrut, Delle und Belfort weit unter den Erwartungen. Offensichtlich waren die Erwartungen unrealistisch, oder das Betriebskonzept ist falsch. Wir haben die Gegebenheiten vor Ort unter anderem im Rahmen einer Studienreise besichtigt und dabei Überraschendes festgestellt.

Bahnhof Delle mit einem Zug von Flirt-Zug der SBB und einem Autorail Grande Capacité AGC der SNCF

Diese Beobachtungen und Erfahrungen aus früheren Erkundungen im Pruntruter Zipfel sowie im benachbarten Frankreich waren Anlass für die Erarbeitung eines grenzüberschreitenden Erschliessungskonzepts für den öffentlichen Verkehr.

Fakten

Frankreich

Im Grossraum Belfort besteht gemäss dieser Karte ein gut ausgebautes öffentliches Busnetz.

Regionalnetz Optymo

Das regionale Busnetz wird ergänzt durch mehrere und häufig befahrene städtische Buslinien in Belfort.

Stadtnetz Optymo

Das unter der Marke „Optymo“ bestehende Netz beeindruckt in mehrfacher Hinsicht, beispielsweise in Bezug auf Fahrzeuge, Erscheinungsbild, Haltestellen, Billett- und Tarifsystem, Kundeninformationen und Internetauftritt. Erstaunlich ist, dass die zwischen Belfort und Meroux TGV bestehende Eisenbahn nicht in den Verbund integriert ist, und die Bahnbillette doppelt so teuer sind als die Busbillette.

Das Billett für eine einfache Fahrt kostet in der Schweiz CHF 5.80 und in Delle EUR 5.-
Die 24-Stundenkarte für das gesamte Optymo-Netz kostet EUR 3.80
Die Mehrfahrtenkarte für zehn Fahrten kostet EUR 12.- / Wahrscheinlich braucht es für eine Fahrt von Delle nach Belfort zwei Fahrten, da in Meroux umgestiegen werden muss.

Zwischen Meroux TGV und Belfort verkehren an Werktagen pro Stunde mindestens fünf Busse, welche zahlreiche Haltepunkte bedienen. Zwischen Delle und Meroux TGV verkehrt an Werktagen jede Stunde ein Bus. Zu den Hauptverkehrszeiten stellen mehrere Buslinien die Erschliessung von kleineren Dörfern in der Region sicher.

Auswahl von drei anschaulich und leicht verständlich gestalteten Fahrplänen. An Werktagen fahren die Busse der Linie Nr. 3 mindestens viermal pro Stunde, diejenigen der Linien 24 und 25 in der Regel stündlich.

Schweiz

Zwischen Pruntrut und Delle verkehrt in der Regel jede Stunde ein Zug. Tagsüber verkehren die Züge meistens praktisch leer. Die Entfernungen zwischen den Bahnhöfen und den Siedlungsgebieten sind teilweise beträchtlich – in Courtemaîche zirkuliert deshalb jede Stunde ein Bus zwischen dem Bahnhof und dem Dorfzentrum. An Grandgourt als kleiner Haltestelle halten nur vereinzelte Züge.

Auszug aus der Landeskarte der Schweiz

Daneben besteht mit der von den Chemin Fer du Jura CJ betriebenen und rund 11 Kilometer langen Bahnstrecke zwischen Pruntrut und Bonfol eine weitere Bahnverbindung. Bis zum zweiten Weltkrieg führte von Bonfol eine rund 23 Kilometer lange Eisenbahnlinie weiter nach Dannemaire an der Strecke von Belfort nach Mulhouse. CJ betreibt auf ihrer Strecke einen stündlich verkehrenden Zug.

Auszug aus der Landeskarte der Schweiz / Leider ist die wieder in Betrieb genommene Bahnlinie zwischen Delle und Belfort nur schwach erkennbar.

Als Besonderheit besteht zwischen Courtemaîche und dem Truppenübungsgelände bei Bure eine knapp 5 Kilometer lange und bis zu 45 Promille steile Stichstrecke für die Erschliessung des Waffenplatzes und den selten gewordenen Transport von Panzern und anderen schweren Militärfahrzeugen.

Neben diesen beiden Eisenbahnlinien wird der Pruntruter Zipfel von mehreren Buslinien der Postauto AG erschlossen.

Kurze Lagebeurteilung

  • Die Verkehrserschliessung durch Optymo beeindruckt. Der Grundtakt wird durch Zusatzverbindungen ökologisch und ökonomisch vorteilhaft ergänzt.
  • Die Busse von Optymo sind der Eisenbahn in Bezug auf die lokale Erschliessung zwischen Delle und Belfort weit überlegen. Die Gehdistanzen von den langgezogenen Strassendörfern wie Grandvillars oder Bourogne zu den Bahnhöfen sind oft sehr gross.
  • Eine analoge Feststellung gilt auch auf der schweizerischen Seite in Bezug auf den lokalen Eisenbahnverkehr zwischen Porrentruy und Delle. Die Gemeinden zwischen Porrentruy und der Grenze haben noch etwa 2’800 Einwohner. Die Einwohnerzahl von Porrentruy beträgt rund 6’700 Personen, und im gesamten und dünn besiedelten gleichnamigen Bezirk wohnen 24’600 Personen. Angaben über die Anzahl Arbeitsplätze und Grenzgänger liegen mir nicht vor.
  • Pruntrut ist ausserdem mit der Autobahn A16 mit Boncourt und ab der Grenze – mit der französischen Schnellstrasse N1019 – mit der Region Delle-Grandvillars verbunden.
  • Die Erschliessung der Region zwischen Pruntrut und Bonfol mit der Eisenbahn als Relikt aus der Vergangenheit ist wegen der dünnen Besiedlung und dem fehlenden Anschluss nach Frankreich hoch ineffizient.
  • Für die Eisenbahnlinie zwischen Pruntrut, Delle und Belfort bedarf es dringend eines geeigneten Nutzungskonzepts.

Empfehlungen für den Bus

  • Der heute durch die Eisenbahn sichergestellte lokale Verkehrserschliessung im Pruntruter Zipfel ist auf Busse umzustellen.
  • Der Busverkehr im Pruntruter Zipfel ist optisch und kommerziell nach dem Vorbild von Optymo zu konzipieren. Der Auftrag für den Betrieb des Netzes ist bei geeigneten Anbietern auszuschreiben.
  • Es ist ein grenzüberschreitender Tarifverbund mit möglichst weitgehender Angleichung der Tarife zu bilden.
  • Soweit möglich sind grenzüberschreitende Busverbindungen anzubieten. Das gilt im Besonderen für die Relation von Pruntrut über Bonfol nach Dannemaire mit möglicher Verlängerung nach Altkirch.

Empfehlungen für die Eisenbahn

  • Die SBB beschränken sich auf den Eisenbahnverkehr zwischen Delémont und Porrentruy. Sie bieten dort tagsüber einen Halbstundentakt mit Regionalzügen an. Denkbar wäre, diesen Auftrag aus lokalpolitischen Überlegungen an die Chemin Fer du Jura CJ zu übertragen.
  • Das Zugsangebot auf der Relation zwischen Pruntrut, Delle und Belfort ist auf den Berufsverkehr, den überregionalen Eisenbahnverkehr und auf gute Anschlüsse an den Fernverkehr in Meroux TGV auszurichten.
Luftaufnahme des grossartigen TGV-Bahnhofs von Meroux mit der noch nicht fertiggestellten Bahnlinie von Delle nach Belfort mit dem Regionalbahnhof, von wo aus der Lift direkt auf das Perron des TGV-Bahnhofs führt
  • In der Schweiz sind die beschleunigten Regionalexpresszüge bis nach Delémont zu führen. Sie halten nur in St. Ursanne, Pruntrut, Boncourt, Delle und Meroux TGV. Idealerweise stellen die Züge nach Delle in Delsberg den Anschluss an die IC von Biel nach Basel her.
  • Der Betrieb dieser Züge erfolgt durch die SNCF oder – im Zuge der Liberalisierung des französischen Regionalverkehrs – durch Kéolis. Diese Firmen setzen an schweizerische Normen angepasstes französisches Rollmaterial ein und beschäftigen eigenes Personal – TGV Lyria als Vorbild.
komfortabler und ruhig laufender Autorail à Grande Capacité der SNCF im Bahnhof Delle
  • Begründung: Der Arbeitskräftemangel in der Schweiz wird durch französische Grenzgänger gemildert. Im Gegenzug reduziert der Einsatz von schweizerischem Rollmaterial und Personal das Arbeitsvolumen in Frankreich – wohl ein Widerspruch aus der Sicht einer Nation mit einem hohen Selbstbewusstsein. Meines Erachtens liegt darin einer der Gründe für die zwischen den SBB und der SNCF miserabel abgestimmten Fahrpläne zwischen Delle und Belfort.

Nutzen

  • Die Menschen im Pruntruter Zipfel verfügen über ein hochstehendes sowie ökologisch und ökonomisch überzeugendes öffentliches Verkehrssystem.
  • Ein bedarfsgerecht verdichtetes Angebot steigert die Attraktivität und fördert dadurch die Benutzung des öffentlichen Verkehrs.
  • Die Möglichkeit, auf dem Arbeitsweg „eigene“ Züge zu benutzen, senkt die Hemmschwelle für französische Grenzgänger, auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen.
  • Die grenzüberschreitende Kooperation wird gefördert.
  • Die Standortgunst der Ajoie wird durch eine Verkürzung der Reisezeit nach Paris erhöht.
  • Der Kanton Jura könnte sich als Pionier mit einem visionären, grenzüberschreitenden Konzept mit Frankreich profilieren, und ein Modell für analoge Kooperationen mit dem Elsass und im Metropolitanraum Genf vorlegen.

2 Gedanken zu „Pruntrut – Delle – Belfort / das bessere Erschliessungskonzept

  1. Ich denke nicht, dass die lokale Bevölkerung mit Ihrer Forderung, ihre Bahnlinien auf Bus umzustellen, einverstanden ist. Ausserdem ist Ihre Forderung unlogisch. Man kann nicht einerseits den Zugverkehr im Pruntruter Zipfel auf Bus umstellen und dann aber doch durchgehende Züge Belfort/Delle – Porrentruy – Delémont fordern. Entweder alles Bahn oder alles Bus. Sonst lohnt sich die Instandhaltung der jeweiligen Infrastruktur nicht. Die Aufhebung einer Bahnlinie zieht folglich den Abbau der betreffenden Infrastruktur nach sich. Somit wären auch keine durchgehenden Züge mehr möglich, wie Sie sie fordern. Die Forderung nach Bildung eines grenzüberschreitenden Tarifverbundes ist wohl ein frommer Wunsch. Mit den Franzosen ist sowas nicht möglich. Zielt Ihre Forderung, die durchgehenden Züge Belfort – Delle – Delémont durch die SNCF bzw. Kéolis führen zu lassen, darauf ab, diesen Verkehr möglichst billig abzuwickeln? Das Lohnniveau ist in Frankreich bekanntlich deutlich tiefer als in der Schweiz. Das Schweizer Bahnpersonal hat an diesem Vorschlag sicher keine Freude. Dass es im Raum Delle/Belfort offenbar so viele Buslinien gibt, ist sicher schön. Man muss dann aber auch noch schauen, wie häufig diese fahren. Gerade an den Wochenenden ist in Frankreich häufig nicht viel los. Da muss man froh sein, wenn noch 2 – 3 Busse pro Tag fahren. Die Hauptprobleme sehe ich einerseits darin, dass (laut SER) die Bahnlinie Delle – Belfort nicht in den Direkten Verkehr integriert ist. Es ist folglich nicht möglich, von der Schweiz aus direkte Billette nach Frankreich via diese Strecke zu lösen. Anderseits müssten die Franzosen den Flirt der SBB erlauben, bis Belfort HB und nicht nur bis zum TGV-Bahnhof Meroux zu fahren. Beide Punkte haben Sie in Ihrem Bericht nicht erwähnt. Kannten Sie diese nicht, oder erachten Sie sie als unerheblich?

    • Sehr geehrter Herr Trachsel

      Vielen Dank für Ihren Kommentar und für Ihr Interesse an unserer Website. Darf ich kurz Stellung nehmen:

      1. Bezüglich dem Busangebot in der Region Belfort verweise ich auf die Website http://www.optymo.fr.

      2. Ich meine, dass die Menschen zwischen Boncourt und Pruntrut vor allem an einer guten Verkehrserschliessung mit kurzen Wegen zu den Haltestellen und an einem dichten Angebot interessiert sind, und da ist der Bus der Eisenbahn überlegen. Entscheidend ist nicht die reine Fahrzeit mit dem Verkehrsmittel, sondern die Reisezeit von der Haustüre bis zum Endziel.

      3. Ich weise auf die geringen Einwohnerzahlen in den Gemeinden zwischen Boncourt und Pruntrut hin. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass neben der Eisenbahnlinie eine aufwendig gebaute Autobahn besteht. Ich war den letzten drei Jahren über ein Dutzend Mal zwischen Pruntrut und Delle oder weiter unterwegs. In den meisten Fällen befanden sich ausser mir weniger als zehn Reisende in einem vierteiligen Flirt. Das macht weder ökonomisch noch ökologisch Sinn.

      4. Im Rahmen des grenzüberschreitenden Einkaufstourismus kauft die schweizerische Bevölkerung jährlich für über zehn Milliarden Franken Waren im Ausland ein. Dazu kommen wohl noch höhere Beträge für Auslandferien und -Reisen. Da könnte es sich für eine eher ärmere Gegend auch lohnen, Transportleistungen im Ausland zu beschaffen (das ist übrigens Teil der Geschäftsmodells unserer Spediteure).

      5. Ich erinnere an die Forderungen der Eisenbahner, die Löhne der ausländischen Lokomotivführer im Gütertransit an das schweizerische Niveau anzugleichen. Man versetze sich in die Haut eines französischen Lokomotivführers, der weiss, dass sein Schweizer Kollege in einem Flirt bei seiner Arbeit in Frankreich mehr als doppelt so viel verdient wie er.

      6. Der Beweis, dass die Bildung eines grenzüberschreitenden Tarifverbundes und eine entsprechende Kooperation mit Frankreich nicht möglich sei, steht aus. Man kann erst etwas beweisen, wenn entsprechende Bemühungen gescheitert sind. Und im Fernverkehr gibt es Beispiele von erfolgreichen Kooperationen, sogar mit dem von Ihnen kritisierten Frankreich. Im Gegensatz zur Cisalpino SA funktioniert TGV Lyria von Aussen gesehen leidlich.

      7. In der Tat habe ich im Bahnhof Belfort persönlich erlebt, dass die Strecke Delle-Belfort nicht im „Direkten Verkehr“ eingeschlossen ist. Wessen Schuld ist das? Da investiert auch die Schweiz erhebliche Mittel in den Ausbau einer Bahnverbindung und das entsprechende Rollmaterial, ohne vor der Inbetriebnahme eigentlich naheliegende Voraussetzungen durchzusetzen oder zu schaffen.

      Nochmals besten Dank und weiterhin viel Freude an unserer Website

      Freundliche Grüsse

      Ernst Rota

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