Eisenbahnen in Grossbritannien – Fiktion und Realität

Vorbemerkungen

Wie der Artikel „Das süsse Versprechen der Verstaatlichung“ von Benjamin Triebe in der Ausgabe der Neuen Zürcher-Zeitung vom 6. Juni 2018 zeigt, wünscht eine Mehrheit der Briten eine Verstaatlichung der zwischen 1994 und 1997 privatisierten Eisenbahnunternehmen. Dies trotz der recht hohen Zufriedenheit der Bahnreisenden und dem eindrücklichen Verkehrswachstum im schienengebundenen Personenverkehr. Der Artikel von Benjamin Triebe steht über folgenden Link zur Verfügung: GB NZZ.

Im Folgenden möchten wir uns zur Problematik äussern, welche gegenwärtig durch die Debatte um den Wettbewerb auf dem Schweizer Normalspurnetz eine erhöhte Beachtung geniesst.

Analyse

Die Auswirkungen der Privatisierung von British Rail zwischen 1994 und 1997 werden noch heute von Fachleuten und Besuchern in Grossbritannien kontrovers beurteilt. Die Diskussion ist oft von weltanschaulichen oder politischen Überlegungen geprägt.

In der folgenden Tabelle haben wir die Entwicklung der Personenfahrten in Grossbritannien mit derjenigen bei der DB, ÖBB und SBB verglichen. Dabei haben wir auch das Bevölkerungswachstum in den Heimatstaaten der erwähnten Bahngesellschaften berücksichtigt. Die Daten wurden der NZZ und den Geschäftsberichten entnommen:

Kommentar

Diese der NZZ entnommene Grafik zeigt die enorme Zunahme des Eisenbahnverkehrs in Grossbritannien nach 1994.

Die Privatisierung hat den seit den fünfziger Jahren anhaltenden Niedergang gebrochen und zu einem eigentlichen Paradigmenwechsel geführt. Dies trotz der Konkurrenz durch Reisebusse und den nationalen Luftverkehr.

Wie die Tabelle zeigt, liegt die Zunahme weit über den Vergleichswerten der betrachteten kontinentalen Eisenbahngesellschaften. Für uns überraschend ist auch der Vergleich von DB, ÖBB und SBB untereinander, wobei darauf hinzuweisen ist, dass der Wert von Österreich durch das Aufkommen der Westbahn AG verfälscht wird und 2016 statt der ausgewiesenen 18 Prozent etwa 26 Prozent betragen dürfte.

Folgerungen

„Lasst zahlen sprechen“ – wie immer die Beurteilung des britischen Eisenbahnwesens ausfallen mag – die zahlenmässige Entwicklung ist beeindruckend. Die bereinigte Zunahme liegt weit über den zum Vergleich herangezogenen Bahnen in Mitteleuropa. Überrascht hat auch der relativ hohe Zuwachs bei der DB AG – trotz der starken Konkurrenz durch Fernbusse und nicht staatliche Eisenbahnunternehmen.

Und noch eine persönliche Anmerkung: Wir waren 1996 und 1997 während mehreren Wochen bei Freunden in Grimsby in der Landschaft Lincolnshire zu Gast. Dabei habe ich in der Endphase der Privatisierung zahlreiche Eisenbahnfahrten nördlich von London unternommen. Aufgefallen sind mir damals der deprimierend desolate Zustand der Eisenbahninfrastruktur abseits der Hauptachsen und die substantiell höhere Qualität in den Zügen der bereits privatisierten Eisenbahngesellschaften im Vergleich zur niedergehenden British Rail.

4 Gedanken zu “Eisenbahnen in Grossbritannien – Fiktion und Realität

  1. „Die Privatisierung hat den seit den fünfziger Jahren anhaltenden Niedergang gebrochen …“
    „Wie die Tabelle zeigt, liegt die Zunahme weit über den Vergleichswerten der betrachteten kontinentalen Eisenbahngesellschaften.“

    Kommentar:
    Wenn nach dem „anhaltenden Niedergang“ die prozentuale Zunahme nach der Privatisierung weit über den Vergleichswerten liegt, ist dies eigentlich kein Wunder. Bei tiefen Ausgangswerten fällt die prozentuale Zunahme eben hoch aus. Willi Rehmann, Binningen

    • Sehr geehrter Herr Rehmann

      Vielen Dank für Ihren Kommentar und für Ihr Interesse an unserer Website.

      In der Tat sind Ihre Beobachtungen zutreffend. Der Beginn der Grafik fällt jedoch zeitlich in etwa mit der 1947 beschlossenen und 1948 durchgeführten Verstaatlichung der bis zu diesem Zeitpunkt vier grossen privaten Bahngesellschaften von Grossbritannien zusammen. Der Niedergang des Eisenbahnwesens erfolgte durch die staatliche British Rail und der Aufschwung durch private Gesellschaften. Die Frage, ob es klug und gerecht ist, die in der Regel sehr gut arbeitenden Firmen zu verstaatlichen, steht im Raum.

      Für weitere Angaben verweise ich auf meine Antwort an André Guillaume.

      Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude an http://www.fokus-oev-schweiz.ch.

      Freundliche Grüsse

      Ernst Rota

  2. Aus dem Bericht geht nicht eindeutig hervor, welches die genauen Ursachen für die an sich erfreuliche Frequenzsteigerungen bei den britischen Bahnen sind. Vorerst freuen wir uns über diese positive Entwicklung eines einst für „scheintot“ Erklärten.

    Können externe Faktoren wie die zunehmende Überlastung des britischen Strassennetzes und der Flughäfen, die Vorteile zentral gelegener Bahnhöfe in den grossen Städten, eine aggressive Preispolitik der Bahnbetreiber, wachsendes Umweltbewusstsein der steig zunehmenden Bevölkerung oder wirksame Werbung, attraktives Wagenmaterial und kundenaffine Betreuung dabei eine wichtige Rolle spielen?

    Wer sagt uns eigentlich, dass eine staatlich geführte Bahn nicht auch in der Lage und fähig gewesen wäre, die positive Wende zu schaffen, sofern man ihr ein effizientes, straffes Management, politische Unterstützung auf nationaler und lokaler Ebene, Goodwill und natürlich die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt hätte? Andere Staatsbahnen haben dies auch geschafft; ich meine damit nicht die französische. Es ist grundsätzlich eine ideologische Glaubensfrage: Was funktioniert besser, Staats- oder Privatwirtschaft, Labour gegen Tory. Vielleicht gibt es Mittelwege? Das neoliberale Wirtschaftsverständnis gibt staatlichen Betrieben a priori wenig Chancen erfolgreich zu wirtschaften.

    In der Tat war British Rail gegen Ende des letzten Jahrhunderts in einem recht desolaten Zustand. Endlose Diskussionen um die Stillegung ganzer Netzteile (Branch Lines) beschäftigen die Gemüter von Penzance bis Inverness, Hiobsbotschaften von schweren Unfällen infolge maroder Infrastruktur machten Schlagzeilen, unzureichender Service, Streiks und die neue neoliberale Politik zerschlugen den einst stolzen, aber elativ kurzlebigen Monopolisten BR.

    Ob nun eine Rückführung der wieder auferstandenen Bahn in staatliche Obhut die sinnvollste Lösung ist, muss sorgfältig abgeklärt werden. „Never change a winning team“ könnte auch in diesem Fall eine vertiefte Überlegung wert sein. Eine gewisse Parallele zu Schweiz (Fernverkehr teilprivatisieren?) ist nicht zu verleugnen.

    • Sehr geehrter Herr Guillaume

      Vielen Dank auch für diesen Kommentar und für Ihr Interesse an unserer Website. Darf ich Sie einleitend ergänzend auf meine Antwort an Herrn Rehmann verweisen?

      Speziell an der Situation in Grossbritannien ist, dass 2017 388 Millionen Personen oder knapp ein Viertel aller Passagiere durch Arriva befördert wurden. Arriva ist eine hundertprozentige Tocher der DB AG. Auch Keolis, welche zu 70 Prozent im Eigentum der SNCF ist, betreibt in Grossbritannien neben Bus- und Tramlinien mehrere bedeutende Eisenbahnlinien.

      Mehr darüber im demnächst erscheinenden Beitrag auf unserer Website.

      Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude an unserer Website.

      Freundliche Grüsse

      Ernst Rota

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