Probleme im Nord-Süd Verkehr – aus einer anderen Optik

In diesen Tagen fuhr ich mit einem Kollegen erneut in den Tessin, um ihm den Stand der Baustelle der neuen Eisenbahnlinie zwischen Stabio und Arcisate zu zeigen. Wir trafen uns im HB Zürich um 07.00 Uhr, um mit dem EC 13 nach Lugano zu fahren.

Lag es an der Zugsnummer – der ominösen 13? Auf der Anzeigetafel wurde gemeldet, dass der Zug wegen einem technischen Problem auf der Strecke zwischen Horgen und Baar über Othmarsingen-Wohlen umgeleitet würde. Die Pannenserie setzte sich fort. In Arth-Goldau wurden den Reisenden mitgeteilt, dass unser Zug wegen einem im Gotthard-Basistunnel blockierten Zug über die Bergstrecke fahren würde. Schlussendlich trafen wir mit über einer Stunde Verspätung in Lugano ein.

Auf der langen Reise hatte ich hinreichend Gelegenheit, unseren Zugbegleiter zu beobachten. Der sympathische jüngere Herr war korrekt gekleidet und zirkulierte mehrmals durch unseren Wagen. Er wirkte ziemlich niedergeschlagen. Unsere Fahrausweise wurden nie kontrolliert. Kurz vor Lugano schritt der Zugchef mit einem Bündel von Gutscheinen durch den Zug und überreichte jedem Fahrgast wortlos einen Gutschein von CHF 5.- für Dienstleistungen der SBB.

Diese Beobachtungen stimmten mich nachdenklich. Ich fragte mich, welche Auswirkungen die häufigen Störungen auf das Personal hätten, und versetzte mich gedanklich in die Haut unseres Zugbegleiters. Mein Gedankenexperiment ergab folgendes:

  1. Grundsätzlich möchte jeder Mitarbeiter Berufsstolz und Vertrauen in seinen Arbeitgeber entwickeln. Dies ist der Motivation und der Arbeitsqualität förderlich. Auf der anderen Seite erwartet das Personal auch einwandfreie Arbeitsbedingungen und gute Betriebsmittel. Anhaltende Probleme sind diesen Erwartungen abträglich.
  2. Des weiteren ist das Personal bei Störungen Vorwürfen von unzufriedenen und frustrierten Fahrgästen ausgesetzt – für Gegebenheiten, denen die Zugbegleiter ohnmächtig gegenüber stehen. Das erfordert eine dicke Haut.
  3. Und nehmen wir an, unser Zugbegleiter hätte eine Viertelstunde nach der geplanten Ankunft unseres Zuges in Lugano mit einem geschätzten Kollegen, den er lange nicht mehr gesehen hat, eine wichtige persönliche Sache besprechen wollen?

Unsere Anerkennung gilt diesen Mitarbeitern. Umso mehr mögen die Verantwortlichen der SBB den anhaltenden Problemen Abhilfe schaffen! Zu guter Letzt stellt sich aber die Frage, weshalb nach der baubedingten Einspurstrecke bei Maroggia-Melano ausgerechnet zwischen Lugano und Lugano Paradiso eine weitere Baustelle mit einem längeren einspurigen Abschnitt eröffnet wurde.

 

 

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